Der Countdown läuft unerbittlich: Was der kurz bevorstehende Brexit für britische und europäische Orchester bedeutet.

Text · Fotos © Julia Wesely · Datum 13.2.2019

Es ist keine drei Wochen her, da trafen sich in der nordirischen Hauptstadt Belfast die Vertreter von 65 britischen Orchestern und über 100 weiteren Organisationen und Häusern zur jährlichen Konferenz der Association of British Orchestras (ABO). Aufgeladener war die Wahl des Ortes für dieses prestigeträchtige Forum lange nicht – schließlich könnte dieser Teil Großbritanniens im schlimmsten Fall in etwas mehr als 40 Tagen politisch vom Rest der Insel getrennt sein. Erst kurz vor Beginn des Treffens war Theresa May mit ihrem Deal bei der Abstimmung im Unterhaus auch noch niederschmetternd gescheitert.

Angesichts des bevorstehenden Brexit wollten die Teilnehmer über das Thema »Cross Border« sprechen, doch das ging nur abstrahiert: »Bei so wenigen verfügbaren konkreten Informationen (zum Brexit) nutzen wir die Möglichkeit lieber, um über Politik und Geografie hinaus zu blicken«, hatte der Direktor der ABO, Mark Pemberton, vorher halboptimistisch verlauten lassen. Weil sogar in diesem späten Stadium des Austritts so wenig entschieden ist, hängen die Vereinigung und ihre Mitglieder allein bei der Planung einer thematisch pointierten Konferenz in der Luft – und haben überdies generell kaum eine Möglichkeit, passgenaue Konsequenzen für ihre künstlerische Arbeit zu ziehen.

Mitte Februar hebt der 89-jährige Bernard Haitink in der Kölner Philharmonie langsam und mit vorsichtig zitternder Hand seinen Taktstock und streift die Blicke seiner Gegenüber. Rund 40 Musiker des Chamber Orchestra of Europe (COE) sitzen dort vor ihm, zwischen 26 und über 60 Jahre alt, aus gut 20 verschiedenen europäischen Ländern. Hellwach. Mozarts schattig-schöne Prager Sinfonie hatten einige von ihnen schon unter Nikolaus Harnoncourt gespielt und die Aufnahme für die Jubiläums-CD zum 25-jährigen Bestehen des COE ausgewählt. Es ist ein Werk von Bedeutung für das Ensemble, das sich als zutiefst europäisches Orchester versteht.

Das Konzert des ehemaligen Botschafter-Orchesters der EU in Köln war ein künstlerisches, ein politisches Schlaglicht – sechs Wochen, bevor mit dem Austritt Großbritanniens die Kritik an dieser friedlichen Vereinigung von 28 höchst unterschiedlichen Staaten ihre bisher schwerste greifbare Folge haben wird. Das COE ist »affiliate member« der ABO. Es hat seinen Geschäftssitz in London, in einem breiten backsteinroten Gebäude in der Great Peter Street, nur fünf Minuten fußläufig vom Westminster Palace entfernt, dem Sitz des Unterhauses. Mitten in der Stadt. Hier stimmten am 21. Juni 2016 69 Prozent der Bewohner für den Verbleib in der EU und am 15. Januar 2019 432 Parlamentarier gegen Mays Deal.

»Der Brexit ist einfach eine dumme Idee«, sagt Simon Fletcher, General Manager des COE, beim Gespräch in einer der Künstlergarderoben der Philharmonie. Für die Arbeit des Orchesters, vor allem für die frei beschäftigten Künstlerinnen und Künstler, würde ein »No-Deal-Brexit« spürbare und schwere Folgen haben. »Wir sind ein Projektorchester ohne eigene Räumlichkeiten«, sagt Fletcher. »Wo wir konzertieren, da proben wir.« Heißt: Die Musiker reisen innerhalb weniger Wochen mitunter durch etliche Länder. Zwar spielt das COE nur wenige Konzerte in Großbritannien – doch leben die Manager und ein Teil der Künstler dort. »Wir sind ein pan-europäisches Projekt«, sagt Fletcher. »Der Brexit ist so gesehen nur ein Teil des Problems.« Viel größere Sorgen mache er sich aufgrund wachsender antieuropäischer Tendenzen in allen Mitgliedsstaaten: »Im Mai ist Europawahl«, sagt er knapp. »Danach wird sich erst recht eine Menge verändern.«

Was im Falle des Brexit allein auf die britischen Orchester zukommen wird, ist noch kaum zu überschauen. In einem neunseitigen Positionspapier hat die ABO schon 2017 die Folgen austariert: Das Touren wird extrem erschwert, dabei sei es »intrinsischer Teil des Businessmodels britischer Orchester« – 2016 spielten britische Orchester Konzerte in 42 unterschiedlichen Ländern. Als meistbetourter Kontinent ist Europa andersherum ein wichtiges Ziel für internationale Orchester, wobei Großbritannien als Tourort möglicherweise schnell herausfiele. Genauso sei die Zusammenarbeit mit Gastmusikern elementar, die teils auch per Vertrag schon für die nächste und übernächste Saison verpflichtet sind. Die Mitglieder britischer Orchester kommen teils zu über 20% aus anderen EU-Ländern, genauso auch die freiberuflichen Aushilfen. Nicht zuletzt bekämen öffentlich finanzierte britische Orchester wohl Probleme mit der Spendenakquise und würden nicht zuletzt aus Spendenprogrammen wie Creative Europe herausfallen.

Zwar finanziert sich das COE ausschließlich aus privaten Spenden, doch hatte Präsident Peter Readman schon im April 2017 angedeutet, einen Geschäftssitz auf dem europäischen Festland zu erwägen. Mit der Kooperation mit dem Casals Forum in Kronberg wird das nun Realität – immerhin teilweise. Denn das COE bekommt damit ab 2021 erstmals einen eigenen Proben- und Konzertraum, eine Basis vor Ort, ein Zuhause – »mitten im Herz von Europa«, wie Fletcher sagt. Kronberg soll ein fester Arbeitsort werden, und vielleicht sogar die neue Residenz inklusive Büro – da ist man sich im Management noch nicht ganz einig. Außerdem steht wohl Berlin als Büro-Option mit auf der Karte. »Deutschland war für uns immer wie ein Gravitationsfeld«, sagt Simon Fletcher. »Wahrscheinlich wären wir früher oder später ohnehin hierhergezogen.« Die Verbindung nach Deutschland sei immer stärker gewesen als die nach Großbritannien, wo »nur« die Verwaltung beheimatet sei. »Am besten wäre es aber, in verschiedenen Städten in mehreren europäischen Ländern Arbeitsorte zu haben«, sagt Fletcher. »Das wäre nicht nur gut für das Orchester, sondern auch für den Ort. Wir könnten viel mehr bewegen.«

Andere europäische Orchester haben schon früher gehandelt. Das Barockorchester der Europäischen Union (EUBO) verlegte beispielsweise schon vor zwei Jahren seinen Geschäftssitz nach Antwerpen. Demgegenüber hat das Mahler Chamber Orchestra (MCO) das »Glück« bereits in Berlin zu sitzen.

Was der kurz bevorstehende Brexit für britische und europäische Orchester bedeuten wird, klären Hannah Schmidt und das Chamber Orchestra of Europe in @vanmusik.

Mit dem COE, hat Haitink einmal gesagt »fühle ich mich nicht wie ein Dirigent. Ich fühle mich wie ein Musiker, der mit ihnen Musik macht.« Es sei so leicht mit den Musikern zu arbeiten, das COE sei im Vergleich zu den institutionalisierten, schwerfälligen Orchester-Dampfern wie ein bewegliches Boot. Und so dirigierte er in Köln mit seiner bekannten Sparsamkeit, wenigen angedeuteten Impulsen und kleinen streichenden Gesten, vor allem aber mit Blickkontakten, die eine unglaubliche Energie generierten. Da bekam das Andante einen melancholischen, ernsten Glanz, der sich so verletzlich wie entschlossen in sich selbst verlor, in einer ewigen Gedankenschleife. Das Finale dagegen hatte eine schreckhaft-todessehnsüchtige Dramatik, aber auch nicht nur: So fein waren die Zwischenklänge und kleinen Untertöne herausgearbeitet, dass die Musik vor allem am Schluss in ihrer Ambivalenz zu schillern begann. Das geht besonders mit einem Ensemble, das das Werk kennt – und das mit Vielfalt und Uneindeutigkeiten Tag für Tag zu tun hat. Mit anderen Sprachen, mit Reisen, immer neuen Umständen. Vielleicht muss man, um so zu spielen, auch ein bisschen heimatlos sein. ¶

Hannah Schmidt

... schreibt als freiberufliche Musikjournalistin für das Feuilleton der ZEIT, das Magazin niusic.de und Publikationen wie Die Deutsche Bühne und Opernwelt. Seit Oktober leitet sie die Redaktion der Onlineplattform terzwerk.de. An der Technischen Universität Dortmund studierte sie zunächst Musik mit dem instrumentalen Hauptfach Orgel und beendet derzeit den Masterstudiengang Musikjournalismus.