»Der Wert der Berliner Philharmoniker liegt bei 2 bis 3 Milliarden Euro.«
Was für eine primitive Aussage. Eines der besten Orchester der Welt wie ein Fintech-Startup einzudampfen auf einen »Vermögenswert«. Wer kommt denn auf sowas? Und was für eine mickrige Zahl. Amazon-Gründer Jeff Bezos – Vermögen 270 Milliarden US-Dollar – ist gerade mit 2 Milliarden Euro beim FC Liverpool eingestiegen. Elon Musks Vermögen liegt – je nach Börsenform – etwa bei einer Billion US-Dollar. Das französische Start-up Mistral hat gerade drei Milliarden Euro frisches Kapital für ein KI-Modell eingesammelt. Mistral gibt es erst seit 2023. Die Berliner Philharmoniker seit 1882. Zwei Milliarden Euro in 140 Jahren klingen da nach Portokasse oder schlechter Investition.
Wieder ein kulturferner Politiker also, der der Kunst an den Kragen will? Nein? Die Berliner Philharmoniker selbst? Gibt’s doch gar nicht!
Der »unkonventionelle Perspektivwechsel auf das Orchester als Vermögensgegenstand« soll offensichtlich der »Clou« einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) sein, die die Pressestelle der Berliner Philharmoniker gestern versandte. Natürlich sei der Wert nur hypothetisch, »eine grobe Annäherung über verschiedene Bewertungsmethoden von Greenfield-Substanzwertmethoden über die kumulierte Investitionsbetrachtung bis hin zu Discounted-Cashflow Modellen und Comparables-Analysen«. Kurz: Bullshit. Aber ein bisschen Kröte muss man schlucken, schließlich hat BCG die Studie »pro bono« gemacht. Vielleicht liest sie sich auch deshalb wie ein KI-Rauschen aus Alles und Nichts. Eine Struktur lässt sich womöglich nur von einer höheren Bewusstseinsstufe aus erkennen. Dafür findet man Sätze voll eindrücklicher Einfältigkeit: »Was die Berliner Philharmoniker im Gesellschaftlichen leisten, geht über institutionelles Engagement hinaus, es ist ein Modell.« Aber war ja umsonst.
Die Studie ist die neueste Etappe eines Überbietungwettkampfs, mit dem Kulturinstitutionen seit einigen Jahren versuchen, ihre Relevanz über jeden erdenklichen Umweg »zu belegen«. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der gegenwärtigen Kulturpolitik, dass Kultur offenbar keinen Wert hat, solange sie ihn nicht nachweisen kann.
Begonnen hat es mit Corona – und der traumatischen Erfahrung, von Politik und Gesellschaft womöglich als »irrelevant« betrachtet zu werden. Daran schloss sich nahtlos die Krise kommunaler Haushalte an, unter deren Sparvorgaben insbesondere die Kultur zu leiden hat und auf absehbare Zeit wohl leiden wird.
Für die Philharmoniker ist der Kürzungsdruck weniger groß. Dafür treiben sie eigene Sorgen um: Ab 2032 wird das Stammhaus für mehrere Jahre generalsaniert, noch streiten Stadt und Bund darüber, wer dafür zahlt. Landespolitik und Orchester wiederum sind uneins, wo das Orchester seine Interimsspielstätte beziehen soll: Das Orchester bevorzugt den Flughafen Tempelhof, die Stadt das ICC. Kein Zufall, dass die BCG-Studie gerade jetzt veröffentlicht wurde – und als wichtigste Forderung an die Politik die »Sicherung einer Konzertresidenz für die Sanierungszeit« erhebt.
Um bei möglichst vielen Politikern und Entscheidern zu landen, fliegt man aus allen möglichen Richtungen ein – Exzellenz, Education, Nachhaltigkeit, Technologische Innovation, Rendite. Ein Orchester als eierlegende Wollmilchsau.
Vielleicht wurde auch einfach nur ungenau gepromptet. In all dem Sammelsurium versteigt man sich in manch Gedankengang, bei dem man beim Lesen denkt: Wäre vielleicht schön gewesen, hätte noch jemand drauf geschaut. Kultur sei ein »unterschätztes Instrument der Außenpolitik«, lesen wir da etwa gleich in der Präambel, um diesbezüglich kurz darauf Schwachstellen zu identifizieren: Zwar würden die Berliner Philharmoniker im Ausland »überwiegend mit positivem Sentiment« wahrgenommen, allerdings bleibe »die aktive kulturpolitische Nutzung bislang hinter ihrem vollen Potenzial zurück«. Erschreckt stellen die BCG-Datenprofis fest: Drei Viertel aller Länder der Welt hat das Orchester noch nie bereist! Die Plattform ist da, sie wirkt positiv, muss aber skaliert werden! Eine Tournee nach Afrika, zum Beispiel, würde »die Kulturmission des Orchesters in die Welt tragen«. Während China auf dem Kontinent mit Infrastruktur-Deals auf ›hard power‹ setzt, kontert Deutschland mit ›soft power‹. Am deutschen Orchesterwesen soll die Welt genesen.
Den Top-Beratern bleibt natürlich nicht verborgen, dass die Realisierung solcher Tourneen womöglich »finanziell komplex« werden könnte, schließlich sei »die Kaufkraft in Afrika geringer« (aus Gründen). Dies biete aber eine einmalige Gelegenheit für Großsponsoren, einzuspringen. Solche ›out of the box‹-Ideen sollten die Philharmoniker nicht eilfertig vom Tisch wischen. Denn mit Außenpolitik und Investitionen kennt sich BCG aus. Gerade letztes Jahr erst waren deren Berater beteiligt an einem Projekt zur Nachkriegsentwicklung Gazas. Das Modell sah unter anderem die Errichtung einer »Elon Musk Smart Manufacturing Zone«, und einer »Trump Riviera« nach dem Vorbild Dubais vor – und die »freiwillige« Umsiedlung von bis zu 500.000 Palästinensern in Nachbarländer. Auch in Gaza waren die Philharmoniker noch nicht.
In der Zielgruppenansprache erkennt BCG ebenfalls Nachholbedarf für die Philharmoniker. »Das Stammpublikum ist – wie in der gesamten Klassikbranche – überwiegend älter«, lesen wir da in analytischer Messerschärfe. Bestehende Angebote reichten nicht aus, »um das Publikum in seiner Breite nachhaltig zu verjüngen« – schließlich verlagere sich »kultureller Konsum zunehmend weg von der rein puristischen Aufführung hin zu ganzheitlichen Erlebnisformaten«. Aber eine international führende Strategieberatung wäre keine international führende Strategieberatung, wenn sie nicht auch hierfür eine unkonventionelle Handlungsempfehlung parat hätte – ›hands on‹‹: Multimediale oder stärker inszenierte Konzertformate«, »immersive Formate, erweiterte Klangerlebnisse und KI-gestützte Anwendungen«.
Der heilige Gral bleibt aber die Umwegrentabilität. »Jeder Euro öffentlicher Kulturförderung löst mehr als 3,50 Euro wirtschaftliche Rückflüsse aus«, stellte eine Studie des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung im Juni für Berlin fest. Woanders lautete das Ergebnis sogar schonmal 1:4. Für die Philharmoniker »errechnet« BCG für jeden Euro öffentlicher Zuwendung »einen volkswirtschaftlichen Multiplikatoreffekt von bis zu Faktor 3«. Wie das Unternehmen auf diesen Wert kommt, bleibt, wie so vieles an dieser »Studie«, rätselhaft.
Ähnlich wie viele »Gottesbeweise« funktioniert auch der »Rentabilitätsbeweis« nur unter Zuhilfenahme zahlreicher Annahmen – und Auslassung eines kontrafaktischen Szenarios (welche wirtschaftlichen Effekte hätten die gleichen Euro woanders erzeugt?). Zur Berechnung des »Return on Invest« werden Ausgaben addiert, die ein Besucher im Zusammenhang eines subventionierten Theater- oder Konzertbesuchs tätigt: das Getränk zum Vorglühen, der Restaurantbesuch danach, die Hotelübernachtung für auswärtige Gäste oder die Taxifahrten. Vielleicht hätte der Besucher seine Ausgaben aber auch unabhängig vom Konzertbesuch getätigt, vielleicht sogar noch viel höhere, weil er statt zwei Stunden in einem »puristischen Konzert« zu sitzen zwei Stunden gegessen und getrunken hätte. Vielleicht wäre der Tourist eh nach Berlin gereist, auch ohne die Philharmoniker. Vielleicht hätte er sogar noch viel mehr Geld ausgegeben, wenn er statt der Philharmonie den immersiven Musical Dome auf dem Tempelhofer Feld besucht hätte, sponsored by Google.
In den Wirtschaftswissenschaften sind die methodischen Schwächen der »Umwegrentabilität« längst dokumentiert. Das ganze Konzept ist ein bisschen shady, weshalb es eigentlich nur in kulturpolitischen Gefälligkeitsgutachten kursiert. Dort erfüllt es aber ihren Zweck. Von Kulturschaffenden, Medien und Politik wird der süffige Slogan von der »rentablen Kultur« gerne und kritiklos übernommen. Es muss sein, was sein soll. »Berliner Philharmoniker sind Milliarden wert – und spielen damit in einer Liga mit Champions-League-Vereinen wie dem FC Bayern«, schreibt BR Klassik begeistert.
Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey hat bereits vor mehr als dreißig Jahren in seinem Buch ›Musen und Märkte‹ darauf hingewiesen, dass die ökonomischen Effekte von Kultursubventionen häufig überschätzt werden – und Investitionen in andere Bereiche ein Vielfaches an Wirkung entfalten könnten. Wenn der Wert von Kultur aus ihrer Rentabilität abgeleitet wird, kann sie also ganz schnell ziemlich wertlos werden. Später wurde Frey einer der Pioniere der ökonomischen Glücksforschung. Das ist nur logisch. Denn für den Weinberg der Philharmonie gilt, was Frey für Investitionen in teure Weine feststellte: »Die sicherste Rendite ist der Genuss.« ¶
[Während des Schreibens dieses Textes hat sich Elon Musks Vermögen um 220 Millionen US-Dollar vergrößert.]

