Titelbild: Bill Domonkos (CC-BY-SA)

Als VAN mich bat, eine Rezension zu einer von einer künstlichen Intelligenz geschaffenen Version der zehnten Symphonie von Beethoven (basierend auch den  dürftigen Skizzen, die der Komponist vor seinem Tod niedergeschrieben hat, und getauft auf den Namen Beethoven X: The AI Project) zu schreiben, reagierte ich, um ehrlich zu sein, sehr verhalten. »Das ist nichts für mich«, meinte ich. »Ich weiß schon jetzt, was ich davon halte, und mein Kommentar dazu könnte ziemlich bissig werden.« »Kein Problem«, antwortete VAN. »Nagut«, stöhnte ich. Und so schreibe ich jetzt diesen Text. 

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich ein Dutzend Jahre meines Lebens damit verbracht habe, eine umfangreiche Beethoven-Biografie zu schreiben. Das macht mich nicht zur ultimativen Beethoven-Autorität, aber ein wenig weiß ich schon über diesen Mann und sein Werk.

Das Beethoven-X-Projekt scheut sich in seiner Eigenwerbung nicht vor blumigen Ausdrücken, auch nicht bei der Beschreibung der bisher erbrachten Leistungen des Teams. (Der Komponist der Crew, Walter Werzowa, erlangte vor allem durch einen Intel-Fernsehjingle und den Hit Bring me Edelweiß Bekanntheit.) Ich nehme mir den dritten und vierten Satz dessen vor, was dieser Computer ausgespuckt hat, nachdem die Programmierer ihn mit einer ziemlich großen Portion Beethoven-Daten gefüttert haben. Ich will mich wirklich darauf einlassen. Denn wenn ich von einer Sache wenig erwarte, finde ich es immer umso schöner, überrascht zu werden. Beim Schlussakkord bin ich weniger verärgert als vielmehr über philosophische Fragen ins Grübeln geraten. Und mit diesen möchte ich nun beginnen.

Das Beethoven X-Projekt wäre nicht das erste, bei dem menschliche Leistungen von Maschinen übertroffen werden. Man erinnere sich nur – allerdings im Bereich der Fiktion angesiedelt – an die maschinell erstellten Melodien, die Winston Smith in Orwells 1984 bewegen. Im echten Leben besiegte 1997 der IBM-Computer Deep Blue den amtierenden Schachmeister Garri Kasparow. Als der IBM-Supercomputer Watson 2011 einige Jeopardy!-Sieger schlug, bemerkte einer der Spieler, dass Watson viele Gemeinsamkeiten mit anderen erfolgreichen Jeopardy!-Spielern hatte: »Er ist sehr klug, sehr schnell, spricht stockend und monoton und hat noch nie eine Frau berührt.« (Watson hat eine Million Dollar für den Sieg kassiert, was auch immer er damit gemacht hat.) Ich muss außerdem unweigerlich an HAL denken, den sprechenden Computer in 2001: Odyssee im Weltraum, der so programmiert ist, dass er Empathie ausdrücken kann, und bei dem sich herausstellt, dass er echte Emotionen hat und zum Beispiel in Panik verfallen kann.

Und an das aufregende Gefühl bei einem Baseballspiel, wenn ein Defensiv-Spieler fast in die Tribüne springt, um einen Ball zu fangen und ihn dann unglaublich schnell und weit direkt auf das Schlagmal zu werfen, sodass der Läufer ausscheidet. Das kommt nicht sehr häufig vor. Ein Computer mit einem Wurfarm könnte diese Aufgabe jedes Mal fehlerfrei absolvieren. Eine einfache Maschine könnte einen Ball viel weiter schleudern als ein Mensch.  

Mir fällt ein, was mir einer meiner Kompositionslehrer mal über seine ersten Erfahrungen mit elektronischer Musik erzählt hat: Als er anfing, mit einem analogen Synthesizer und Tonband zu arbeiten (wie  in den 70er Jahren üblich), wollte er komplexe Rhythmen kreiieren, deren Ausführung die Fähigkeiten menschlicher Musiker:innen übersteigt. Und genau das tat er – um zu erkennen, dass es nach nichts klang, ungefähr so interessant wie wenn man eine Handvoll Kies auf ein Blechdach wirft. Das heißt: Es war nicht zu gebrauchen. »Mir wurde klar«, sagte er, »dass ich gerade die Intensität wollte, die entsteht, wenn echte Musiker:innen mit komplizierten Rhythmen kämpfen.«

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Eine Freundin von mir war zu Lebzeiten eine, wie ich finde, sehr gute Malerin, obwohl wahrscheinlich nur wenige sie kennen: Francis Gillespie. Sie saß ein Jahr oder noch länger an einem Blumengemälde und mühte sich ab, die Pflanzen nahezu fotorealistisch darzustellen. Sie wusste genau, dass sie nicht über die nötige Technik verfügte, um das zu schaffen. »Ich bin wirklich so ein Primitivling«, sagte Fran immer wieder grimmig über ihre Arbeit gebeugt. Aber das Eigene an ihren Bildern ist gerade dieses grandiose Scheitern ihres Versuchs. Ihre Bilder sind wunderschön, sie kommen Fotos sehr nah, aber gleichen ihnen doch nicht ganz, und das macht sie einzigartig. Genauso rührt der Reiz beim Baseball daher, dass selbst die besten Batter in zwei Dritteln der Fälle den Ball nicht treffen.

Ich glaube, mein Standpunkt ist soweit klar geworden: Die Fähigkeit einer Maschine, etwas zu tun, was normalerweise Menschen tun – und sie noch darin zu übertreffen –  ist nur beim ersten Mal interessant. Deep Blue spielt nicht mehr Schach  und Watson ist nicht mehr bei Jeopardy!, weil es niemanden juckt. Es spielt keine Rolle. Wir Menschen wollen Menschen in Aktion sehen: Willie Mays, der einen Ball fängt, bei dem keiner das für möglich gehalten hat. Wenn es um Kunst geht, wollen wir sehen, wie echte Frauen und Männer gegen die Mittelmäßigkeit kämpfen, die unser aller natürliches Los ist, und irgendwie in einer Mischung aus Talent und Glück das Unmögliche schaffen: etwas zustande zu bringen, das großartig und bewegend ist – oder lustig oder erschreckend oder was auch immer.

Das ist der eine Grund, aus dem ich von DeepLudwig nicht viel erwarte. Der zweite betrifft meine generelle Haltung gegenüber Computern im Allgemeinen und künstlicher Intelligenz im Besonderen, wenn es um darum geht, ihnen menschliche Aufgaben zu übertragen. Ich behaupte: Wahre Intelligenz wohnt in einem Körper. Intelligenz außerhalb eines lebenden Körpers, in einer irgendwie abstrakten Form, ist von Natur aus unmöglich, oder man sollte ihr einen anderen Namen geben. Wenn es um die wichtigen Dinge des Lebens geht – Liebe, Verlust, Lust, Sehnsucht, Wut, Verwirrung, Gott, unsere Ehrfurcht angesichts des Kosmos und so weiter – kann künstliche Intelligenz nicht kompetent sein und wird bedeutungslos. Sie ist wahrscheinlich in der Lage, das Wetter besser vorherzusagen und andere nützliche, vielleicht sogar dringend notwendige Antworten zu liefern. Niemand bestreitet, dass KI in der Lage ist, eine sehr gute Mausefalle zu bauen. Wenn der Mensch es richtig anstellt, könnte KI die Welt retten. (Sie könnte aber auch die  Weltherrschaft übernehmen, wie Stephen Hawking befürchtete, aber das ist ein anderes Thema).

Künstliche Intelligenz kann also Kunst nachahmen, aber sie kann dabei nichts ausdrücken, weil sie, abgesehen von der Definition des Wortes, nicht weiß, was Ausdruck ist. Sie weiß auch nicht, was Aufregung ist (nicht ohne Grund spricht man bei Aufregung oft von Herzklopfen und das haben Computer nun mal nicht). Wenn Computer Kunst machen wollen, dann reißt es sie nicht in einen Strudel kreativer Trance, an dessen Ende eine harte Deadline steht, sie können die Hitze oder Kälte im Raum nicht fühlen, nicht die Erregung, nicht Scheitern oder Erfolg beim Zeichnen eines Fußes, der wirklich auf dem Boden zu stehen scheint, oder dabei, einen rhythmischen Schwung aufs Papier zu bringen, sie erleben nicht, wie es ist, Müll zu schreiben, den man dann wieder ausbessern muss, oder einen Abschnitt, der wirklich gut ist und bei dem man sofort merkt, wo er hin will, nicht die Gedanken an die Person, für die man gerade schwärmt und von der man hofft, dass sie dasselbe für einen selbst tut, und an die Idiot:innen, die glauben, so gut schreiben zu können wie man selbst, und auch an die Arschlöcher, die wirklich besser schreiben. Computer werden nicht davon beeinflusst, was es zum Abendessen gab und ob es geschmeckt hat, dass ständig Haare auf die Seite fallen und Tinte oder Farbe teuer sind – ganz zu schweigen von den Proben mit einem Symphonieorchester und so weiter und so fort, während man in Trance versucht, mit Worten oder Tönen oder Bildern, sagen wir mal, ein Porträt zu schaffen von diesem Mann oder dieser Frau, der oder die die Mühe hoffentlich zu schätzen weiß. Neben all dem und vielleicht sogar über all dem steht der unerbittliche Wille, diesmal etwas wirklich Gutes hinzukriegen, aus den oben genannten Gründen, oder weil man die Öffentlichkeit überzeugen will oder Gott, oder weil man die Miete bezahlen muss, oder um sich selbst zu zeigen, dass man irgendwas auf die Reihe kriegt, das zumindest in die Richtung von etwas wirklich Gutem geht, in diesem verfluchten Unterfangen, von dem man glaubt, dass man dazu geboren wurde, und ohne das das Leben sinnlos erscheint.

All das kann man nicht in Computercode hineinschreiben. Um es noch einmal zu sagen: Die einzig wahre, Intelligenz befindet sich in einem Körper, und ebenso die einzig wahre Kreativität. Mit »Körper« meine ich auch den Geist, der im Gehirn wohnt. Und das Gehirn ist das komplexeste Ding im Universum. Das bringt uns zu einer Besonderheit bei Beethoven: Im Gegensatz etwa zu Mozart und Bach hört man bei ihm oft die Anstrengung, den Kampf, fühlt, was es ihn gekostet hat, sich über das allgemeine Mittelmaß – und häufig auch die Mittelmäßigkeit seiner Skizzen – zu erheben, zu etwas, das er für würdig hielt, seinen Namen zu tragen, würdig, auf ewig einen Platz in der Geschichte der Musik und der Menschheit einzunehmen, würdig auch seinem gottgegebenen Talent. Und man hört, dass auch Beethoven seine Miete zahlen musste.


All das ging mir durch den Kopf, als ich zähneknirschend zusagte, eine Rezension zu KI-Beethovens Zehnter zu schreiben. Aber kommen wir jetzt endlich vom Philosophischen zum Musikalischen.

Beginnen wir mit dem »Radio-Test«: Wenn ich das Radio anschalten und diese Musik hören würde, würde ich dann vermuten, dass es Beethoven ist? Nein. Das Orchester klingt nicht nach Beethoven. Wenn überhaupt, dann klingt es eher wie ein Orchesterwerk von Robert Schumann, also etwas klobig – obwohl auch Schumann selten so klobig ist. Die Behandlung der Instrumente ist soweit passend, der Klang ist durchsichtig, es gibt eine gewisse Farbvielfalt, aber letztendlich wirkt das Werk ziellos, uninspiriert und manchmal seltsam bemüht, zum Beispiel in den pompösen Posaunenpassagen, die Ludwig so nie geschrieben hätte.

Könnte diese Zehnte noch als schlechter Beethoven durchgehen? Auch das nicht. Beethoven hat in der Tat geschmackloses Zeug geschrieben, aber der Unterschied ist: Der Computer gibt hier sein Bestes, während Beethoven beim Komponieren seiner miesen Stücke meistens irgendeinen Schrott abliefern wollte. Und auch darin war er wirklich gut. Das beste Beispiel hierfür ist Wellingtons Sieg, ein herrlich kitschiges Orchesterstück über den britischen Sieg über Napoleon (inklusive Musketensalven in der Partitur), das mit patriotischem Gesülze die Massen begeistern und Beethoven einen Haufen Geld einspielen sollte – was auch gelang. An den Rand einer vernichtenden Zeitungskritik zu diesem Stück kritzelte Beethoven: »Ach du erbärmlicher Schuft, was ich scheiße ist beßer, als was du je gedacht.« Damit meinte er nicht seine Ausscheidungen, sondern diese raffiniert gestaltete Cashcow, die genau das tat, was sie sollte. (Einige der Höhepunkte in der KI-Zehnten sind ganz offensichtlich an Wellingtons Sieg angelehnt.)

Und wie steht es um das musikalische Material, das uns der Computer liefert? Die Grundlage bilden die Skizzen Beethovens, zusätzlichen haben die Macher:innen die KI so programmiert, dass sie ähnliche motivische Entwicklungen ausspuckt, wie sie auch bei Beethoven aus einfachem Material hervorgehen. Nehmen wir als Beispiel den Dah-dah-dah-dum-Rhythmus, mit dem die Fünfte Symphonie beginnt und der das gesamte Stück in ständig wechselnden Formen durchzieht. Das ist etwas, das auch ein programmierter Komponist verstehen kann: Er kann ausgehend vom Gerippe der Beethovenschen Skizzen pflichtbewusst Ideen entwickeln. Schon hier fangen allerdings die Probleme an: Erstens verarbeitet ein gutes, durchdachtes und gegebenenfalls im Kompositionsprozess immer wieder überarbeitetes Beethoven-Thema nicht nur die Ideen des Stücks auf logische Weise, es ist vor allem ein gutes Thema – nach Beethovens Maßstab, der zufällig dem Maßstab der meisten Menschen sehr ähnlich ist. Es ist eine Skizze überliefert, die zeigt, dass Beethoven als zweites Themas des zweiten Satzes der Fünften Sinfonie zunächst ein anderes vorschwebte als das uns bekannte. In dieser schlussendlich durchgefallenen Version kommen Motive und Formen vor, mit denen Beethoven im Verlauf des Stücks arbeitet, aber die Melodie ist ziemlich fad, und so hat er sie durch eine ersetzt, die zwar nicht logischer, aber viel interessanter und ausdrucksstärker ist. Künstliche Intelligenz kann aber nun mal nicht verstehen, was lebende, atmende, liebende, lüsterne, strebende … Menschen als »interessant« und »ausdrucksstark« empfinden.

Viele Skizzen Beethovens, selbst die seiner größten Werke, sind bieder und langweilig. Außerdem sind sie meist in einer einzigen Zeile notiert, während er im Kopf ein Streichquartett oder ein ganzes Orchester hörte. Er arbeitete stets auf ein Gesamtkonzept hin, wie etwa die Entwicklung »durch Nacht zum Licht« in der Fünften Symphonie, die in den Skizzen vielleicht gar nicht erkennbar ist. Oft sieht man in den Skizzen nur, wie er ganz Durchschnittliches verfeinert und in etwas Frisches und Bemerkenswertes verwandelt, und das immer im Kontext des gesamten Werks. Manchmal gelingt es ihm, eine schlichte Idee über sich selbst hinauswachsen zu lassen, ihre Einfachheit in etwas Hinreißendes zu verwandeln, wie bei der banalen kleinen zweitaktigen Volksmelodie, die im Trio des Scherzos der Neunten Symphonie wieder und wieder erklingt und so irgendwann zu einer Art Definition von Frieden und Freude wird. In der zehnten KI-Symphonie hocken die Beethoven-Ideen unfertig nebeneinander, nackt in ihrer Einfachheit. Sie werden verarbeitet, aber sie arbeiten nicht aus sich selbst heraus. 

Und zu guter Letzt muss ich als Musikkritiker anmerken, dass DeepLudwig ein Rhythmus-Problem hat. 

Kunstfertige Komponist:innen können durch Rhythmen die Energie und den Fluss eines Stücks aufrechterhalten, indem sie bei Bedarf abbremsen oder intensivieren. Beethoven komprimierte Rhythmen gerne, um ein Stück in Schwung zu bringen. Das geht ungefähr so: dum dum diddlediddle, dum dum diddlediddle, dum diddlediddle, dum diddlediddle, diddlediddlediddle… usw.  Unser Computer weiß aber nicht, was er mit so einem Schwung anfangen soll. Die Rhythmen sitzen bei ihm einfach nur da und führen nirgendwohin. Es gibt Höhepunkte an den formal richtigen Stellen, so wie es der Computer gelernt hat, aber sie sind unverdient. 

Der Musikwissenschaftler Jan Swafford erklärt, warum der Versuch, eine künstliche Intelligenz Beethovens Zehnte Symphonie komponieren zu lassen, in philosophischer und musikalischer Hinsicht scheitert. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Was wollten die Schöpfer der zehnten KI-Symphonie eigentlich erreichen? Wollten sie, dass das Stück ins Beethoven-Repertoire aufgenommen und weltweit von Orchestern gespielt wird? Ich hoffe nicht, denn das wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Wollten sie (wie die Schöpfer von Watson und Deep Blue), indem sie Computer scheinbar menschliche Denkleistungen ausführen lassen, zeigen, wozu diese in der Lage sind – nämlich schneller und zielgerichteter als Menschen zu denken? Wenn ja, dann muss ich zugeben, dass ihnen das mehr oder weniger gelungen ist: Nach einer beeindruckenden Programmierleistung ihrer menschlichen Macher:innen hat die KI etwas geschaffen, das zweifellos wie ein Musikstück klingt, nur eben ein ungelenkes, das eigentlich niemand braucht. 

So müssen wir uns leider auch in Zukunft damit abfinden, dass das Schicksal uns Beethovens Zehnte einfach nicht vergönnt hat –  genau wie die Vollendung der vielen Entwürfe, die Mozart hinterlassen hat. Gegen Ende seines Lebens erklärte Beethoven einem Freund, dass er in der zehnten Symphonie eine neue Art von Schwerkraft zu entdecken versuche. Wir werden nie erfahren, was er damit gemeint hat, aber wir können davon träumen. Träumen ist aber wiederum etwas, was ein Computer niemals können wird. ¶