Zwei Monate vor Beginn der Sommerferien in Bayern zieht der Präsident des Bayerischen Musikrats, Bernd Sibler, eine Zwischenbilanz zum ersten Schuljahr ohne festgelegte Stundenzahl für den Musikunterricht an bayerischen Grundschulen. »Flexibilisierung« lautete das Zauberwort der Reform, die Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) Anfang 2024 vorstellte. Musik, Kunst und »Werken und Gestalten« wurden im Zuge dessen in den Klassen 3 und 4 zu einem Fächerverbund zusammengefasst, der mit vier bis fünf Stunden pro Woche zu unterrichten ist. In den Klassen 1 und 2 bestand dieser Fächerverbund ohnehin schon, bis zum Beginn des Schuljahrs 2024/25 waren an bayerischen Grundschulen in den Klassen 3 und 4 für die ästhetischen Fächer feste Stundenkontingente vorgeschrieben: zwei Stunden pro Woche für das Fach Musik, eine für Kunst und zwei für »Werken und Gestalten«. Wie groß die Anteile der Fächer seit der Reform sind, welche Schwerpunkte gesetzt werden und ob es sogar ganze Halbjahre ohne Musikunterricht gibt, liegt seitdem in den Händen der jeweiligen Lehrkraft. Ist diese nicht besonders musikaffin oder sieht sich dem Musikunterricht nicht gewachsen, gerät der in den Hintergrund. Das wiederum setzt eine ganze Abwärtsspirale in Gang – denn welches Kind soll ohne guten Musikunterricht an der Grundschule die eigene Musikalität entdecken oder sogar auf die Idee kommen, später selbst Musik unterrichten zu wollen?
»Man spürt, dass wir hier wirklich aufpassen müssen«, erklärt jetzt auch Bernd Sibler in einer Pressekonferenz. Noch lägen keine konkreten Zahlen zum Umfang der tatsächlich gegebenen Musikstunden vor, informelle Umfragen deuteten jedoch darauf hin, »dass die Musik an den Rand gedrückt wird«. Eine offizielle Erhebung habe die Kultusministerin noch für dieses Jahr angekündigt. Dass nach der Reform weniger Musik unterrichtet wird, ist insbesondere zu befürchten, weil auch in Bayern laut Sibler in musikpädagogischen Berufen ausgebildetes Personal fehle. Trotzt relativ stabiler Zahlen von Absolvent:innen an den bayerischen Musikhochschulen gingen die Lehramtsstudierenden am Übergang in den Schuldienst »verloren«.

