Sir John Eliot Gardiner, Ton Koopman und Masaaki Suzuki – ob diese drei schon einmal im Lichte der Öffentlichkeit in einem Raum zusammen waren? An diesem Freitagmorgen sitzen sie wie Kinder vor der Bescherung im Sommersaal des Leipziger Bacharchivs. Heute soll er losgehen, der »Leipziger Kantatenring 2018«. Das heißt: 33 geistliche Kantaten von Johann Sebastian Bach gelangen innerhalb von 48 Stunden an den Originalstätten des berühmten Thomaskantors zur Aufführung – einmal quer durchs Kirchenjahr. Ein Mammutprojekt!

Als ein Reporter fragt, welche Bachkantate die Herren bei ihrer Beerdigung wohl hören möchten, reagiert Gardiner (*1943) blitzschnell und gibt die Frage an den nur unwesentlich jüngeren Koopman (*1944) weiter: »You first…«. Gelächter! Koopman ist nun nicht einer, der mit britischem Humor zurückschlägt, sondern sagt lediglich, dass man die Sterbekantate nicht selbst aussuchen solle. Und Gardiner, wieder ernst geworden, wünscht sich am Grab keine Kantate, sondern lieber eine Motette: Komm, Jesu, komm.

Vorher aber musste Sir John noch seinen aktuellen Leipziger Kirchenfrust ablassen: »Als wir 2000 während unserer Bach Cantata Pilgrimage in die Nikolaikirche kamen, wurden wir von Pastor Christian Führer dort empfangen – einem wunderbaren Menschen. Er machte alles für uns möglich.« Und heute? »Als wir jetzt in diese Kirche zum Proben kamen, wurde uns gesagt, wir dürften die Kanzel nicht benutzen, denn die wäre den Pastoren vorbehalten. Dabei wollten wir da nur hinauf, wenn reiner Bibeltext gesungen wird. Aber nein, verboten!« Gardiner ist verärgert: »Für mich ist das bezeichnend für das Unverständnis und die Engstirnigkeit der Geistlichkeit in musikalischen Dingen!« Wumms.

Zehn Stunden später sieht das Publikum in der ausverkauften Nikolaikirche, dass sich ein John Eliot Gardiner von Pastoren nichts verbieten lässt: Hoch auf der Kanzel der Nikolaikirche singt Bassist Peter Harvey das Rezitativ mit den Worten aus der Offenbarung: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer aber meine Stimme hören wird und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.« Geht doch.

Neben Harvey brillierte von Gardiners Solisten, die allesamt auch im Chor mitwirkten, besonders Altus Reginald Mobley, der mit weichem Timbre, sensationeller Textbehandlung und großer sängerischer Suggestivkraft überzeugte, besonders in der Arie Wenn kömmt der Tag, an dem wir ziehen aus dem Ägypten dieser Welt aus der Kantate Wachet! Betet! Betet! Wachet! (BWV 70)

Wenn kömmt der Tag, an dem wir ziehen aus dem Ägypten dieser Welt, hier mit Michael Chance

Die hörte man am Eingangsabend allerdings früher als erwartet. Gardiner hatte am ersten Abend Advent und Weihnachten zu erledigen und sich dafür vier erlesene Kantaten zusammengesucht. Warum er aber dann die Kantate für den ersten Advent Nun komm der Heiden Heiland (BWV 61) in Änderung des Programmes vom Anfang des Konzertes vertrieb und angeblich aus »dramaturgischen Gründen« den ganzen Kantatenring mit der Kantate Wachet! Betet! Betet! Wachet! (BWV 70) begann, wird sein Geheimnis bleiben. Gibt es einen besseren Beginn für das Kirchenjahr als die französische Ouvertüre des Eingangschores aus BWV 61, zumal sich dann jede Stimme des Chores mit der ersten Choralzeile einzeln vorstellt?

Ansonsten: Gardiner und die Seinen sind schon ein Gesamtkunstwerk mit ihrer Power und grandiosen musikalischen Gestaltungskraft. Leider gerät dabei manches sehr bombastisch. Zudem befleißigen sich die Monteverdis aus England neben einer exzellenten auch immer wieder einer grotesk übertriebenen Aussprache der Konsonanten, die dann affektiert und plattitüdenhaft wirkt – schade. Ein bisschen schien Gardiner eben nach dem James-Bond-Motto »Die (Bach-)Welt ist (mir) nicht genug« vorzugehen und das führt dann trotz der bewundernswerten Exzellenz eben auch solche Phänomene mit sich, die nerven. Merke: Konsonanten will man zwar hören, aber sie sollten nicht zum Fetisch werden!

Tags drauf um 12 Uhr mittags setzte Ton Koopman den Kantatenring fort und brachte damit eine Konzertfolge in Gang, die den Zuhörer*innen bis zum späten Sonntagabend zwischen den Konzerten meist nur eine knappe Stunde Pause ließ, um zu begreifen, was sie da eigentlich erlebt hatten.

In Sachen Interpretation kann man sich kaum einen größeren Gegensatz zu Gardiners Turbobach vorstellen als das sensible Musizieren von Koopmans Ensemble, das deswegen aber keineswegs über weniger dynamische Schattierungen verfügt. Koopman hat vor sich die Truhenorgel stehen, mit deren Hilfe er bei Rezitativen und Arien mit seinem Amsterdamer Ensemble als leitender Mitspieler förmlich verwächst. Sein Stil kommt deutlich weniger martialisch daher als Gardiners, kann aber trotzdem viel Spaß machen. So flutete Freude den weiten Raum der Thomaskirche, als Koopman den pompösen, horngetränkten Beginn der Kantate zum Epiphaniasfest Sie werden aus Saba alle kommen (BWV 65) in sehr rasantem Tempo anging, deutlich schneller als Gardiner und auch als Altmeister Harnoncourt das auf ihren Aufnahmen praktizieren. Fröhlichere Jäger des verlorenen Schatzes kann man sich kaum denken!

Erster kontemplativer Höhepunkt des Kantatenrings war dann die Solokantate Ich habe genug (BWV 82) mit dem unvergleichlichen Klaus Mertens! Er ist der engste musikalische Vertraute Koopmans in Sachen Bach, denn er wirkte wirklich bei (fast) jeder Aufnahme von Koopmans Gesamtaufnahme mit und hat in den vergangenen 30 Jahren Maßstäbe gesetzt. Kaum zu glauben, dass der Sänger nächstes Jahr bereits 70 wird. Die Massen in der Thomaskirche begeisterte er mit seinem tollen Timbre und seiner noblen, vielschichtigen Sprachgestaltung mühelos. Bei Schlummert ein, ihr matten Augen hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Ad multos annos kann man da nur wünschen.

Als letzter der großen Drei griff dann am Samstagnachmittag Masaaki Suzuki mit seinem Bach Collegium Japan in das Geschehen ein. Kirchenjahreszeitlich war bereits die Schwelle zur Passionszeit erreicht, und es war, als hätt’ der Himmel die Erde geküsst – wenn auch nicht still, wie in Eichendorffs Mondnacht, sondern klingend: Altus Robin Blaze sang Leget euch, dem Heiland unter, Herzen, die ihr christlich seid von der Empore in die Weite des Raumes – klar konturiert, sensationell sauber und magisch mild!

Leget euch, dem Heiland unter, Herzen, die ihr christlich seid, hier mit Matthew White.

Bei Suzuki imponiert in besonderer Weise die Einheit von Klang und Kraft seines Chores, der dank Suzukis kraftvoll zusammenhütenden Dirigates und Esprit mit dem ebenfalls formidablen Orchester zu einer kompakten Einheit mit dynamisch differenziertem Ausdruck zusammenwächst, ohne in Gefahr zu geraten, ins Klischeehafte abzugleiten. Mitreißend!

Spätestens mit Suzukis erstem Konzert befindet man sich im Bach-Flow, vergisst die Hitze und die stickige Luft, die sich auch in den weiten Kirchenräumen in St. Thomas und St. Nikolai eingenistet hat, ignoriert schmerzende Glieder ob harter Bänke und taucht ein in die wunderbare Welt der Bachkantaten. Ein musikalisches Schlaraffenland für Bachianer und solche, die es werden wollen.

Neben Gardiner, Koopman und Suzuki besticht aber auch die Darbietung der Gächinger Kantorei – pardon, seit neuestem heißt sie »Gächinger Cantorey« – mit ihrem neuen Leiter Hans Christoph Rademann. Sie singen zwar nur ein Konzert, darin aber die ausgedehnte Kantate Ich hatte viel Bekümmernis (BWV 21), mit der sie die Nikolaikirche zum Toben bringen. Nicht zuletzt dank der berückenden Sopranistin Dorothee Mields.

Ich hatte viel Bekümmernis, hier mit Amsterdam Baroque Orchestra & Choir.

Und auch der Thomanerchor kann in der Samstagnachmittagsvesper, genannt »Motette«, mit Herr Jesu Christ, wahr‘ Mensch und Gott (BWV 127) sehr gefallen – die einzige Aufführung des Kantatenrings mit »modernen« Instrumenten übrigens, da die Thomaner ja traditionell bei der Motette mit dem Gewandhausorchester verbandelt sind, und man gewinnt den Eindruck, die Arbeit mit dem Alte-Musik-versierten Thomaskantor Gotthold Schwarz hilft die Kluft zu den Spezialensembles zu schließen.

Herr Jesu Christ, wahr‘ Mensch und Gott, hier mit dem Collegium Vocale Gent.

Am Ende sind alle glücklich, und bis zum Schluss gibt es kaum Lücken in den Reihen der Zuhörer der ausverkauften Konzerte. Das hätten sich die Verantwortlichen um John Eliot Gardiner, Michael Maul und Peter Wollny sicher höchstens träumen lassen. Ihr Konzept, die Kantaten aus dem Schatten der Bachblockbuster, die da heißen Matthäus-Passion, Johannes-Passion, h-Moll-Messe und Weihnachtsoratorium herauszuholen, ist aufgegangen.

Bach abseits der Blockbuster. Leipziger Kantatenring in @vanmusik.

Kein Wunder, dass Pläne, einen zweiten Kantatenring zu veranstalten, am Rande bereits laut werden. Vielleicht mit einem anderen Konzept, einem, das nicht ganz so kostspielig ist, wie das jetzige, für das internationale Spitzenensembles eingeflogen und honoriert werden mussten? Warum könnte man einen neuen Kantatenring nicht ausschreiben? Es gibt in Deutschland so viele exzellente Kammerchöre, für die ein Konzert mit Bachkantaten in den Leipziger Hauptkirchen vor internationalem Publikum sicherlich die Krönung des Jahres wäre. Das wäre doch mal was anderes und brächte das Bachfest Leipzig in der Chorszene ins Gespräch. 33 geeignete andere Bachkantaten für einen zweiten musikalischen Parforceritt durchs Kirchenjahr zu finden, wäre bei 200 vorhandenen jedenfalls das geringste Problem – auf dass erneut die Zeit stillstehe.¶

Reinhard Mawick

... geboren 1966, ist evangelischer Theologe und Journalist. Seit 2014 ist er Chefredakteur des Monatsmagazins zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft in Berlin. www.zeitzeichen.net