Im Frühsommer 1923 besucht der belgische Komponist Eugène Ysaÿe ein Konzertrezital des 30-jährigen Geigers Joseph Szigeti. Ein Jahr zuvor war er von einem vierjährigen Aufenthalt in den USA zurückgekehrt und fand sich jetzt an der Peripherie des europäischen Musiklebens wieder. Seine eigene Karriere als größter Geiger seiner Zeit, der, wie sein Kollege Carl Flesch später schrieb, »auf einsamer Höhe stand, alle seine geigenden Zeitgenossen turmhoch überragend, eine Klasse für sich«, lag bereits hinter ihm. Etwa dreißig Jahre zuvor, im Paris des Fin de Siècle, war Ysaÿe Paradeinterpret im Komponistenkreis um Debussy, Fauré und Saint-Saëns gewesen. Der romantische Geigenton mit dem schwelgerischen Vibrato, wie wir ihn heute kennen, ist quasi seine Erfindung (und sensationellerweise auf einer 1912 in New York entstandenen Aufnahme zu hören). César Frank schenkte ihm 1886 zur Hochzeit seine Violinsonate in A-Dur, Chausson widmet ihm sein Poème für Violine und Orchester, Ysaÿe spielt mit seinem Ysaÿe-Quartett 1893 die Uraufführung von Debussys einzigem Streichquartett op.10. Für seine Schüler und Kollegen war er Vorbild und Übervater, dessen dandyhafte Erscheinung Eingang noch in ihre Träume fand, wie der Art Brut-Maler Louis Soutter in seinem Tagebuch schilderte:
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