Am 14. Mai 1943 bombardierte die deutsche Wehrmacht Rotterdam aus der Luft. Fast 1.000 Menschen starben bei diesem Angriff – und rund 80.000 verloren ihr Obdach. Einen Tag später folgte die Kapitulation der Niederlande. An genau diesem Tag erblickte Tania León im fernen Havanna das Licht der Welt – und wurde später zu einer der ganz wenigen Avantgarde-Komponistinnen Kubas überhaupt. Dort, auf Kuba, hatte von 1940 bis 1944 der gewählte Militärangehörige Fulgencio Batista regiert, der von 1952 bis 1958 noch einmal als diktatorischer Staatspräsident Kubas ins Spiel kam. Kuba hatte in der ersten Regierungsphase Batistas diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion unterhalten und war der Anti-Hitler-Union beigetreten.
Tania León – aus einer Familie mit französischen, spanischen, afrikanischen und kubanischen Wurzeln stammend – zeigte bereits früh Interesse an praktischer Musikausübung und erhielt ab ihrem vierten Lebensjahr Klavierunterricht. Nach Studien an zwei Konservatorien ihres Heimatlandes verließ sie Kuba und schrieb sich 1967 an der New York University ein. Mit dem bekannten Tänzer Arthur Mitchell (1934–2018) gründete sie anlässlich des Schocks über die Ermordung von Martin Luther King 1969 das »Dance Theatre of Harlem«, das erste Tanzensemble mit ausschließlich schwarzen Tänzer*innen. Für die Kompagnie wirkte León fast zehn Jahre als Musikdirektorin. Bis 1978 entstanden demgemäß abendfüllende Ballettmusiken, die – als Tanztheaterinnovationen umgesetzt – von Mitchell und Kolleg*innen uraufgeführt wurden. Immer wieder dirigierte León ihre eigenen Werke und erarbeitete sich in dieser Tätigkeit einen internationalen Ruf, der zu Dirigier-Engagements bei renommierten Klangkörpern wie dem Gewandhausorchester Leipzig oder dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom führte.

