Dies ist die letzte Kolumne für diesen VAN Jahrgang, und die letzte Gelegenheit, im ausgehenden Schönberg-Jahr ein wenig zu beklagen, dass das nach außen hin so geschäftige Jubiläumsgedöns in der Musik – Konzert- und CD-Programme, Ausstellungen, Fachkonferenzen und Briefmarken und TV –, auch in seinem Fall uns eben seinen Fall nicht wirklich näher gebracht hat. Was hier besonders schade ist, weil die Musiköffentlichkeit mit gerade diesem Komponisten noch eine Rechnung offen hat. Es mag mit mangelnder Neugier des Publikums zu tun haben, wohl auch mit einem Hang zum Beleidigtsein des großen Erneuers, der sich mehr als einmal »fast allein gegen eine Welt von Feinden« stehen sah. Selbst das klare 1:0 gegen den Rivalen Strawinsky, das der Neue-Musik-Schiedsrichter Adorno (in Philosophie der neuen Musik) dem Mann der Zwölftonmethode zusprach, hat nicht wirklich geholfen. Es herrscht, wo nicht Gleichgültigkeit, eher Respekt als Liebe. Weshalb ich es eine gute Idee fand, dass das Wiener Arnold Schönberg Center seine Jubiläumsausstellung auf Schönberg den Liebenden fokussiert; doch der vielversprechenden Spur wird nicht recht beherzt gefolgt und es bleibt hängen im üblichen Dokumentenvorzeigen. Immerhin habe ich mich nach dem Besuch in einem dort ausliegenden neuen Buch festgelesen. Der Musikwissenschaftler und -vermittler Christoph Becher unternimmt darin einen Stationenweg durch –, klar! – zwölf wichtige Werke, und mit dem Titel macht er gleich einen Punkt: Die Schönberg Challenge, das konstatiert ja erstens, dass es eine ist; es stimuliert zweitens aber auch den Ehrgeiz, die Musik des mächtigen Influencers der Kunstmusik des 20. Jahrhunderts einmal nicht mehr nur fürchten: »Wir wollen sie ohne Scheu hören und wir dürfen sie mögen.« So Bechers letzter Satz, und da bleibt er sympathisch bescheiden, denn er verspricht nicht mehr als angstfreie Annäherung, ohne Scheu, und Mögen, nicht Lieben.
Das mit dem Mögen geht schnell, denn Bechers Werke-Parcours (von der süffig-genialen Orchesterbearbeitung von Brahms’ g-Moll-Klavierquartett bis zum politischen Bekenntnis des Überlebenden aus Warschau, komponiert aus zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen, aber mit Blick auf die neue Dimension von Menschheitsverbrechen) lehrt die Weite von Schönbergs künstlerischem Horizont. Er nimmt für einen Erfinder ein, der sich gerade nicht bei einmal gefundenen Gesetzen aufhielt, sondern dessen Devise eher die Ansage des Erzengels Gabriel am Anfang der Jakobsleiter war: »Man hat weiterzugehen.« Gehen, so weit es geht, selbst wenn der Weg dann, wie bei diesem Oratorium, wie bei der Oper Moses und Aron, im Fragment stecken blieb. Sympathisch, dass sich Schönbergs unermüdliche Verbesserungsambition nicht allein in Höhenkamm-Kunst austobte, sondern auch in patenten Alltagsfragen. Man kann ihn schon mögen, und Becher, der Spielleiter der Challenge, öffnet in eleganten Abschweifungen auch den Blick auf den Mann Schönberg, seine Macken und Liebenswürdigkeit. Neben dem didaktischen Wir (»Wir wollen…«) scheut Becher – so ist das bei Reisegruppen dahin, wo es schonmal unwegsam wird – auch das direkte Du nicht. So gehen wir geduzt mit durch meist erhellende Werkbetrachtungen en gros, vor allem aber en détail, wobei eine Playlist zum Buch sehr hilft, mit Sekundenangaben, wann denn wo genau die Durchführung beginnt und wo man auf den Bratschen-Doppelschlag achten sollte.
Schauen wir genauer, mittendrin im Buch, in das Kapitel zur Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 aus dem Jahr 1906. »Mit der Kammersymphonie verändert sich das Verhältnis zwischen Schönberg und seinem Publikum. Beide werden sich von nun an in herzlicher Abneigung ignorieren. Wenn wir ehrlich sind: bis heute.« Wenn das so ist, dann wäre gerade an diesem Werk zu studieren, was schiefgegangen, wo die Neue Musik den Draht zur hörenden Mitwelt verloren hat. (Ganz so war’s übrigens nicht, schon eine Seite später sehen wir den gar nicht Ignorierten lorbeerbekränzt und mit nicht wenig Geld belohnt genau für die Neuartigkeit seiner Kammersymphonie.) Becher erzählt also auch biografisch drumherum, aber lässt den Kern der Sache Musik nicht aus. Er ist ja auch Musikwissenschaftler, analysiert Quartenakkorde und deckt enharmonische Verwechslungen auf. Heißt: Das Challenge-Level zielt, und so ist es ja Brauch, auf die Erfassung von Strukturen; das Vertrautmachen mit dem noch Fremden läuft über das Erkennen von Ähnlichkeiten oder Nichtähnlichkeiten oder die Feststellung, dass wir uns gerade in es-Moll befinden oder dass ein Motiv erst in den Klarinetten, dann im Cello auftaucht. Gut, dass man es hörend, die Playlist beim Lesen im Ohr, nachvollziehen kann. Und dann stellst du fest, dass der Mann einen Plan hatte. Dass, was dir erst wirr erschien, Ordnung und Absicht hat. Das steigert den Respekt – aber weckt es auch Liebe?
Und so dachte ich, ob die Idee, das Schönbergmögen als Challenge zu behandeln, gerade mit den Voraussetzungen zu tun hat, die doch bloß Werkzeug sein sollten. Die Analyse bleibt das Nadelöhr, auch wenn die schwierigen Begriffe immer freundlich niederschwellig erläutert werden. Zur klugen Freundlichkeit gehört auch, dass sich Becher jeder Nachwelt-Arroganz enthält, die es hinterher immer besser weiß. Es kostet heute nichts, über die Empörung, die etwa die Kammersymphonie op. 9 bei den Zeitgenossen ausgelöst hat, zu lächeln, lese ich, und dann einen tollen Satz: »Wer aber die Tonsprache Schönbergs und seiner Schüler als rückhaltlosen Ausdruck des aller Ordnung entfesselten Individuums, das sich Ordnungen mühsam aus dem Scherbenhaufen zusammenbuchstabieren musste, wer also diese Musik so hörte, der mochte wohl aufbegehren.« Da macht es plopp, und verbindet die Komplexitäten der Kammersymphonie mit der Metapher des Scherbenhaufens, und jedenfalls ich sehe die Scherben einer untergehenden Ordnung, die Mühe, sie neu zu buchstabieren, und die Dringlichkeit, das zu tun. Sehe die Scherben einer ziemlich kaputten Welt am Ende dieses Jahres, hundertneunzehn Jahre danach, die Mühen, darin eine Art Ordnung zu finden, und denke: You’ve got a message. Und es öffnet sich ein Liebes-Türchen. Übrigens: Frohe Weihnachten! ¶


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