Wenn man einen Blick in seinen Terminkalender wirft oder ihn auf dem Podium ackern sieht, wo er schnauft, stampft und mit den Händen in die Luft stößt – immer ohne Taktstock –, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass Antonio Pappano aktuell einer der am härtesten arbeitenden Dirigenten im klassischen Musikbetrieb ist. Die meiste Zeit hat er in den letzten zwei Jahrzehnten Italiens bestes Symphonieorchester, das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, geleitet und gleichzeitig als Chefdirigent der Royal Opera in Covent Garden gearbeitet. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern in diesen Positionen besuchte Pappano kein renommiertes Konservatorium; stattdessen begann seine musikalische Ausbildung im Alter von 10 Jahren, als er seinen Vater, einen Sänger und Gesangslehrer, am Klavier begleitete. Pappanos Stil auf dem Podium mag eher kämpferisch als tänzerisch wirken, aber sein Gehör, seine Diplomatie und vor allem die Qualität des Klangs, den er immer wieder liefert, sorgen dafür, dass viele gerne mit ihm arbeiten. Vor zwei Jahren hat Pappano seine prominenten Posten am Covent Garden und in Rom aufgegeben, um die Leitung des London Symphony Orchestra zu übernehmen.

Pappano wurde als Sohn italienischer Arbeiter in England geboren, zog als Teenager in die USA, kehrte aber nach Großbritannien zurück (um zum Ritter geschlagen zu werden und schließlich die Musik bei der Krönung von King Charles III. zu dirigieren). Pappano musste sich Musik, Kunst und Kultur in weiten Teilen selbst erarbeiten, entsprechend gut kennt er ihren Wert. Das bringt ihn in eine besondere Position in einem Europa, in dem die Unterstützung und Finanzierung klassischer Musik zunehmend ins Wanken gerät. 


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