»Bei Don Giovanni fällt es mir schwer, die Frauen als stark zu empfinden.«

Text · Titelbild Harald Hoffmann / DG · Datum 15.6.2016

Anna Prohaska taucht in jüngerer Zeit auf zwei Konzeptalben auf: Ende April als Gastsängerin bei Rufus Wainwrights Shakespeare-Tribut Take All My Loves, wo der seine Vertonung der Shakespeare-Sonette fortsetzt und auf Serpent & Fire, wo sie Arien der (mythischen) phönizischen Prinzessin Dido und der Kleopatra singt – aus verschiedenen barocken Opern und begleitet vom Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini.

VAN: Wie kommt es zu solchen Projekten wie dem aktuellen Konzeptalbum Serpent & Fire?

Anna Prohaska: Die Geschichte hinter dem Album ist tatsächlich etwas länger. Ich wollte unbedingt ein Album über Dido machen, während meine ehemalige Plattenfirma, die Deutsche Grammophon, gerne eine CD zu Kleopatra gehabt hätte. Ich dachte dann, dass man das doch wunderbar kombinieren kann. An beiden Figuren kann man ablesen, wie Frauen sich in der Geschichte an einflussreiche Männer ›ranwanzen‹ mussten, um eine Art von Einfluss zu bekommen. Das hat mich im Kontrast zur heutigen Situation sehr interessiert – denn auch heute noch wird es eher negativ bewertet, wenn Frauen versuchen an die Macht zu kommen. Nach einigen Umwegen kam es  dann – vor allem durch eigene Initiative und Planung, einige schlaflose Nächte inklusive, – zur Veröffentlichung auf Alpha Classics.

Anna Prohaska in einer aktuellen Produktion der Staatsoper Berlin, Le Nozze di Figaro · Foto HERMANN UND CLÄRCHEN BAUS
Anna Prohaska in einer aktuellen Produktion der Staatsoper Berlin, Le Nozze di Figaro · Foto HERMANN UND CLÄRCHEN BAUS

Man spricht gerne von ›starken Frauenrollen‹ sobald eine weibliche Figur mehr als eindimensional ist. Was macht für dich eine Frauenrolle stark und welche Figuren gibt es da in der Opernliteratur?

Bei Frauenrollen wird sehr gerne in Klischees gesprochen und geschrieben. Für mich ist es schon viel wert, wenn eine vielschichtige Frauenrolle geschaffen wurde – eine, die nicht entweder das Heimchen am Herd oder die hysterische Furie ist, denn eine selbstbestimmte und unabhängige Frau wird allzu oft als verrückt deklariert. Und wenn die Figur dann trotz, oder wegen, der Vielschichtigkeit auch noch anrührend sein kann, dann ist das für mich eine große Leistung des Komponisten und Librettisten. Bei Don Giovanni etwa fällt es mir schwer, die Frauen als stark zu empfinden, und obwohl Elvira starke Arien hat – sie stehen immer in Abhängigkeit zum Mann. Dido und Kleopatra aber handeln selbstbestimmt – und sei es durch einen Selbstmord, mit dem sie gegen die Ordnung, gegen die Götter aufbegehren.

Auch Wagners Isolde ist für mich eine starke Frau. An ihr fasziniert mich, dass sie, obwohl sie eine versprochene Frau ist, sich für einen anderen Mann entscheidet – denn bei Wagner ist klar, dass die beiden auch schon vor dem Liebestrank ineinander verliebt sind. Sie hat eine gesellschaftliche Pflicht und entscheidet sich dagegen.

Christoph Graupner, ›Agitato del tempeste‹ aus der Oper Dido, Königin von Carthago. Aus dem Album Serpent & Fire.

Nun handelt es sich beim aktuellen Album um Opern aus der Barockzeit. Vielen Menschen fällt es schwer, zu dieser Zeit eine emotionale Verbindung herzustellen. Ist das ein Problem, oder kann es vielleicht sogar eine Chance sein, sich der Musik eher mit dem Intellekt als mit dem Gefühl zu nähern?

Ich denke, dass für jeden Musikgenuss eine Art emotionaler Zugang geschaffen werden muss. Sonst ist man ja total detachiert, man sitzt dann da, analysiert vor sich hin – ich als Zuhörerin würde das nicht als erfüllend empfinden. Ich kann die Problematik aber verstehen. Darum habe ich auch darauf geachtet, dass auf Serpent & Fire nicht eine Koloraturnudelnummer die andere jagt. Ich habe versucht, das gesamte emotionale Spektrum darzustellen. Es kommt hier auch einfach auf die Qualität der Musik an, und da werde ich dann genauso unmittelbar emotional getroffen wie etwa bei einem Stück aus der Romantik.

Aber vielleicht ist es doch ein wenig mehr Arbeit, den Zugang zu dieser alten Musik herzustellen.

Ja, das stimmt. Es wurde von den Barock-Komponisten musikalisch ja auch so gut wie gar nichts vorgegeben. Mit wahnsinnig romantischen Programmen können Dirigenten halt schneller und auch leichter begeistern, denn in den Noten ist einfach alles vorgegeben. Jeder Strich, jeder Punkt, bei Mahler, Wagner, Verdi steht einfach alles da, es gibt nicht mehr viel zu interpretieren. Man muss lesen und ausführen. Bei Barockmusik muss man wahnsinnig viel an eigenen Ideen investieren. Das macht dann vielleicht weniger Eindruck, bringt weniger Bravos, doch eigentlich verlangt die Barockmusik mehr von einem.

Es gibt auch bei Inszenierungen von Barockopern einen Trend zu einer historisch informierten Darstellungspraxis. Wie sollte man eine Barockoper inszenieren?

Inszenierungen, in denen jede Geste und jedes Kostüm bis ins Detail stimmen, finde ich zwar sehr interessant, sie können aber auch schnell museal wirken. Denn die Frage ist: sagt das heute noch etwas aus? Mir hat zum Beispiel Katie Mitchells Inszenierung von Händels Alcina sehr gefallen, in der ich mitgewirkt habe: Es wurde unglaublich nah an der eigentlichen Geschichte inszeniert. Es spielt in einem Schloss auf einer Insel – immer wenn Seemänner an der Küste angespült werden, werden sie von den beiden weiblichen Hauptfiguren für ihre sexuellen Gelüste missbraucht. Danach werden sie dann in eine Maschine geworfen, die sie in ausgestopfte Tiere verwandelt. Wenn man so will, die ultimative feministische Gewaltfantasie von Katie Mitchell – Männer gebrauchen und danach einfach beseitigen. Es geht bei Inszenierungen einfach um die zündende Idee. Egal ob historisch oder modern. Man muss etwas wollen, eine geniale Idee haben.

»Wenn man so will, die ultimative feministische Gewaltfantasie von Katie Mitchell – Männer gebrauchen und danach einfach beseitigen.«

Nun kommen CD-Einspielungen ja ohne jegliche Szenerie aus. Ist das dann eine Erholung?

Leider nicht, es ist totaler Hochdruck. Krank werden darf man nicht – wenn man auf der Bühne steht, kommt man schon irgendwie durch. Aber bei einer Einspielung muss jeder Ton perfekt sitzen, da kann ein Schnupfen schon mal ein Projekt zunichte machen. Oft ist es auch ein großes Unterfangen, so eine CD zu planen und dann zu finanzieren. Da ist es zum Beispiel eine Hilfe, wenn man vor den Aufnahmen schon Konzerte mit dem jeweiligen Programm gegeben hat – je mehr Übung man hat, desto besser. Einige Plattenfirmen wollen das aber nicht, sie wollen erst die Aufnahmen und dann eine Tour, um die CD zu promoten. Diese Marketingstrategien sind für mich nicht immer nachvollziehbar oder sogar Milchmädchenrechnungen.

Bei Serpent & Fire war ich sehr froh darüber, die Reihenfolge der Tracks selbst bestimmen zu können, das ist auch nicht immer der Fall. Oft wird behauptet, dass man nicht mit einer Ouvertüre anfangen soll, da das die Hörer abschreckt. Es wird teilweise in alten Strukturen gedacht, dass potenzielle Käufer immer noch in CD-Läden gehen und dort den ersten Track eines Albums hören und daraufhin entscheiden, ob sie das Album kaufen.

Kürzlich hast du bei Take All My Loves – 9 Shakespeare Sonnets mit Rufus Wainwright mitgemacht. Wie kam es dazu?

Das ist eine uralte Geschichte. Als Kind war ich die Nachbarin von seinem Mann Jörn Weisbrodt. Der hat damals bei meinem Vater studiert. Bei seiner Abschlussarbeit (Weisbrodt studierte Oper an der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin, d. Red.) habe ich gesungen – kurzum: ein Familienfreund. Ich hatte früher dann schon mal bei einem Track von Rufus, Between my legs, im Background gesungen. Dabei haben wir uns persönlich kennengelernt und uns sehr gut verstanden. Zur aktuellen Aufnahme bin ich dann nach London geflogen, hatte gerade mal einen Tag Zeit, für Rufus habe ich das aber gerne gemacht. Es war super freundschaftlich und nett, er war total begeistert, weil er das BBC Orchestra zur Verfügung hatte und so viele tolle Menschen, William Shatner, Florence and the Machine, Carrie Fisher, auf dem Album mitgemacht haben.

Rufus Wainwright, Between My Legs

Was für Kollaborationen mit Popkünstlern wären denn noch denkbar? Kate Bush does Wagner?

Oh ja, Kate Bush liebe ich ja, das fände ich sehr interessant! Ich mag es auch total gerne, wenn Folkmusik mit Beats hinterlegt wird. Es gibt etwa tollen griechischen Hip Hop, der dann mit klassischen griechischen Melodien kombiniert ist. Ich finde es auch sehr spannend, wenn Klassik auf Metal trifft, in diese Richtung würde ich auch mal gerne etwas machen.

Wenn du Zuhause bist, abseits vom ganzen Opern- und Gesangsbetrieb, wobei singst du am liebsten mit?

Ich kann vor allem sagen, wo ich am liebsten singe: unter der Dusche, super Akustik! Ich höre dann gerne FluxFM und singe da mit. Oder ich höre die Filmmusik von Gladiator und singe da diese Frauenstimmen mit. Bei klassischer Musik muss ich dann aber aufpassen: Wenn ich zu oft andere Sängerinnen höre, dann besteht die Gefahr, dass ich irgendwann in deren Gesangsart hineinrutsche, ich sie irgendwie nachmache. Bei einer Party kann es mal Spaß machen zu sagen ›jetzt mach mal Maria Callas nach‹. Aber wenn sich das dann irgendwann einschleift, muss man wirklich vorsichtig sein. Und auch wenn es eigentlich nicht so gut für die Stimme ist, weil man eh immer falsch singt: Karaoke macht total Spaß. ¶