Wunderland ist Wien ja eh immer, aber erst recht natürlich zur Christkindlmarktzeit, die hier geschäftstüchtig mittlerweile schon Anfang November beginnt, ab Allerseelen eine einzige lange Glühwei(h)nacht, winterlicher Apfelstrudel lässt Touristenherzen auferstehen. Sinnig getimet tut sich da nun im Theater an der Wien, das seit drei Jahren MusikTheater an der Wien heißt, ein Traumreich anderer Art auf, mit der österreichischen Erstaufführung von Unsuk Chins genuiner Literaturoper Alice in Wonderland. Ein Werk, das eine für Gegenwartsmusiktheater erstaunliche Erfolgsgeschichte schreibt, die Welturaufführung 2007 in München war nämlich keineswegs auch die Weltletztaufführung, vielmehr gab es mittlerweile Folgeproduktionen von Bielefeld bis Los Angeles.
Der Puls dieses Wunderlands ist zweifellos die Musik von Unsuk Chin, die voller Energie, Erfindung und Effekt steckt. Das zweite Zwischenspiel mit sinistrem Flimmern und knallenden Wirkungstreffern wäre in jedem Konzertsaal ein Sternspritzer: schlurfendes Ächzen der Mock Turtle (die man auf Deutsch als »Falsche Suppenschildkröte« wiederzugeben sucht), Sirren ins Leere … Das unter Stephan Zilias blitzsauber agierende ORF Radio-Symphonieorchester ist ein vorzügliches Ensemble für solchen zeitgenössischen Sensualismus, wie er Unsuk Chins Komponieren auszeichnet und auch für Menschen attraktiv macht, die »neue Musik« nicht mit anschreierischem NEUE! Schreiben. Aus Vogelgezwitscher und tiefen Gongregionen beginnt der Klangtrip, im Schrumpfen und Wachsen von Alice hören wir glissandierende Cluster, es gibt Maultrommeln, die zu Flipperkugeln werden, und vieles klingende Naschwerk mehr. Und dass hier am Naschmarkt eine reduziert besetzte Orchesterfassung zu hören ist, die die Komponistin selbst für St. Louis 2012 anfertigte, tut dem Hörspektakel keinen Abbruch, vielleicht sogar im Gegenteil.

