Er blieb bis zu seinem letzten Lebenstag im vierundneunzigsten Jahr wach und gegenwärtig. Bis vorgestern stand Alfred Brendel im Diskurs mit Freunden und Kollegen, als Künstler und als Zeitgenosse, vermittelt über den allmorgendlichen Mailverkehr mit Caro, der »Zeitungsbotin«. Dieser Pianist war, obwohl er sich längst aus dem Konzertleben zurückgezogen hatte, stets präsent, wann immer es etwas zu wissen oder zu lästern oder zu besprechen gab, um die Sache der Musik, aber auch um die der anderen schönen Künste. Man hatte sich fast daran gewöhnt, ihn für unsterblich zu halten. Was für ein reiches, erfülltes und vielgestaltig kreatives Leben dieser große Musikkenner und -könner geführt hat, bis zu seinem letzten Atemzug! Wie sollten wir, sein Publikum, da nicht glücklich und dankbar sein? Jetzt fehlt er. Erwartbar zwar, aber endgültig. 

https://www.youtube.com/watch?v=–4b9rCf7fc&list=PLoOIv2vKcnrq2YRkXSRPPIO3U9P3MqBA8&index=1

Die beiden jüngsten Begegnungen mit Alfred Brendel fanden statt in einem Buch und in einem Film. Vor vier Wochen veröffentlichte die Andere Bibliothek eine Essaysammlung, herausgegeben von dem Schweizer Romanautor Alain Claude Sulzer zu dem Basler Projekt »Haydn2032« des Dirigenten Giovanni Antonini. Brendel lieferte Sulzer dafür einen Originalbeitrag, seinen letzten. Er befasst sich mit »Ordnung und Widerspruch« in Joseph Haydns Werken. Beiläufig erwähnt Brendel dabei auch den Unterschied zwischen launigem deutschem »Humor« und dem britischen »sense of humour«. Er behauptet, die »verbreitete Humorlosigkeit« sei ein »Hauptgrund dafür«, dass Haydn heute immer noch unterschätzt wird: »Ich halte es mit den Lachern. Nicht umsonst ist das Lachen eine zentrale Fähigkeit des Dadaismus.« Jedoch: Auch das qualifizierte Gelächter will letztendlich, wie es in Brendels zweitem Gedichtband von 1997 heißt (der von einer kleinen Grasmusik erzählt und von alten Damen, die mit den Hühnern zu Bett gehen), gelernt sein: »Ob man lachen darf/lachen oder kichern/worüber/bei welcher Gelegenheit/etwa bei Begräbnissen/das wäre falsch/und geschmacklos/bei Staatsakten/Fastenpredigten/kaum ein Lächeln beim Liebesakt/das geht ja gar nicht/entweder man lacht oder man liebt.«


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.