250 Komponistinnen. Folge 6: Die leichte Unerträglichkeit des Seins.

Text · Datum 27.11.2019

Die Kindheit von Rosy Wertheim, geboren am 19. Februar 1888 in Amsterdam, wurde geprägt durch Harmonie, Familienzusammenhalt und finanzielle Sicherheit. Ihr Vater – Oberhaupt einer großbürgerlichen, jüdischen Händlerfamilie – war der Direktor eines Aktienunternehmens in zweiter Generation. Völlig selbstverständlich spielte (musikalische) Bildung im Hause Wertheim eine bedeutende Rolle – und so erhielt Rosy früh Klavier-, später auch Kompositionsstunden. Über ihre Zeit in einem Internat gibt es widersprüchliche Angaben. Befand sich dieses Internat in der französischsprachigen Schweiz? Oder ist mit dem angeblich »schweizerischen Neuilly« (das schlichtweg nicht existiert) bloß der wohlhabende Vorort von Paris, Neuilly-sur-Seine, gemeint? Letzteres scheint weitaus wahrscheinlicher zu sein; jedenfalls wird sich die junge Rosy – wohl auch aufgrund der hervorragenden Musik-Lehrer*innen dieses Internats – genau zu jener Zeit selbstbewusst für eine Laufbahn als professionelle Musikerin entschieden haben.

In Amsterdam studierte Wertheim zunächst Klavier – und anschließend Komposition bei Sem Dresden, einem Schüler des Antisemiten Hans Pfitzner. Damit war sie eine der ersten Frauen mit Kompositionsdiplom in den Niederlanden überhaupt. Danach unterrichtete sie elementare Musiklehre und Klavier an einem Gymnasium und leitete einen Chor für Kinder aus den ärmsten Vierteln Amsterdams. Wertheim war auch sonst sozial stark engagiert, unterstützte finanziell gefährdete Familien und gab Kindern aus solchen Familien kostenlosen Klavierunterricht.

1929 zog Wertheim nach Paris. Bald schon trafen sich illustre Komponist*innen regelmäßig zum gesellig-intellektuellen Austausch auf ihrem Pariser Wohnsitz, so Elsa Barraine, Olivier Messiaen oder Darius Milhaud. 1935 ging es weiter nach Wien, wo sie bei dem derzeit wiederentdeckten Komponisten Karl Weigl entsprechend weiterführende Studien betrieb.

Für die Jüdin Wertheim war das Leben in diesen Jahren schwer geworden. 1937 kehrte sie nach Amsterdam zurück, wo sie – die bereits knapp hundert Werke fast aller Couleur vorgelegt hatte – von den Nazis Verfolgte in ihrem Keller versteckte und für diese Geheimkonzerte veranstaltete. 1943 ging Wertheim selbst in den Untergrund. Wertheim versteckte sich in dem nordholländischen Ort Laren, wo sie bis nach dem Krieg blieb – und sich, von den Nazis um ihr gesamtes Hab und Gut gebracht, an der regionalen Musikschule als Klavierlehrerin verdingen musste. Das Ringen um das wirtschaftliche Überleben wurde tragischer Weise noch durch den realen Kampf um die eigene Gesundheit in den Schatten gestellt. Unverheiratet und kinderlos starb Wertheim nach zweijähriger Krebserkrankung im Alter von 61 Jahren am 27. Mai 1949 in Laren.

Rosy Wertheim (1888–1949)Sonate für Violine und Klavier (1931)

Wertheims Sonate für Violine und Klavier As-Dur entstand 1931. Mit französischer Egalheit hebt der erste Satz (Allegro con brio) an: Das Klavier reiht schnelle Quarten und Quinten perlend-lässig aneinander, mal tändelnd-lallend im Verhältnis 3:2 ausdifferenziert, mal rhythmisch unisono. Man denkt an die kühle Kammermusik eines Paul Hindemiths, doch da steigt auch schon die Geige mit einem verhalten-warmen Gesang ein; leicht synkopiert wirkt das Ganze wie mal eben dahingesungen, ähnlich der quasi-improvisato-Thematik der Violinsonate Claude Debussys von 1917; dort eine kurze Steigerung, aber ein kleiner Solo-Einschub des Klaviers erinnert an die Härte des Lebens: aufsteigende Quarten, leer, etwas traurig – mit kühlem Blick. Doch Wertheim bringt mittels temporärer Harmonie-Inseln ungleich mehr Wärme ins Spiel als Hindemith. »Es ist, wie es ist, aber es könnte schlimmer sein.« (Könnte es?)

Dann tönen interessant schimmernde Farbakkordkonstellationen empor. Wertheims Zeit in Paris wird hier Musik: Eine expressive Steigerung mit durchaus virtuosen Gipfeln im Klavier lässt uns die glückliche Allianz von Impressionismus und Expressionismus erleben – immer mit dem Charme einer Persönlichkeit dargeboten, die sich die »Neue Sachlichkeit« der Jahre zuvor freundlich und dankbar schöndenkt, ohne jemals irgendetwas Plumpes von sich zu geben. Fernab ermüdender Erwartungserfüllungen spielt sich diese Musik ab, nichts ist banal, nichts wird stumpf abgespult, nichts epigonal einfach nur als Pflichterfüllungsübung dahingesetzt.

Die Erwartung eines nun noch wärmer eingefärbten zweiten Satzes (Andante non troppo lento) löst sich – im positiv-schöpferischen Sinne – nicht ein; stattdessen erklingen spröde Quarten, in einem kontrapunktisch ähnlichen Mit- und Gegeneinander der rechten und der linken Pianist*innen-Hand wie zu Beginn des ersten Satzes: mal rhythmisch leicht different, mal im Einklang. Doch bei den »hohlen« Quarten im Klavier bleibt es nicht; nach ein paar Augenblicken werden die jeweils »fehlenden« Terzen »ergänzt« und bilden Dur- und Moll-Akkorde im freitonalen Spiel flachsblonder Tiefenemotionen. In ähnlicher Weise begibt sich schließlich die Geige in dieses musikantische Geschehen hinein – und wieder erinnert man sich angenehm an die Kammermusik französischer Kolleg*innen dieser Zeit.

250 Komponistinnen. Arno Lückers (@arnoluecker) neue Serie in @vanmusik. Folge 6: Rosy Wertheim und die leichte Unerträglichkeit des Seins.

Statt mit parallelen Quarten startet der markante dritte Satz (Allegro con moto) in Unisono-Oktaven. Interessant, ja fast schockierend konsequent, dass auch hier das Klavier zunächst ganz alleine das Wort ergreift – wie in den zwei Sätzen zuvor. »Die Violine kommt heute mal wieder später.« Als Farbe, als themenweiterentwickelnde Partnerin. Nun entstehen viele kleine scherzoartig-getupfte Momente und verbinden sich zu einem rhapsodischen Ideen- und Intensitätsbogen. Rhythmisch geht es äußerst vielfältig zu. Ein meisterinnenhaft gearbeitetes Stück Musik einer Komponistin, deren Leben voller unerträglicher Erfahrungen war; doch wie es heißt, brachte Wertheim durch spontane Ideen zu leichtfüßigen Ausflügen noch auf der Flucht vor den Nazis sich und andere Menschen in Gefahr. Wer kann es einem Menschen verdenken? Der Wunsch nach Leichtigkeit, nach lustvollem Spiel freier Gedanken, freier Entfaltungen von Körper und Geist? In Wertheims Musik verbindet sich dieser Wunsch nach Leichtigkeit mit Tiefe, Ernst und Menschlichkeit. Wie traurig, dass wir diese Musik verdrängt haben. Wie so vieles… ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.