Der deutsche Wikipedia-Artikel zu Mélanie Bonis handelt zu mehr als der Hälfte von Beziehungen und Kindern – ein gleichermaßen bekannter wie unpassender Blick auf Künstlerinnen vergangener Zeiten. Wer würde demgegenüber – wie es bei (entsprechend kinderlosen und unverheirateten) Komponistinnen bis heute üblich ist – im ätzenden »Beethoven-Jahr« über den Komponisten schreiben: »Beethoven starb 1827 unverheiratet und kinderlos«? In der Tat kann man das Leben von Mélanie Bonis aber wohl kaum thematisieren, ohne die Besonderheit ihrer Zwangsheirat mit dem mehr als zwanzig Jahre älteren Industriellen und zweifachen Witwer Albert Domange zu erwähnen, mit dem die Komponistin 25-jährig 1883 von ihren Eltern verehelicht wurde.
Bonis war Kind einer kleinbürgerlichen Familie in Paris – und »genoss« eine strenge katholische Erziehung, die ein entsprechendes Frauenbild mit sich brachte. Ihr großes Talent am Klavier wurde wohl nur deswegen gefördert, weil eine gewisse pianistische Kompetenz auf dem Heiratsmarkt damals – und auch für die Eltern von Mélanie – für Frauen als »wertsteigernd« galt. Erst mit zwölf Jahren erhielt Mélanie regelmäßigen Klavierunterricht.

