250 Komponistinnen. Folge 41: das dritte Ohr.

Text · Titelbild Sascha Pohflepp (vorneCC BY 2.0) / Sonic Acts (hintenCC BY-NC-SA 2.0) · Datum 26.8.2020

Maryanne Amacher wurde am 25. Februar 1938 im Nordosten der USA, in der heute etwa 3500 Einwohner:innen zählenden – 1863 vom gleichnamigen Bürgerkriegsgeneral Thomas L. Kane gegründeten – Kleinstadt Kane in Pennsylvania geboren. Ihre Eltern – die Mutter arbeitete als Krankenschwester, der Vater bei einem Eisenbahn-Unternehmen – ermöglichten Maryanne frühe Klavierstunden, die letztlich zu einem Klavier- und Musiktheoriestudium in Philadelphia führten (1953–1960).

Anschließend studierte Amacher in Salzburg und im südenglischen Dartington sowie von 1962 bis 1964 bei George Rochberg (1918–2005) an der Universität von Pennsylvania. Rochbergs Symphonien – instrumentatorisch virtuos, aber doch in einen allzu bekannten, epigonal aufgeblasen-pathetischen Hollywood-Breitwandformat-Sound zurückfallend – erreichten durchaus respektable Bekanntheit; seine Symphonie No. 7 wurde unter der Leitung von Lorin Maazel uraufgeführt. Anschließend wurde Maryanne Amacher für ein Jahr Schülerin des damals als Gastprofessor in Philadelphia weilenden Karlheinz Stockhausen. Weitere Stationen ihrer Ausbildung waren das Center for Advanced Visual Studies in Massachusetts (1972–76) und das Mary Ingraham Bunting Institut of Radcliffe College, Harvard (1978–79).

Anfang der 1970er Jahre entstand eine Freundschaft Amachers zu John Cage, der mit ihr unter anderem an seinem Stück Lecture on the Weather (1975) arbeitete – einem Werk für zwölf Sprecher:innen, »bevorzugt ursprüngliche Amerikaner:innen, die jetzt kanadische Bürger:innen sind«. Amacher hatte die für diese Produktion verwendeten Wetter-Geräusche aufgenommen, beziehungsweise entsprechend technisch nach Cages Wunsch aufgearbeitet. Bis Ende der 1990er Jahre erhielt sie zahlreiche bedeutende Stipendien, die immer wieder mit Arbeitsaufenthalten an ganz verschiedenen Orten in aller Welt einhergingen; so verbrachte Amacher auch einige Zeit des Jahres 1986 – ermöglicht durch ein DAAD-Stipendium – in Berlin.

Durch ihr stetig wachsendes Netzwerk, ihre internationalen Kontakte und mittels ihrer vielfältigen Begegnungen mit Künstler:innen diverser Sparten entwickelte sich Amacher zu einer äußerst begehrten Produzentin und Komponistin. So entstand bereits 1967 während ihrer Residenz an der Universität von Buffalo das 28 Stunden dauernde Stück City Links: Buffalo des später bis 1980 weiter entwickelten City-Links-Zyklus; in City Links: Buffalo wurden – live vom Radio übertragen – Sounds fünf verschiedener, in der Stadt Buffalo postierter Mikrofone verarbeitet.

Besonders eingehend beschäftigte sich Amacher mit psychoakustischen Phänomenen, mit speziellen, überraschenden, kompositorisch nutzbar zu machenden Fähigkeiten des menschlichen Gehörs; vor allem interessierte sie sich für die künstlerischen Möglichkeiten des Ausnutzens des Phänomens der – von Geigenvirtuose und Komponist Giuseppe Tartini 1714 erstmals beschriebenen – Kombinations- oder Differenztöne (auch tatsächlich »Tartini-Töne« genannt), die im Falle Tartinis beim Spielen bestimmter – in einer bestimmten Lautstärke intonierten – Doppelgriffe auf der Geige entstehen und später von Hermann von Helmholtz und anderen Physiker:innen eingehend naturwissenschaftlich-mathematisch beschrieben wurden.

Mit ihren elektronischen Werken und Installationen prägte Amacher viele junge Künstler:innen ihrer Zeit. Ihre Erfahrungen gab sie als Pädagogin am Bard College (New York) weiter. Dort unterrichtete sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens. Amacher starb im Alter von 71 Jahren am 22. Oktober 2009 in Kingston (New York).

Maryanna Amacher (1938–2009)Head Rhythm 1 / Plaything 2 (1999)

Head Rhythm 1 / Plaything 2 stammt aus dem Jahr 1999 und ist Teil der im selben Jahr erschienenen CD Sound Characters (making the third ear). Die Formulierung »third ear« (»drittes Ohr«) verweist zunächst auf die lange Beschäftigung Amachers mit den oben erwähnten Differenztönen; mit den akustischen Erscheinungen, die ein menschliches Ohr neben dem real Erklingenden zusätzlich wahrzunehmen imstande sein kann. 2010 wurde die Komposition klingender Hauptbestandteil der Installation Elevator Music 16, die im Tang Teaching Museum am Skidmore College im Bundesstaat New York zu erleben war. Amachers Werk wurde hier also zum Klangereignis im Rahmen einer Erfahrung des »Eingesperrt-Seins«; avantgardistische Fahrstuhlmusik sozusagen…

Wie man mit Maryanne Amacher im Fahrstuhl das eigene dritte Ohr entdecken kann. In @vanmusik.

In sich verknüllte Elektroniktöne drehen sich sofort in die Gehirn- und Gehörwindungen. Als würden drei Nostalgie-Telefone deine ganz persönliche Horrorfilm-Musik für Zuhause anstimmen. Nach dem anfänglichen Wahrnehmen der bloßen Sounds analysiert das Ohr die Klangschichtung nach Sekunden wie von selbst, zerlegt diese, ist imstande, die Unterschiede zu kategorisieren, zu selektieren… Zudem entstehen an den »Ecken der einzelnen Quasi-Patterns« Geräusche, die einem windig in die Muscheln zischen.

Nach nicht einmal zwei Minuten kommen zu den bereits eingesogenen Klängen dumpfe Hintergrundgeräusche hinzu; technisch, wie ein Straßenrauschen von draußen. Die Klänge des Beginns verkrümeln sich langsam hinter diesen neuen Geräuschen, die metallisch und seltsam harmonisch changieren. Faszinierende Elektro-Musik, die jeglichen Drogenkonsum ersetzt. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.