250 Komponistinnen. Folge 46: Eine Pianistin, Komponistin, Sängerin, Lehrerin, Salonnière und Pionierin der Blindenbildung.

Text · Titelbilder Susanne Wosnitzka (vorne, CC BY-SA) & Faustine Parmantié (hinten, Public Domain) · Datum 30.9.2020

Maria Theresia von Paradis – das »von« dichtete man ihr trotz nicht-adeliger Herkunft an – wurde am 15. Mai 1759 in Wien in einen kinderreichen Haushalt hinein geboren. Ihr Vater war der Wiener Hofbeamte Joseph Anton Paradis, ihre Mutter dessen Gattin Maria Rosalia. Im Alter von drei Jahren erblindete Paradis vollständig. In einer Zeit, in der Menschen mit körperlichen und seelischen Herausforderungen häufig noch dem Lichte der Öffentlichkeit schamvoll entzogen wurden, hatte Paradis das Glück, dass man ihr – ihre gesellschaftlich hoch angesehene Familie und die entsprechend wohlhabende Herkunft spielten dabei eine gewichtige Rolle – eine ausgezeichnete musikalische Ausbildung angedeihen ließ. Paradis’ Onkel Leopold war ein bekannter Tänzer, der in Paris wirkte und 1776 eine Ballettschule an einem Moskauer Waisenhaus gründete. So war das Musische im Leben der Familie Paradis präsent. Paradis erhielt Unterricht bei dem bis heute durchaus durch Aufführungen seiner Werke gewürdigten böhmischen Komponisten und Lehrer Leopold Koželuh (1747–1818) sowie bei dem musikalisch vielfältig tätigen Georg Joseph »Abbé« Vogler (1749–1814), dem Lehrer von Berühmtheiten wie Carl Maria von Weber oder Giacomo Meyerbeer.

Schnell machte Paradis durch ihr virtuoses Können am Klavier in Wien und über dessen Grenzen hinaus auf sich aufmerksam. So erhielt sie von Kaiserin Maria Theresia ein dauerhaftes Stipendium. Wolfgang Amadeus Mozart schrieb wahrscheinlich sein Klavierkonzert B-Dur KV 456 im Jahre 1784 für Paradis; ein Konzert für eine blinde Pianistin also. Und tatsächlich weist eben jenes Klavierkonzert gefühlt weniger »große Sprünge« und mehr durchgehende Linien auf, wie man es vielleicht üblicherweise »erwarten« könnte. Ein barrierefreies Klavierkonzert, persönlich komponiert von Mozart? Vielleicht.

Neben ihrer Tätigkeit als Pianistin war Paradis außerdem eine anerkannte Sopranistin, Komponistin und Musikpädagogin. Zudem ließ sie sich – privilegiert und von der ihr freundlich zugetanen Gesellschaft Wiens getragen – von den bekanntesten Augenärzten ihrer Zeit behandeln, was zwischenzeitlich zu einer kurzen Besserung ihres Leidens beitrug. Einen früheren Privatlehrer motivierte Paradis dazu, im Grunde die Vorform der Braille-Schrift – der bis heute gültigen und verwendeten Blindenschrift, benannt nach Louis Braille (1809–1852) – beispielsweise für das Schreiben von Briefen an Freund:innen und Förder:innen zu entwickeln. Paradis nutzte ihre Prominenz – und wurde quasi zu einer Pionierin der Blindenbildung.

Maria Theresia von Paradis war zugleich eine der reiseaktivsten Künstlerinnen ihrer Zeit überhaupt; einer späteren Clara Schumann nicht unähnlich. Auf ihren »Jahren auf Tour« Mitte der 1780er Jahre spielte sie unter anderem – hofiert, empfohlen und angekündigt von Bekanntheiten wie Haydn und Mozart – vor Ludwig XVI. und Marie Antoinette, dem König von England Georg III. und zahlreichen anderen politisch bedeutenden Persönlichkeiten von Weltrang.

Zahlreiche Romane, Filme und sogar ein Musical widmen sich – wie es im Komponistinnen-Online-Lexikon des hoch zu lobenden Projekts Musik und Gender im Internet (MUGI) der Hochschule für Musik und Theater Hamburg heißt – bis in unsere heutige Zeit dem Leben der Paradis; in der 1952 entstandenen Novelle Mozart und das Fräulein von Paradis des Krefelder Schriftstellers – und Hitler treu ergebenen – Otto Brües (1897–1967) dichtet der Autor Maria Theresia von Paradis gar ein erotisches Verhältnis zu Wolfgang Amadeus Mozart an. Eine leider paradigmatische Verirrung, einer großen Künstlerin dadurch fürzusprechen, indem sie als literarisch zweifelhaftes Lustobjekt für einen »noch Prominenteren« herhalten muss.

Im Herbst 1797 – Maria Theresia von Paradis war als Monarchistin unter anderem regelmäßiger Gast der königlichen Familie um Marie Antoinette in Versailles und veranstaltete hochstehende Musiksalons in Wien – studierte sie mit Haydn am Klavier dessen Oratorium Die Schöpfung ein. Die absolute Luxus-Version einer Korrepetitorin. Immer wieder waren Paradis’ immense pianistische Möglichkeiten Anlass für großes Erstaunen allerorten, was durch diverse Quellen belegt wird; insbesondere trug ihre Fähigkeit, Klavierkompositionen in kürzester Zeit auswendig zu erlernen, zu Beifallsstürmen und Lobeshymnen bei.

Paradis starb im Alter von 64 Jahren am 1. Februar 1824 in Wien. Ein Lungenleiden in unglückseligem Zusammenwirken mit einem »Nervenfieber« wird als Todesursache vermutet.

Maria Theresia von Paradis (1759–1824)Morgenlied eines armen Mannes (1786)

Von kompetenter Stelle heißt es über das (eben ausbleibende) Nachwirken des Lebenswerkes von Maria Theresia von Paradis: »Zu Lebzeiten weit über ihre Geburtsstadt Wien hinaus als Pianistin, Sängerin und Komponistin bekannt und bewundert, als Pionierin der Blindenbildung verehrt, ist Maria Theresia Paradis heute nur Fachleuten ein Begriff. Im öffentlichen Bewusstsein spielt sie keine Rolle mehr, selbst in der österreichischen Metropole erinnert einzig die im 19. Bezirk seit 1894 befindliche Paradisgasse an Leben und Wirken dieser eindrucksvollen Persönlichkeit.« Und über die Überlieferungssituation ihrer Werke – darunter mehr als ein Dutzend Lieder, Kantaten, Kammermusikwerke sowie drei Opern – wird ebenda wie folgt berichtet: »Wollte man übrigens ihre Werke aufführen, so wäre dies nicht in allen Fällen möglich, zahlreiche Partituren sind verloren gegangen. Die Quellenlage zu ihrem Leben und Werk ist nur in seltenen Fällen günstig, manche Unklarheit lässt sich trotz intensiver Recherche nicht beseitigen.«

Einzig im Bewusstsein von Kenner:innen »überlebt« hat die nicht datierte Sicilienne Es-Dur für Violine und Klavier, deren Autorinnenschaft allerdings immer mal wieder angezweifelt wurde. Eben jenes Werk erfreute sich lange Zeit so großer Popularität, dass sich selbst Berühmtheiten wie Jacqueline du Pré (in einer Bearbeitung für Violoncello und Klavier) diesem Stück widmeten.

Das Morgenlied eines armen Mannes (aus dem Zyklus Zwölf Lieder auf ihrer Reise in Musik gesetzt, Text: Johann Timotheus Hermes) dagegen stammt ganz sicher von Paradis selbst. Von dem Lied finden sich online einige Interpretationen, doch alle missachten die Tempoanweisung (Adagio) sträflich, weswegen das Lied qualitativ tatsächlich nur mittelmäßig wirkt.

In einer adäquaten Interpretation kann das Lied dann schließlich eine authentische Elegie ins Ohr zaubern. Der g-Moll-Abgang im »Forte« zu Beginn des Liedes versteht sich sogleich als »Weckruf« – analog zur ersten Liedzeile: »Weckst du mich zum neuen Jammer, Tag, den meine Sehnsucht rief!« Das Klavier entschwindet daraufhin schnell ins »Piano«, um der schön durchbrochenen Gesangsstimme das Feld zu überlassen.

Die Auswirkungen des auf Kontraste und durchaus starke Emotionen setzenden empfindsamen Stils schlagen immer wieder durch – an jenen Stellen, an denen eben auf ein »Forte« ein geschwindes »Piano« folgt. Diese empfindsame Taktik bringt Paradis immer dort an, wo der Text entsprechende – klagende – Vorlagen liefert.

Eine Pianistin, Komponistin, Sängerin, Lehrerin, Salonnière und Pionierin der Blindenbildung: Maria Theresia von Paradis in @vanmusik.

Die einfache Oktaven-Begleitung im Bass, die die Grundlage für die Terzen- und Sexten-Tupfer der rechten Hand liefert, klingt auf einem modernen Flügel – zugegeben – etwas naiv. Man denke sich jedoch den zeitgenössischen Klang eines historischen Hammerflügels hinzu – und lasse auf diese Weise ein durchaus zu Herzen gehendes Lied in sich erklingen. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.