250 Komponistinnen. Folge 47: Märchenhafte Momente der Irritation.

Text · Titelbilder © kontra.org / © Karólína Eiríksdóttir · Datum 7.10.2020

Im Mai 1940 hatten britische Truppen Island unter Verletzung der Neutralität des Landes besetzt, um es der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg unmöglich zu machen, Island als für den wirren nationalsozialistischen Plan der »Welteroberung« potentiell strategisch äußerst attraktiven Standort zu nutzen. 1941 traten US-amerikanische Truppen hinzu und ersetzten später die britischen Streitkräfte. Am 17. Juni 1944 wurde die Demokratische Republik Island gegründet. Bis dato stand Island im Grunde 800 Jahre unter norwegischer beziehungsweise dänischer Krone. 1946 wurde das Land Mitglied der Vereinten Nationen und gehörte 1949 schließlich zu den Mitbegründern der NATO. Zwei Jahre später – am 10. Januar 1951 – wurde Karólína Eiríksdóttir in der Hauptstadt Reykjavík geboren, in der sie heute wieder lebt. Dort studierte sie Komposition am Reykjavík College of Music bei ihrem isländischen Landsmann Thorkell Sigurbjornsson (* 1938), einem eher traditionellen Komponisten, der allerdings einerseits typisch avantgardistische Solo-Werke als auch tonale Chorwerke mit folkloristischem Einschlag vorlegte.

Anschließend verließ Eiríksdóttir ihre Heimat und setzte ihr Kompositionsstudium in den USA fort. Dort war unter anderem William Albright (1944–1998) ihr Lehrer an der Universität von Michigan in Ann Arbor. Albright, der 1998 bereits mit 44 Jahren an einem Leberversagen verstarb, war als komponierender Organist und Pianist ein großer Freund der Werke Olivier Messiaens; der Mix von tonaler Verwurzelung – Albright liebte zudem die Ragtimes von Scott Joplin (man höre Albrights Klavierwerk Sleepwalker’s Shuffle) – und diversen Farb-Harmonie-Experimenten lässt sich seinen Werken plastisch ablauschen; ein weiterer Lehrer Eiríksdóttirs also, der sich stilistisch nie freiwillig in bestimmte »Schulen« hineinbegeben wollte. An der Universität von Michigan machte Eiríksdóttir ihren Abschluss in Komposition und Musikwissenschaft.

Zurück in ihrem Heimatland beteiligte sich Eiríksdóttir äußerst aktiv an der Gestaltung des Musiklebens Islands; so war sie von 1983 bis 1988 Vorsitzende am Iceland Music Information Centre sowie Leiterin der Society of Icelandic Composers (1988–1991 und noch einmal 1995–1998), Direktorin des Reykjavík Arts Festivals (1998–2006) sowie der Iceland Academy of the Arts (1998–2011). Zudem unterrichtete Eiríksdóttir Komposition am College of Music in Reykjavík.

Eiríksdóttir erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge, vornehmlich aus Island, Schweden, Norwegen und Finnland. Ihre Werke fanden dabei durchaus weltweit Verbreitung – und wurden in Ländern wie Frankreich, England, Japan, Spanien, Argentinien und den USA (ur)aufgeführt.

Karólína Eiríksdóttir (* 1951)Sinfónietta (1985)

In Eiríksdóttirs umfangreichen Werkkatalog finden sich mehrere Konzerte für Solo-Instrumente, ein Oboenkonzert (2012), eines für zwei Flöten und Tonband (2004), ein Gitarrenkonzert (2001) und eines für Klarinette und Orchester (1994). Hinzu kommen Solowerke mit teilweise humorvollen Titeln wie das Kontrabass-Werk Gradus ad Profundum (2002).

Eiríksdóttirs Werkeverzeichnis wird ergänzt durch einzelne Kompositionen für Orchester, Lieder, Kompositionen für diverse Kammermusikbesetzungen sowie drei Opern, darunter das Musiktheaterwerk MagnusMaria, das in voller Länge online anschaubar ist. 1985 entstand die Sinfónietta. Das Werk beginnt mit hohen Geigen-Haltetönen, dazwischen setzt die Komponistin erste Töne anderer Instrumente. Einsam dahinspielend, möglicherweise eine Landschaft oder einen »eingefrorenen« emotionalen Zustand beschreibend.

Erste Crescendi-Entgleis(s)ungen erklingen, ein vogelartiges Flötensolo, dann gedehnte Kurz-Crescendo-Flächen; Anklänge einer Cello-Kantilene, immer wieder auf- und unterbrochen. Nun werden die näherkommenden Crescendi dichter, aufdringlicher. Dissonante Akkorde, dennoch sanfter Natur, drängen auf die Hörenden ein. Eine Trompeten-Wackelterz bringt Kalamitäten – und krächzt sich nach oben hin weg.

Nach etwa zweieinhalb Minuten taucht nun plötzlich der erste verhaltene Rhythmusteppich auf; humpelnd, stolpernd, mit einem unguten Gefühl des Unbehagens davonhinkend. Kein »Ankommen«, sondern der Versuch eines Ausbruchs? Eiríksdóttir komponiert nicht tonal, aber spielt immer wieder mit pseudoharmonischen Versatzstücken, die Linderung bringen. Weitere Holzbläser-Einsprengsel unterbrechen die dissonanten Streicherflächen, die – den Werkbeginn wiederaufnehmend – ihre Crescendo-Drängungen fort und fort entwickeln. Fast fünf Minuten sind vergangen, da bildet ein schnoddrig-tiefes Blechbläsergeschehnis den ersten deutlichen Abbruch der ohnehin immer wieder unterbrochenen Linien.

Eine zentrale Gestalterin der isländischen Musikszene seit den 80ern: Karólína Eiríksdóttir in @vanmusik.

Aus Streicherflächen entspinnen sich Holzbläser-Motiv-Ausschnitte – und werden von leise herabsinkenden Blechbläser-Akkorden kontrapunktiert. Eine ganz merkwürdige, irgendwie unfassliche Art und Weise eines Komponierens mit skurrilen, fast märchenhaften Momenten der Irritation. Die Musik kommt nie an ihr »Ziel«. Bei geduldiger Kontemplation allerdings stellt sich ein Gefühl für das Momenthafte ein – und letztlich entsteht in der individuellen Rezeption vielleicht tatsächlich die Ahnung eines »großen Bogens«. Eines kann man jedoch über die Musik Eiríksdóttirs in jedem Fall sagen: Leicht macht diese Komponistin es sich nicht. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.