250 Komponistinnen. Folge 12: motivische und atmosphärische Haltlosigkeit.

Text · Titelbild Anonymous / Kuvasiskot studio / Museovirasto (CC BY 4.0) · Datum 22.1.2020

Das ganze 18. Jahrhundert Finnlands wurde durch die Besetzung Russlands politisch geprägt. Im März 1808 hatte Zar Alexander I. verlautbart, Finnland würde für immer ein Teil des russischen Reiches bleiben. Der darauffolgende Zar Nikolaus I. gestand den Finn*innen einen politischen Sonderstatus zu, was im 19. Jahrhundert – dem Jahrhundert des Erwachens von Nationalbewusststeinsentwicklungen, das sich, musikgeschichtlich betrachtet, bei vielen Komponist*innen Mittel- und Nordeuropas in diversen »heimatlichen« symphonischen Dichtungen niederschlug – zu einer weiteren Stärkung kulturell eigenständigen Denkens und Lebens in Finnland führte. Unter Alexander II. folgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Einführung einer eigenen finnischen Währung. Anschließend entbrannte Streit zwischen den Befürworter*innen der finnischen Eigenständigkeit und den im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder Anspruch auf Finnland erhebenden Schweden.

Die Politik Alexander III. wiederum schaffte die selbständige Armee Finnlands ab, sodass die Wehrpflicht der Finnen unter den alleinstehenden Einfluss der Armee des russischen Reiches geriet. Auf Autonomie sinnende Finnen organisierten einen passiven Widerstand – und sabotierten im Jahre 1902 flächendeckend die Einberufung zur Wehrpflicht.

In eben jenem Jahr, genauer: am 25. Mai 1902 wurde Helvi Leiviskä in Helsinki geboren – in einer Zeit also, in der das Streben nach kultureller und politischer Eigenständigkeit Finnlands eine eminent bedeutende Rolle spielte. Der große finnische »Nationalkomponist« Jean Sibelius hatte im April 1892 mit seiner symphonischen Dichtung Kullervo – beruhend auf einem finnischen Nationalepos – große Berühmtheit in seinem Heimatland erlangt. Auch deswegen lehrte Sibelius selbst nur in den Jahren 1890 bis 1892 Komposition an der 1939 nach ihm benannten Musikhochschule Helsinkis und Kuopios. Danach hatte er dies nicht mehr nötig. Sibelius’ Musik wurde zum Nationalheiligtum. Leiviskä wurde also »zu spät« geboren, um noch von ihm selbst unterrichtet zu werden. Aber sie studierte an der nach ihm benannten Akademie Klavier und Komposition – und später Kontrapunkt in Wien. Zurück in Helsinki setzte sie ihre Studien bei dem Sibelius-Schüler Leevi Madetoja fort, arbeitete aber bald als Klavierpädagogin, Konzertrezensentin für die Tageszeitung Ilta-Sanomat und von 1933 bis 1968 gar als Bibliothekarin an der Sibelius-Akademie.

Zwar waren wohl schon in den 1920er Jahren eigenständige Werke entstanden, doch erst mit 33 Jahren – also im Jahre 1935 – gelangte Leiviskä durch ihr Klavierkonzert op. 7 zu größerer Bekanntheit. Von diesem Werk gibt allerdings nicht eine einzige Aufnahme, wie auch das angeblich existierende Buch von Eila Tarasti The life and works of Helvi Leiviskä aus dem Jahr 2017 nirgendwo verfügbar ist.

Leiviskä starb achtzigjährig am 12. August 1982 in ihrer Geburtsstadt Helsinki.

Helvi Leiviskä (1902–1982)Symphonie No. 3 op. 31 (1971)

In Leiviskäs Werkkatalog finden sich eine kleine Handvoll symphonischer Dichtungen für Chor und Orchester sowie wenige Werke für Kammermusikbesetzungen und immerhin drei Symphonien. Die Symphonie No. 3 op. 31 stammt aus dem Jahr 1971 und dauert etwa eine halbe Stunde. Das Stück beginnt (Allegretto scherzando) völlig angeschrägt und komplex. Eine pseudo-fernöstliche Flöte, ein kurzer Mahler-Idyll-Moment, eine Rhythmisierung durch die Streicher; ein Tanz, der getanzt werden will – und nicht von der Stelle kommt. Eingefroren im Eis stark unterkühlter Gefühlsäußerungen. Ein Horn schickt sich ebenfalls an, pastorale Harmonie zu behaupten. Ein Mahnruf der zurückhaltenden Trompete, im Hintergrund die weiter gedemütigt schnatternden Violinen. Der Wechsel von Streicher- und Holzbläser-Feldern bringt zwar phasenweise etwas Anfassbarkeit in diese im positiven Sinne äußerst merkwürdige Musik mit hinein – doch das Gefühl der motivischen wie atmosphärischen Haltlosigkeit verbleibt. Eine Mahler-Symphonie durch ein Kaleidoskop diverser postmahlerscher Geschichtszerfetzungen gehört. Das Element des Militärischen mitgedacht, doch nicht mittels bloßer Militärtrommel-Einschübe; Geigenverzweiflung, doch in immens uneigentlicher Machart: kaum zu beschreiben. Nach etwa vier Minuten scheint sich alles etwas gesetzt zu haben; ein Englisch Horn klagt, wie es halt zu klagen vermag; Bläser lassen Akkorde herabsinken, derweil die Streicher immer noch irritierend ihren unangenehmen »Tanz« aufführen.

Der »pastorale Verdacht« des ersten Satzes löst sich schon durch den Titel des Zweiten (Fuga pastoralis) ein; ungewöhnlich jedoch, diese zwei Worte zusammenzubringen: eine Fuge ist (meistens) eine Fuge ist eine Fuge. (Oder bei Beethoven halt auch überhaupt: nicht. Richtig.) Dass eine Fuge noch eine Charakterisierung mitbekommt: selten – zumal: Kann eine Fuge »pastoral« sein?

Die Flöte macht den Anfang mit einem eher nicht gut memorierbaren Fugenthema, dazu gesellen sich sukzessive andere Holzbläser und die Geigen. Die Atmosphäre ist: eisig. Völlig verloren kreist das Thema polyphon um sich selbst. Wohin? Ein paar zwischengeschobene Klangflächen bringen etwas Wärme, doch da wieder der negativ umschlingende Reigen der Holzbläser. Ein etwas erregteres Geigenmotiv führt zu mehr Bewegung. Das Ganze bleibt dennoch stecken, wie in einer symphonischen Zwangsjacke determinierter Zustandsbeschreibungen, die sich ihrer Definition für und für entziehen. Vielleicht denkt man diesbezüglich an die Symphonie No. 5 von Sibelius?

Helvi Leiviskä komponiert in ihrer 3. Sinfonie motivische und atmosphärische Haltlosigkeit. Ein Versuch der Orientierung in @vanmusik.

Der letzte Satz (Allegro) schließlich präsentiert sich von Anfang an schwerlastend eingedunkelt. Tiefe Streicher führen in die schicksalsdurchweinte Welt dieses Satzes ein. Voranschreitend setzt sich der Symphoniesatz puzzleartig zusammen. Doch selbst Staccati, die durchs ganze Orchester ziehen, sind niemals »fröhlich« oder irgendwie »tänzerisch«. Zerknirscht-dissonante Momente werden durch den Fokus auf die Pauke inszeniert. Die Geigen singen irgendeinen Gesang, der schon von Leid und Unglück erzählt, der aber niemals auf einzelne »Stimmungen« reduzierbar wäre. Äußerst irritierende, sehr merkwürdige Musik, die man mal im Konzertsaal zu hören sich wünschen würde. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.