Eine Playlist gegen Verstimmung.

Text · Titlebild BARTOLOMEO VENETO Quattro Personaggi Che Ridono (Public Domain) · Datum 22.4.2020

In Zeiten der Isolation können Verstimmungen entstehen. Das betrifft nicht nur die missliche Intonation des heimischen Klaviers, welche auf das Wegbleiben der Klavierstimmenden ursächlich zurückzuführen ist. Einsamkeit, doch Recht auf Verspieltheit! Die Unmöglichkeit geselligen Miteinanders muss ausgeglichen werden. Auch musikalisch. Wir können aneinander gerade nicht genießen. Können kein Fußball miteinander schauen. Wir bleiben Zuhause. Und dort möge diese Spielliste eure Laune verbessern. Zehn musikalische Anti-Depressiva – zusammengestellt und kommentiert von Arno Lücker. Für euch. Gegen Verstimmungen.

Platz 10

Joseph Haydn (1732-1809)Klaviersonate Es-Dur, Hob. XVI: 52, 1. Satz: Allegro (1794)Glenn Gould (Klavier)

Er konnte nicht viel. Aber Haydns (fast) letzte Klaviersonate gegen die Wand fetzen: Das konnte er. Er: Glenn Gould. Haydns Musik gibt sich hier nicht nur »wie gewohnt« verspielt, sondern auch äußerst virtuos. Lachend geht es die Klaviatur rauf und runter. Plötzliche Tonartwechsel bringen Niveau und beste Irritationen. Momente des Nachdenkens fehlen nicht. Wie in jeder guten Therapie.

Platz 9

Leonard Bernstein (1918-1990)Drei Tanzepisoden aus dem Musical On the town, 3. Satz: Times Square 1944 (1943/44)New York Philharmonic OrchestraLeonard Bernstein (Leitung)

Lenny Bernstein sitzt seit 1990 auf einer luxuriösen Wolke, hat immer einen guten Whisky am Start und schaut mal fröhlich, mal besorgt auf uns hinunter. Schon als junger Mann schrieb er so witzig beschwingte Musik, die wir uns doch einfach nur zu Herzen und zu Gemüte führen müssten. Dann gäbe es weniger Traurigkeit und Einsamkeit. Kommt mit auf einen kurzen Seemannsausritt durch das freie und gesunde New York!

Platz 8

Robert Schumann (1810-1856)Klavierquintett Es-Dur op. 44, 1. Satz: Allegro brillante (1842)Artemis QuartettLeif Ove Andsnes (Klavier)

Voller Liebe für seine Frau Clara schrieb Robert Schumann sein Klavierquintett im Jahre 1842. Die Instrumente holen aus zu mannigfaltigen Schwärmereien im tiefromantischen Duktus überschwänglicher Gefühle. Entschleunigung, Beschleunigung, Emphase, Liebesmeditation. Musik gewordener Frühling. Die freien Energien und Gedanken eines Mannes, dem es bald leider nicht mehr so gut ging; gebündelt in Sonatenhauptsatzform. Emotion und Struktur im angenehmsten Verbund.

Platz 7

Carl Maria von Weber (1786-1826)Jägerchor aus der Oper Der Freischütz (1821)Rundfunkchor LeipzigStaatskapelle DresdenCarlos Kleiber (Leitung)

Nie hat Deutschtümelei so viel Spaß gemacht wie bei Carl Maria von Webers Jägerchor aus dem Freischütz. Ein Balla-Balla-Text-Schlager von aphoristischer Kürze: »Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen? Wem sprudelt der Becher des Lebens so reich?« – oder, um es in den subtileren Worten des Dichters zu sagen: »Trallalala! Trallalala! Trallalala lala!«

Platz 6

Gioachino Rossini (1792-1868)Ouvertüre zur Oper La gazza ladra (1817)Concertgebouw Orchestra AmsterdamMariss Jansons (Leitung)

Wer Rossini nicht mag, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Nach den deftig-fettigen Einleitungen seiner Opernouvertüren geht es bei Feinschmecker Rossini stets galoppierend zur Sache. Da ist es fast egal, welche Ouvertüre man nimmt. Aber mit der Diebischen Elster macht man ganz sicher nichts falsch – und wird förmlich rittlings in Gefilde sonnigerer Gedanken getragen. Zu unseren heiß vermissten Freund*innen in Italien!

Platz 5

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)Symphonie No. 3 a-Moll op. 56 (»Schottische«), 2. Satz: Vivace non troppo (1842)Orchestra of the 18th CenturyFrans Brüggen (Leitung)

Wie eine grüne schottische Wiese, über die gleichsam ein schöner Vogel zu fliegen sich genügsam anschickt, hebt der zweite Satz von Mendelssohns »Schottischer« an. Da flötet die Klarinette agil Tongirlanden in die Luft. Und alle, alle haben gute Laune. Selbst in Schottland.

Platz 4

Orlando di Lasso (1532-1594)Matona, mia cara (1581)The King’s Singers

Kein Komponist des 16. Jahrhunderts komponierte lustiger und versauter als Orlando di Lasso. Sein Matona, mia cara singt ein lüsterner Jüngling – mit Abstand, vor dem Balkon seiner Angebeteten. Di Lasso legt das Lied damit visionär als Social-Distancing-Dating-Song an. Dem jungen Protagonisten sagt Petrarca nichts (»Petrarcha mi non saper«), dafür wird bis zum Morgen gevögelt (»Mi ficcar tutta notte«). Natürlich nur in Gedanken!

Platz 3

Louis Moreau Gottschalk (1829-1869)Bamboula op. 2 (1848)Alan Feinberg (Klavier)

Der US-amerikanische Pianist und Komponist französisch-sephardischer Herkunft Louis Moreau Gottschalk war der vielleicht größte musikalische Sonnenschein des 19. Jahrhunderts. Jedes vermeintliche (!) Salon-Stück von ihm ist ein Fest – und liegt so gut in den Pianist*innen-Händen, dass es allein haptisch Freude macht. Seine kreolisch inspirierte Klavierfantasie Bamboula entstand 1848 – während einer Typhus-Erkrankung des Komponisten. So geht Krisenbewältigung!

Platz 2

Gustav Holst (1874-1934)The Planets, No. 4: Jupiter, the Bringer of Jollity (1914-16)BBC Symphony OrchestraSusanna Mälkki (Leitung)

Ein an dieser Stelle erwartbarer Fröhlichkeitsbringer, der im schon im Titel mit einem wiedereröffneten Baumarkt voller handgeschnitzter Klangzaunpfähle vom Social-Distancing-Balkon systemrelevanter Gelüste grüßt. Interstellare Instrumentation, geballte Energie im Orchester – und im Mittelteil die Epiphanie der hymnischsten Melodie, wo gibt. Lockert endlich die Reisebeschränkungen zum Jupiter!

Platz 1

Marco Uccellini (ca. 1603–1680)Aria sopra la Bergamasca (1642)Il Giardino Armonico

Der Sieger der Herzen und der Ohren! Basierend auf einer – typisch Stylus Phantasticus! – immer gleichbleibenden Basslinie erheben sich die süßesten Flauti dolci zu einem Zirpgesang holdesten Ausmaßes. Mal wird im Gleichklang frohlockt, mal in Windeseile sich komplementär ergänzt. Der Frühling in Norditalien. Bald auch wieder ein Reiseziel. Wir hoffen. Und tanzen. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte....