Es war Anfang der Fünfzigerjahre. Die »Hörzu« verhalf Axel Springer zur ursprünglichen Akkumulation. Ich lernte gerade lesen. Gleich der erste Band der lustigen Hörzu-Bilderbücher mit dem Redaktionsmaskottchen Mecki gefiel mir, er führte ins Schlaraffenland. Bevor man aber in die Gefilde von Honig, gebratenen Tauben und ewiger Muße gelangte, war, ihn verspeisend, ein massiver Wall trockenen Hirsebreis zu durchqueren. Daran musste ich bei der Lektüre der ersten etwa sechzig Seiten von Elvira Seiwerts Buch »Enthüllungen« denken. Nichts gegen Hirse: Fluor, Schwefel, Phosphor, Magnesium und besonders Silizium, Eisen, Kalium und Vitamin B6 machen diese Spelzgetreidesorte zum Mineralstoffbomber. Seiwert hat, ins Geistige übertragen, eine höchst gehaltvolle, gliedernde Einführung zur, so der Untertitel, »musikalischen Interpretation im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit« geschrieben. Walter Benjamins berühmter Text von 1935 über den Einfluss der Produktivkraftentwicklung auf die (Bilder)Kunst drängte Theodor W. Adorno zu einer unvollendet gebliebenen Theorie musikalischer Reproduktion. Seiwert lässt sich in »Enthüllungen« deren späte Komplettierung angelegen sein. Benjamin und mehr noch Adorno – und noch viel mehr viele ihrer Erben, Seiwert eingeschlossen – das hieß für mich seit Studienzeiten: Findeglück und Lesequal. Klar, im Geistesleben ist ohne Anstrengung nichts zu haben; der Stil der Frankfurter Schule fordert heraus, genau zu lesen, genau zu denken, er bringt bewundernswerte Beispiele poetisch differenzierter Wissenschaft hervor. Aber gerade deren Triftigkeit verdient eine ihr gewachsene Syntax. Verständlichkeit ist eine demokratische Tugend. Der kritisch genaue, unkorrumpierte, dabei spürbar engagierte und liebevolle Blick dieser Autorin auf die Musik verträgt sich nicht mit seiner streckenweisen Unzugänglichkeit. Die ideale Lösung: ein Gespräch mit Elvira Seiwert über einige Gegenstände ihres an Gegenständen reichen Buches.
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