VAN: ›Alles fließt‹ hieß es bei Heraklit … viele welke Blumen und Tränen sind gefolgt. Inwiefern ist dein Zeitgefühl von Endlichkeit geprägt?
Tabea Zimmermann: Oh, sehr stark. Durch die religiöse Prägung meiner Eltern bin ich in einer sehr ungewöhnlichen Situation aufgewachsen, die ich als Kind als sehr belastend empfand: Wir sind mit dem Gedanken erzogen worden, dass der Tod eigentlich das Ziel des Lebens ist. Nicht die Freude am Leben stand im Zentrum, sondern eine fundamentalistische Auslegung als Vorbereitung für ein Dasein nach dem Tod. Das Gute daran war vielleicht, dass ich schon früh darüber nachdenken konnte, worauf es eigentlich ankommt. Diese Denkweise, in der der Tod ganz selbstverständlich dazugehört, hat mich auf die Endlichkeit vorbereitet. Das habe ich persönlich dann auch erfahren müssen, als mein erster Mann David Shallon damals sehr überraschend aus dem Leben geschieden ist, ich war gerade mit unserem zweiten Sohn schwanger. Seither gab es wahrscheinlich keinen Tag, an dem ich nicht irgendwann auch über den Tod nachgedacht habe. Für mein Empfinden von Zeit spielt das eine wichtige Rolle. Die interessante Frage ist ja: Was macht die Kunst mit diesen existenziellen Fragen? Welche neuen Zugänge können wir finden? Was macht das mit uns Menschen, wenn wir das auf der Bühne abhandeln? Warum brauche ich traurige Musik, nehmen wir mal Brittens Lachrymae? Warum spiele ich überhaupt Bratsche?
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