Unter den Linden hat Sir Simon Rattle am Sonntag endlich seinen Janáček-Opern-Zyklus komplettiert. Auch Rattles Gattin, die mit ihrer bezaubernden Porzellanstimme allezeit treffsichere Mezzosopranistin Magdalena Kožená, trat im zweiten Akt kurz in Erscheinung. Nämlich in der Rolle des feschen Herrn Reinecke, der die schlaue Fuchsfrau vernascht und heiratet. Woraufhin der Chor des Waldes in einen endlosen Vokalisenjubel ausbricht, im lydischen Modus, glücklich for-ever-after. Was kann es Schöneres geben? Schon purzelt dutzendweise niedlicher Fuchskindersegen herum. Libellen tanzen am Seil durch die Luft, Frösche üben Salto, Eulen heulen. Und drei alte Männer sitzen zusammen bei Skat und Bier und trauern ihrer Jugendliebe nach.

Leider, einen Wermutstropfen hat die Sache schon. Niemand kann es den Berliner Opernfreunden in Sachen Füchslein recht machen. Das ist so schon seit siebzig Jahren. Jeder in dieser Stadt – egal ob in Ost oder West, selbst die vielen Zugereisten und die Jüngsten, die damals noch im Teich schwammen – scheint sich heute immer noch ganz genau zu erinnern, dass die einzig wahre Lesart von Janáčeks Schlauem Füchslein die gewesen sei, die 1956 von Walter Felsenstein an der Komischen Oper realisiert wurde, in deutscher Sprache und dirigiert von Vaclav Neumann. Eine Legende. Mehr als 200 Aufführungen en suite, 1965 festgehalten in einem körnigen Schwarzweißfilm voller Krabbeltiere, den vermutlich noch nie jemand ganz zu Ende angeschaut hat. Egal: Er wird zitiert. Kein Pausengeflüster, keine Rezension ohne Erwähnung von Regietheateropa Felsenstein. Selbst Katharina Thalbach ist mit ihrer karnevalesken Füchslein-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin just an diesem Memento gescheitert. 


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… lernte Geige und Klavier, studierte Musik-, Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, promovierte über frühe Beethoven-Rezeption. Von 1994 bis 1997 Musikredakteurin der Zeit, von 1997 bis 2018 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seither wieder freelance unterwegs. Seit 2011 ist Büning Vorsitzende der Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik.