Zum Bild des titanischen, durch seine fortschreitende Ertaubung von der Mitwelt abgeschnittenen Beethoven passt die Vorstellung, dass der lebenslänglich Unverheiratete für  etwas so Profanes wie Liebesgeschichten keine Zeit zu verschwenden hatte, dass der Komponist weniger Frauen als die ganze Menschheit zu umarmen beabsichtigte (»Seid umschlungen, Millionen«, heißt es mit Schiller in der 9. Sinfonie), dass dem Mann also der Mantel der Geschichte näher war als der Hemdzipfel der Geliebten, um einen bekannten Ausspruch einmal umgekehrt zu zitieren. Das ist allerdings Unsinn, wie man unter anderem in der glänzenden, 2012 auf deutsch erschienenen Biographie von Jan Caeyers (in VAN: Interview mit Jan Caeyers) nachlesen kann. Die Legende hat nicht nur Beethovens Begeisterung für die politische Revolution über- und seine innerliche Abhängigkeit vom Adel untertrieben sowie die geselligen, humorvollen Züge noch des gänzlich ertaubten Komponisten verschwiegen; Beethoven war auch oft und leidenschaftlich verliebt, allerdings in ein und dieselbe Frau meistens nur für höchstens »sieben Monate«, wie er mit beeindruckender Präzision zu Protokoll gab. Der österreichische Pianist Rudolph Buchbinder hört gerade aus den frühen Sonaten musikalische Huldigungen an seine meistens aristokratischen Klavierschülerinnen heraus. Sollte sich Beethoven an Männern aus seinem Umfeld wie den stadtbekannten Frauenhelden und routinierten Ehebrechern Fürst Karl Lichnowsky oder Graf Andrei Rasumowski ein Vorbild genommen haben, wird es in den Liebesgeschichten des Komponisten nicht besonders keusch zugegangen sein. Das besagt nichts gegen Beethovens hohe moralische Vorstellungen und seinen dringlichen Heiratswunsch. In seiner einzigen Oper Fidelio hat der Junggeselle bekanntlich das hohe Lob der »Gattenliebe« gesungen. Nur hätten die aristokratischen Familien seiner Angebeteten einen bürgerlichen Schwiegersohn sicherlich nicht akzeptiert.


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... studierte Literatur- und Musikwissenschaften und arbeitet als freier Dramaturg und Journalist unter anderem für den Tagesspiegel.