Zum Kennenlernen lädt David (Daviko) Saltiel zum Sabbatgebet in die Synagoge von Thessaloniki ein, die in einem schlichten Allzweckbau zwischen Markthalle und Corniche untergebracht ist. Zum anschließenden bescheidenen Mahl mit der Gemeinde in einem höheren Stock genehmigt er sich den Lift. Der inzwischen fast 90-Jährige ist seit mehreren Jahrzehnten Kantor der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki. Er ist der einzige Überlebende des Holocaust, der das reiche Liedgut der sephardischen Tradition aus der einstigen »Hauptstadt« der sephardischen Juden noch von der Elterngeneration geerbt hat, und einer der letzten Sprecher des Judeo-Español sowie der Schriftsprache Ladino in Thessaloniki. 1997 wurde unter Leitung von Nikos Tzannis-Ginnerup eine Auswahl seiner Lieder aufgenommen und vom Berliner Label Oriente verlegt.Vor der einzelnen Pflaume zum Nachtisch stimmt Saltiel »El Rey Nimrod« an, ein in sephardischen Gemeinschaften verbreitetes Lied im Makam-Stil über den grausamen König Nimrod und die Geburt Abrahams.Nach dem Essen in den Gemeinderäumen der Synagoge verabreden wir uns zu einem Gespräch am Folgetag in seiner Wohnung. Es ist eine einfach eingerichtete Zweizimmerwohnung im ehemals jüdischen Viertel. Als einzige Dekoration gibt es im Schafzimmer einige wenige Familienfotos, eine Perücke und mehrere Ketten seiner verstorbenen Frau. Während David Saltiel seine Überlebensgeschichte erzählt und über seinen Beruf spricht, klackert ununterbrochen sein Komboloi. Das sechsstündige Gespräch wird hier nach den Zusammenfassungen der Übersetzerin Carla Primavera wiedergegeben.
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