»Die Bücher meines Lebens« hieß die Veranstaltung im Großen Sendesaal des WDR in Köln. Hier hatte Strawinsky 1951 zur Eröffnung dirigiert, hier hatten Adorno und Stockhausen über das Neue der Neuen Musik diskutiert. Der Raum, akkurat historisch informiert renoviert, atmet die ganze leicht angestaubte Würde von »Hochkultur« der in dieser Hinsicht glaubensfesten 1950er Jahre. An diesem Abend aber zieht die eher entschieden popkulturell orientierte LitCologne ein. Der popistische Dreh ist hier, seit nun schon 25 Jahren einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte, die Mobilisierung von Gesichts-Prominenz für Literatur und die Kreation von auf den ersten Blick ungewöhnlichen Konstellationen. Ein Lyriker im Boxring, sowas. Vielleicht ist der Erfolg auch gar nicht so erstaunlich, wir sind in Köln, wo das Nebeneinander von Kunst und Karneval sowieso funktioniert. Es ist fast alles ausverkauft, bei für Lesungen eher unüblichen gehörigen Preisen.
Die LitCologne ist insofern auch das natürliche Habitat der selbst ein wenig prominenten Literaturdampfplauderer und -plauderinnen, die im Fernsehen, in den Kulturradios und Podcasts ihre Meinungen über Bücher ventilieren, manchmal unterhaltsam, oft belanglos, selten anregend. An diesem Abend soll Christian Streich, Ex-Trainer des SC Freiburg, über ein paar Bücher sprechen, die ihm wichtig sind, im Gespräch mit dem Sportjournalisten Christoph Biermann, selbst Autor einer langen Reihe von klugen Büchern über Theorie und Praxis des Fußballsports, des Fanwesens, außerdem Chefreporter des Fankultur-Magazins Elf Freunde. Streich kenne ich ein wenig aus dem Fernsehen, Christoph seit Schultagen, in denen er mich manchmal zu Heimspielen von Westfalia Herne oder dem VfL Bochum mitnahm. Ich spielte ihm dafür zuhause Mahlersymphonien vor. Die gegenseitige Inspiration gelang so mittel, er blieb beim Fußball, ich bei Musik, aber jedenfalls mit Respekt für die andere Welt, eine schöne lange Freundschaft.

An diesem Abend also sprach, wo einst Strawinsky dirigiert hatte, der Trainer Streich über Literatur, wobei das erste Werk, mit dem Titel Elf Freunde sollt ihr sein, wie Christoph bemerkte, eher nicht zur Weltliteratur zu zählen sei. Dann aber ging es zu Moby Dick, Herman Melvilles gewaltigem Roman vom weißen Wal, den Streich mit 18 in der ungekürzten Fassung gelesen hatte. Das ist wichtig zu sagen, denn meist kursiert das 1000-Seiten-Epos ja als plot-Torso in Kurzfassungen »für junge Leser«. Der junge Streich aber, Metzgerssohn aus dem südbadischen Eimeldingen, er las die Langfassung, inklusive aller Exkurse über den Walfang und das extreme Leben der Walfänger, die jahrelang unterwegs waren. Über den Respekt, mit dem hier den »Wilden« begegnet wird. Über Männer in einem Boot und mit einer Mission. Streich sprach von seinen Nachmittagen auf dem Fußballplatz und den Abenden als Leser, und über die Bücher seines Lebens, mit einer Ernsthaftigkeit, einer vollkommenen Abwesenheit von Prätention, mit Genauigkeit der Beobachtung, Detailkenntnis, Empathie, so jenseits allen Plaudertums, dass man, dem Leser Streich folgend, sofort mit auf die ganz große Lese-Fahrt gehen wollte. Danach ging es noch um eine Feuilleton-Aktualität, den Debütroman der jungen genderfluiden Autorenperson Kim de l’Horizon. Und wieder, auch wenn dem Leser Streich der komplizierten Welt der non-Binärität eher fernsteht: eine Einlässlichkeit, ja Tiefe einer Leser-Buch-Begegnung, die mich nachklingend fasziniert hat. Und das alles in der saftigen, unvernutzten Sprache der alemannischen Mundart. Kein Satz Hochdeutsch! Wenn die Badenser schwätze sagen, meint das viel mehr als das hochdeutsche Geschwätz, und mir kam es wie der sehr weit entfernte Gegenpol des üblichen Geschwätzes über Literatur vor.
Hatte ich je so plastisch-subjektiv, so emotional treffend über Musik als Kunst reden gehört, dabei ohne jeglichen Heroismus, nämlich Wirkenwollen durch brillante Bemerkungen oder sonstwie exemplarisch »gute« Rezeption? Ohne all den Schlauschwatz der Musikkenner, der regelmäßig dazu führt, dass sich Menschen andererseits immer dafür entschuldigen wollen, ja »keine Ahnung« zu haben? Mir fiel nicht viel ein, und nichts Vergleichbares. Wie viel krampfige Bemühung um »Musik-Vermittlung«, wie viel aufgekratztes Hampeln an dem, was Kunst könnte, vorbeiplaudert. ¶

