Wie eine Geschichte endet, wer gewinnt und wer zur Hölle fährt, entseelt zu Boden sinkt, in die Wolga geht oder von der Engelsburg springt oder anders stirbt oder aufersteht, wer König wird und die Prinzessin bekommt und das halbe Königreich dazu, ob sich ein Paar kriegt oder nicht – all das ist ja durchaus nicht schnuppe. Als ob uns da zum Schluss nochmal ein Kompass gezeigt wird: Da geht’s lang und weiter. Bei Monteverdi treffen sich Orfeo und Euridice in den Sternen, bei Gluck bekommen sie eine zweite Chance – nur wie wir uns ein Eheleben im Hause Orpheus/Eurydike vorstellen sollen, bleibt offen. Jedenfalls macht es einen Unterschied. Insofern komme ich gerade ein wenig verstört aus gleich drei neuen Produktionen, denen gemeinsam ist, dass sie mit Mozarts happy endings »ein Problem haben«, wie man jetzt so sagt.
Am wenigsten noch Barbora Horáková mit ihrer neuen Zauberflöte an der Wiener Staatsoper (hier mein Bericht). Da lösen sich alle Widersprüche zwischen sternflammenden Königinnen und Sarastros verdeckt autoritärem Vernunftpriestertum auf in einem allgemeinen, glockenspielgetriebenen Versöhnungstaumel, den man schon rührend, aber auch ganz schön harmlos finden kann. Immerhin darf sich jedes seins denken.
Wie das Publikum von Sidi Larbi Cherkaouis neuem Idomeneo, Re di Creta in Amsterdam das frei erfundene Ende seiner Inszenierung verstanden hat, wüsste ich gern. Wer das Stück nicht kennt, und das sind sicher deutlich mehr Menschen als bei der Zauberflöte, und wer nicht wenigstens im Opernführer nachgelesen hat, dass da schließlich eine höhere Macht dem kretischen König die Höchststrafe erlässt, seinen eigenen Sohn Idamante zu opfern, ihm dafür aber auferlegt, ihm die Herrschaft zu übergeben – wer das nicht schon weiß, wird das Ende des Amsterdamer Idomeneo wohl nur so verstehen können: Idamante und gleich auch dessen Geliebte Ilia werden, Stimme von oben hin und her, auf Idomeneos Befehl doch geopfert, der Macht- und Generationswechsel findet nicht statt, stattdessen zieht der Sohnesmörder mit Elettra (Ilias Liebesrivalin) ab. Ende.
Nun singt nicht nur Daniel Behle für so einen Mega-Unhold seinen Idomeneo viel zu schön, überhaupt widerspricht die Musik des Finales solcher Schock-Dramaturgie fundamental. Der Behauptung, der zur Zeit des Idomeneo frühgeniale 25-jährige Komponist habe hier nur unter dem Genre-Zwang der Opera seria gearbeitet, die eben ein glückliches Ende, ein lieto fine, verlangte, möchte ich zurufen: Vorsicht bei Mozart! Der zeigt uns doch dauernd, auf Ebene der Figuren – ihrer Relationen, in der Musik, in der sie sich aussprechen – wie in Einem immer auch was vom Anderen steckt. Woraus dann die Schatten entstehen, die feinen Ambivalenzen, für die wir uns auch ein Vierteljahrtausend später noch interessieren können. Und dessen Umgang mit den Form-Konventionen so viel schlauer ist als jede Haudrauf-Plakat-Aktion.
In ihrem neuen Don Giovanni an der Dortmunder Oper lässt nun die Regisseurin Ilaria Lanzino die Scena ultima gleich ganz weg und die Geschichte mit der Höllenfahrt des bestraften Wüstlings enden. Das ist tatsächlich eine Variante der langen Rezeptionsgeschichte dieser »Oper aller Opern«, sie hat immerhin Gustav Mahler auf ihrer Seite, wohl auch Theodor Adorno, vielleicht sogar ein wenig Mozart selbst (für die Wiener Erstaufführung, aber das ist unsicher). Kann man machen. Was aber fehlt, ist nicht nur die musikalisch genial gelöste Überleitung von der grandios schaurigen Höllenmusik zurück ins irdische Leben, es fehlt auch die Ratlosigkeit der Überlebenden, wie es nun weitergehen soll. Anna und Ottavio, Zerlina und Masetto, Elvira, Leporello, sie wissen es nicht genau und halten sich einstweilen an der angeblich antichissima canzon fest, so gehe es eben dem, der Böses tat. (Questo è il fin di chi fa mal.) »Das letzte, moralisierende Sextett wird nicht gespielt«, schreibt die Regisseurin im Programmheft, und blendet aus, dass doch gerade der Exorzismus der Höllenstrafe für den (zweifellos toxischen) Mann Giovanni das moralisierende Finale ist. Dass ihm am Ende der Komtur, umkränzt als feministisch rächende Medusenfigur hinabzieht, dass vor allem die Frauen dem Geschehen in einem Trümmerfeld nachdenklich hinterhersehen: Nach dem bis dahin plausibel aufgeblätterten Sünden-Episodenregister ist das eine starke Szene, und ein feministisch exponierter Zugriff auf das Stück scheint heute naheliegend, es lässt sich ja sowieso feministisch lesen. Aber so schnipp schnapp den Schluss wegzuschnipplen, leuchtete mir nicht ein. Denn die Geschichte der toxischen Männlichkeit ist mit der lustvollen Bestrafung des Wüstlings doch genau nicht zu Ende. Die Frage, wie es weitergeht nach den Fantasien von Höllenfeuern, von gerechten Strafen, in dieser Wirklichkeit, in der die Bösen oft ungeschoren davonkommen – wie umgehen mit diesen toxischen Typen, all den Don Giovannis im Kleinformat? – sie scheint mir die eigentlich brisante. ¶

