Unter dem Titel Violins of Hope sammelte und restaurierte der Geigenbauer Amnon Weinstein in seiner Werkstatt in Tel Aviv Streichinstrumente von jüdischen Musikerinnen und Musikern, die Überlebende des Holocaust ihm oder seinem Vater Moshe Weinstein (ebenfalls Geigenbauer) vermacht hatten. Einige Musikerinnen und Musiker wollten die Geigen nicht mehr spielen, manche Instrumenten kamen über Familienangehörige zu den Weinsteins. Auf der Website der Sammlung sind viele Geschichten einzelner Instrumente dokumentiert. Zu einer Geige ist dort (auf Englisch, hier in deutscher Übersetzung) zu lesen:

»Dieses Instrument gehörte ursprünglich einem Häftling, der im Männerorchester des Konzentrationslagers in Auschwitz spielte. Und überlebte.
Abraham Davidowitz, der 1939 aus Polen nach Russland geflohen war, kehrte später ins Nachkriegsdeutschland zurück und arbeitete in der Nähe von München, wo er vertriebenen Juden half, die in DP-Lagern lebten.
Eines Tages kam ein trauriger Mann auf Abraham zu und bot ihm seine Geige an, weil er kein Geld hatte. Abraham zahlte 50 $ für die Geige und hoffte, dass sein kleiner Sohn Freddy sie spielen würde, wenn er groß wäre.
Viele Jahre später hörte Freddy von dem Projekt Violins of Hope der Weinsteins und spendete seine Geige, damit sie vollständig restauriert und wieder zum Leben erweckt werden konnte.«

Amnon Weinstein ist im März 2024 gestorben. Sein Sohn Avshalom, ebenfalls Geigenbauer, führt die Sammlung weiter.

Die Violins of Hope wurden bereits in zahlreichen Konzerten wieder zum Klingen gebracht, unter anderem von den Berlin Philharmonikern und dem Cleveland Orchestra. »Unsere Konzerte sind die ultimative Antwort auf den Plan der Nazis, ein Volk und seine Kultur auszulöschen, das Leben und die Freiheit der Menschen zu zerstören«, heißt es auf der Website der Violins of Hope. 

Das erste Stück speziell für diese Sammlung, Aus Geigen Stimmen von Berthold Tuercke, wird jetzt bei einem Gedenkkonzert zum 80. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem RIAS Kammerchor und Studierenden der Universität der Künste Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski uraufgeführt. 53 Geigen, ein Viola und Violoncello werden hier mal mit Solo-Passagen vorgestellt, mal fügen sich kleine Zellen der verschiedenen Instrumente zu mosaikhaften Flächen oder Melodien, mal finden sie sich in hohen, schwebenden Zusammenklängen, während ein Chor die Geschichte der Instrumente vorträgt. Dabei werden Texte von Amnon Weinstein, genau wie von den Dichtern Yankev Glatstein und Abraham Sutzkever und aus dem Tanach verarbeitet, zum Teil übertragen ins Jiddische von Lia Martyn. »Ich wollte, dass das Schicksal der Geigen und der dahinterstehenden Menschen zum Ausdruck kommt«, erklärt Berthold Tuercke. »Deswegen ist es auch ein Oratorium, eine Komposition, die mitteilt.«

Ich treffe den Komponisten zum Gespräch über die Violins of Hope, Aus Geigen Stimmen und seine ganz persönliche Verbindung zu jüdischen Exilmusikern und dem Komponisten Viktor Ullmann, der im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde.  


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... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Nach einem Schulmusik- und Geschichtsstudium in Berlin und Bukarest gibt sie Seminare in Musikwissenschaft und Musikjournalismus und ist Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com