Fragt man an Jugendorchester-Probenwochenenden – also zwischen Alkoholabusus, Skat-Exzessen und hornhautabraspelnden Streicher-Registerprobenquälereien – alle Beteiligten nach den absoluten Symphonie-Komponisten-Favoriten, dann stehen am Ende solcher Umfragen meistens die Namen Schostakowitsch, Mahler und Brahms. Und, mit kleiner Einschränkung: Tschaikowsky.
Bieten Schostakowitschs und Mahlers Orchesterwerke als symphonische Ego-Shooter das spätpubertär gut er- und gelittene Äquivalent zum früheren Genuss von Tarantino-Filmen, so steht Brahms nicht für Splatter-Wonne, sondern für das – nun ja – Gegenteil. Für das Reinlegen in den Klang, für die angestrebte Perfektion, für das innen Bewegte und dabei äußerlich so Strukturierte, nach dem man sich vielleicht in diesem Alter sehnt. Brahms ist nicht »cringe«, macht aus seinen Gefühlen keine Noten-Show. (Bei ihm findet ihr die Gefühle eher in den Show-Notes. Also weiter unten.) Und Mahler und Schostakowitsch sind über »cringe« hinaus. Beyond cringe.
Mahler bricht außerdem angenehm mit bestimmten Instrumentationstraditionen, schreibt Kuhglocke, Mandoline und Hammer vor. Der Anschein von Anarchie: Junge Menschen lieben das. Bei Schostakowitsch schnarrt die Militärtrommel. Tschaikowsky dagegen waren solche Instrumentationsspielereien fremd. Er knüpfte in dieser Hinsicht eher an die eine Zeit lang als »ideal« empfundene Orchesterbesetzung einer »normalen« Beethoven-Symphonie an – und fügte eine Basstuba hinzu. Und: sich selbst. Tschaikowsky, der große Leidenschaftliche. Der, der seine Liebe zu Männern in Russland nicht leben durfte. Der, der all seine Liebe (allgemein) in seine Musik hineinlegte. Der große Instrumentator, ein fantastischer Melodienfinder, ein Kinderreichschöpfer, ein Dramatiker. Nicht unbedingt das Ausbrechen aus der »gelernten« Harmonik. Sondern Kompaktheit, starke Themen, Klage, Hoffnung, Pathos. Amen (aber ohne den religiösen Aspekt). Die Symphonie als offenes Seelenbuch. Ein Seelenbuch mit ordentlichem Wumms dabei!
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