Nun gilt es also nicht mehr, jenes geflügelte Wort, das mal Gustav Mahler, mal Karl Kraus in die Schuhe geschoben wird: »Wenn die Welt untergeht, ziehe ich nach Wien; dort passiert alles 50 Jahre später.« Es gilt nicht mehr, weil Wien derzeit ein atemberaubendes Tempo vorlegt, die einst heiligen Institutionen der Hochkultur zu beschneiden, empfindlich zu kürzen oder gleich ganz zuzusperren, wie man in Wien sagt. Denn Wien ist hoch verschuldet und muss dringend sparen. Die alten Beharrungskräfte scheinen plötzlich aufgebraucht zu sein, die Unantastbarkeit von Institutionen scheint außer Kraft gesetzt. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Effizienz schafft die (Kultur-)Politik neuerdings Fakten, die das bis eben noch gepflegte Image der generösen Kulturstadt Wien empfindlich stören dürften.
Wien stand nicht umsonst immer wieder ganz oben bei Lebensqualität-Rankings. Das lag bis neulich eben auch an der Kulturpolitik, die ihre Institutionen gepflegt und immer weiter ausgebaut hat. Noch zur letzten Jahreswende konnten die fast pünktlich vollendete Sanierung des Musiktheaters an der Wien und die zeitgleiche Eröffnung der neuen Staatsopern-Spielstätte NEST im Künstlerhaus gefeiert werden. 2025 war der Stadt auch die Feier des Johann-Strauß-Jubiläumsjahrs anlässlich seines 200. Geburtstags noch üppige 22 Millionen Euro wert.

