Uli Fussenegger im Interview

Text · Titelbild © Claus Langer · Datum 23.1.2019

Der erste seiner Art: Seit letztem Herbst ist der Bassist Uli Fussenegger Leiter und Koordinator für Zeitgenössische Musik an der Hochschule für Musik in Basel. Das Komplizierte gleich vorneweg: Die Musikhochschule ist einer von vierzehn Teilen des Hochschulkonglomerats Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Sie hat drei Untersektionen: die Scola Cantorum, den Jazzcampus – und die Klassik. Innerhalb dieses Bereichs wiederum ist Fussenegger verantwortlich für die Masterstudiengänge in Komposition, der Zeitgenössischer Musik, der Improvisation, der Musiktheorie und des Audiodesigns. Und nun zum angenehmen Teil: Uli Fussenegger erzählt in Basel bei einem Glas österreichischem Weisswein, wie er mit diesen Strukturen umgeht, warum sich Kultur legitimieren muss, und wo ihn sein eigenes Musikerleben dieses Jahr hinführt.

VAN: Wer Deine Funktion auf der Homepage der Musikhochschule sucht, braucht ziemlich lange. Ist der Webauftritt Deiner Abteilungen Deine erste Basler Baustelle?

Uli Fussenegger: Mit Layoutfragen, Branding und Online-Auftritt setze ich mich gerade extrem auseinander. Bis jetzt ist es tatsächlich schwer, zu relevanten Informationen zu kommen, wenn man sich für ein Studium Neuer Musik in Basel interessiert. Zukünftig wird sich die gesamte Neue Musik auch ausserhalb des FHNW-Kosmos präsentieren können, das habe ich schon aufgegleist.

Die Audiodesign-Studierenden haben ein elektronisches Studio, auch einen Master in Improvisation kann man in Basel machen. Wieso gehören diese exotischen Studienrichtungen explizit zur Klassik-Abteilung?

Der Terminus ›Klassik‹ ist etwas unglücklich. Audiodesignstudierende landen oft in der Filmproduktion oder machen Studioarbeit. Und von den 13 Leuten, die hier Improvisation studieren, fühlt sich vielleicht ein Drittel der Klassik zugehörig. Das zeigt wieder das Sichtbarkeitsproblem: Wer nach so etwas sucht, sucht nicht in der Klassik. Das ist ein Problem mit der Terminologie. Darauf müssen wir reagieren.

Foto © Sebastien Brohier
Foto © Sebastien Brohier

Deine Position ist die erste ihrer Art in der Schweiz. Es ist ein mutiger Entscheid der Hochschule, eine solche Stelle zu schaffen. Inwiefern gehören da terminologische Unschärfen zu Beginn dazu?

Dass die Hochschule von innen heraus erkannt hat, dass meine Stelle Sinn macht, ist ein sehr gutes Zeichen. Und die Studiengänge für sich funktionieren ja eigentlich gut. Zumal die Neue Musik hier kein separates Institut ist.

Aber die Musiktheorie ist hier beispielsweise traditionell mit Neuer Musik und Komposition verknüpft.

Das Studium und die Forschung sind hier teilweise sehr praxisorientiert. In Basel gibt es diese grosse Tradition der ganzen Kompositionsprofessoren wie Klaus Huber, Roland Moser, Georg Friedrich Haas oder Thomas Kessler. Das ist einerseits gut, andererseits auch ein bisschen problematisch, weil die Sichtbarkeit der beiden Disziplinen nicht sehr hoch ist. Sie sind sehr vermengt. Das ist dann der nächste Schritt: 2021 werden ein paar von den Studiengängen neu aufgestellt, benannt und geplant. Tradition ist schön, aber einige Sachen müssen wir schon unserer Zeit anpassen – und nützen, dass man das jetzt vernetzen kann.

Dein Stellenprofil wirkt wie eine Kuratorenstelle. Was machst Du abgesehen vom administrativen Bereich?

Ich denke mir Projekte aus, bei denen alle Studiengänge gemeinsam mit Kooperationspartnern von außen zusammenarbeiten. 2020 machen wir zum Beispiel ein grosses Maderna-Projekt zu seinem 100. Geburtstag mit der Paul-Sacher-Stiftung und Darmstadt zusammen. Dieses Jahr haben wir ein Pousseur-Symposion, ebenfalls zusammen mit der Sacher-Stiftung. Da machen die Studierenden in unserem Studio eine Neufassung von Scambi aus 1957. Oder aber eine Kooperation mit dem Festival ›Zeiträume Basel‹, bei der sich unsere Studierenden mit dem Thema Migration künstlerisch auseinandersetzen. Meine Aufgabe ist es, solche Dinge in Gang zu bringen, umzusetzen – und letztlich zu finanzieren. Ich will einen positiven Wind erzeugen.

Welche weiteren Projekte dieser Art hast Du angestossen?

Eine meiner ersten Aktionen war, ein Heinz-Holliger-Festival ins Leben zu rufen. Er wird dieses Jahr 80, und obwohl er als der große Sohn der Stadt Basel gilt, war nichts Institutionsübergreifendes geplant. Das fand ich typisch Schweizerisch: Alles läuft schön föderal. Von November bis Ende Januar gibt es jetzt acht oder neun Konzerte, an denen alle Ensembles der Stadt und die Hochschule beteiligt sind.

Wie vereinst Du deine Basler Tätigkeit mit deinem Musikerleben?

Von August bis zur letzten Weihnacht habe ich keinen Ton gespielt. Seit ich 13 bin, habe ich noch nie so lange nicht gespielt. Körperlich ist das echt interessant. Die linke Hand ist entsetzlich, ich habe keine Kraft mehr und keine Hornhaut. Aber bei der rechten Hand verliere ich gar nichts, ich streiche eine leere Saite und denke: wow! Dieses Jahr habe ich große Projekte: Ich bin Solist in der Oper von Chaya Czernowin an der Deutschen Oper Berlin. Und ich mache die musikalische Direktion bei Christoph Marthaler an der Ruhrtriennale.

Du arbeitest immer wieder mit Marthaler zusammen. Was wird es diesmal?

Das Stück Letzte Tage haben wir schon 2013 im historischen Parlamentssaal im Rahmen der Wiener Festwochen gemacht. Die Themen sind Ausgrenzung, Flucht, Minderheiten, und das wird zusammengehalten von Theresienstadt-Kompositionen. Das Stück ist eine Metapher für eine nicht funktionierende Demokratie, die Demokratie behauptet. Wir verwenden sowohl historische als auch zeitgenössische Texte, und hier hat uns die Realität total überholt. Was 2013 noch schockierend war, ist inzwischen normal. Wir müssen das Stück neu konfigurieren, auf textlicher wie auf musikalischer Ebene. Deswegen ist das Projekt irrsinnig spannend und zeitgemäß: schockierend aber relevant.

Welche Musik verwendest Du?

Im Ensemble spielen nur sechs Leute. Sechzig Prozent der Musik ist von Theresienstadt-Komponisten, aber alles ist bearbeitet. Sie haben dort große Werke aufgeführt, etwa die Schöpfung von Haydn, aber bei jeder Aufführung haben Leute gefehlt – weil sie gestorben sind oder abtransportiert wurden. Die Idee für Letzte Tage war, das Gerippe dieser Kompositionen zu spielen. Wir zeigen, dass man mit kargen Mitteln große musikalische Werke spielen kann.

Soll diese Art von Bewusstsein für Relevanz auch an der Musikhochschule vermittelt werden?

Ja, und es ist schon in einem hohen Maß vorhanden. Vor allem bei den Studierenden. Die Generation der heute 20- bis 25-jährigen sucht wirklich stark nach gesellschaftlicher Relevanz – in einem ganz anderen Ausmaß, als das Ende der 90er-Jahre der Fall war.

Woran liegt das?

Erstens ist es mit dem Biotop ›Neue Musik‹ zu Ende – was ich ganz gut finde. Und zweitens betrifft es Kultur generell. Die Zeit des Konsens, in der sich eine Gesellschaft darüber einig ist, dass Kunst und Kultur einen ganz klaren Wert haben … Dieser Konsens ist total im Schwinden. Man muss sich – auch an den Hochschulen – plötzlich damit auseinandersetzen, sich zu legitimieren: Welche Relevanz hat unsere Arbeit für die Gesellschaft?

Muss man sich rechtfertigen?

Wenn man es negativ sagen will, ja. Ich bleibe lieber bei legitimieren, weil ich dem durchaus etwas Positives abgewinnen kann. Neue Musik war lange Zeit ein Minderheitenprogramm und als solches ein Selbstläufer. Das ist vorbei. Die Chance liegt darin, dass die 20- bis 25-jährigen das gar nicht mehr anders kennen.

Gerade Basel ist aber ein Ort, wo durch Figuren wie Paul Sacher oder generell das Mäzenatentum die traditionelle selbstverständliche Wertschätzung von Hochkultur ziemlich tief verankert ist.

Das stimmt, aber selbst in Basel polarisieren sich die Sachen und driften auseinander. Zudem merke ich, dass die Wahrnehmungen diesbezüglich sehr unterschiedlich sind. Man kann ein kulturelles Leben führen und sich von diesen Entwicklungen nicht berühren lassen. Auch als klassischer Musiker kann man heute noch immer – wenn man sehr gut spielt – normal arbeiten, ohne diese Problematik zu bemerken.

Woran merkst Du das in Basel?

Hier wird das Casino, der Konzertsaal, gerade umgebaut. Die Basel Sinfonietta spielt ihre Konzerte deshalb zu einem beträchtlichen Teil im Musicaltheater. Aber es gibt Leute in Basel, die fahren nicht über den Rhein. Und die gehen dann auch nicht ins Konzert dorthin. Das ist eigenartig, aber auch eine schöne Metapher. Oder ein anderes Beispiel: Ich war im Herbst in einem Konzert mit Uraufführungen von Heinz Holliger und Xavier Dayer, ein Programm auch der klassischen Moderne. Ich war mit meinem Kollegen Michael Kunkel dort – und ich schwör dir, wir waren die jüngsten.

Das Publikum altert mit den Szenen. Dasselbe habe ich an einem Festival für improvisierte Musik in Zürich erlebt: Mein Sitznachbar hat während eines Duokonzerts von Robin Schulkowsky und Joe Baron geschlafen.

Mit dem Thema der freien Improvisation beschäftige ich mich ebenfalls: Hier in Basel unterrichten Fred Frith und Alfred Zimmerlin. Frith geht 2020 in Pension und ich muss mich damit auseinandersetzen, in welche Richtung dieser Studiengang weiterentwickelt wird. Ich habe mir also die Programme der paar großen Impro-Festivals, die es in Europa noch gibt, angeschaut: Das ist ein Team von 15 bis 20 Spielern, von denen kaum jemand unter 50 ist, und die das ganze Feld bestreiten. Junge Spielerinnen und Spieler verorten sich in einem anderen Kontext.

In Basel gibt es den Studiengang ›Spezialisierte Performance Zeitgenössische Musik‹. Was hat es damit auf sich?

Da kommen Instrumentalisten, die ein relativ freies Curriculum haben und in Basel hauptsächlich Projekte spielen. Ihre Hauptfach-Lektionen können sie beziehen, wo sie wollen, auch ausserhalb der Hochschule. Sie holen sich, was sie brauchen, und dann rechnet das die Hochschule auf Honorarbasis ab. In Basel erhalten sie Praxis-Know-how und vor allem: Netzwerk.

Du warst seit 1987 Mitglied des Klangforum Wien und hast dort jahrelang auch als Dramaturg gearbeitet. Teilst Du den Eindruck, dass die großen Neue-Musik-Ensembles wie das Klangforum, das Ensemble intercontemporain oder das Ensemble Modern in einer Art Selbstfindungskrise stecken?

Schon, denn bis etwa 2005 hat es genügt, dass man fantastisch gespielt hat, weil ganz viele Werke das erste Mal auf so hohem Niveau zu Gehör kamen. Jetzt gibt es durch die zahlreichen Studiengänge so viele Leute, die dieses Repertoire gut spielen, dass die Ensembles in eine Phase des Selbstlegitimierungszwangs geraten. Was dieses Thema anbelangt, tut es mir leid, das Klangforum verlassen zu haben – obwohl ich ansonsten ein bisschen zur Unsentimentalität neige.

Brauchen diese Ensembles einen Generationenwechsel?

Der Altersdurchschnitt ist bei den Ensembles eigentlich so hoch wie bei einem Sinfonieorchester. Außerdem gibt es in den Ensembles nicht wenige Leute, die einfach super spielen. Diese Attitüde ist mir fremd. Es braucht zwar einen Generationenwechsel, aber der erledigt nichts von selber.

Was wäre denn wichtiger als eine Ablösung der ›jungen Wilden‹ aus den 1980ern durch junge Wilde von heute?

Vor 20, 30 Jahren, als diese Ensembles in Schwung kamen, war es so, dass für die allermeisten Mitwirkenden das Ensemble der absolute Mittelpunkt war. Alle haben an einem Strang gezogen. Heute haben viele Mitglieder Kinder, sie unterrichten, die Lebensmittelpunkte haben sich verschoben. Die persönlichen Biografien spielen eine große Rolle.

»Der Konsens, dass eine Gesellschaft sich darüber einig ist, dass Kunst und Kultur einen ganz klaren Wert haben, ist total im Schwinden.« Uli Fussenegger über die Selbstlegitimierung von Zeitgenössischer Musik in @vanmusik.

Glaubst Du, dass die berüchtigte Generation Y das Konzept ›Lebensmittelpunkt‹ noch kennt? Vielleicht liegt die Legitimation heute in der Diversität von Beschäftigungen.

Ich wünsche jeder und jedem einen solchen Mittelpunkt. Ich finde einfach, es ist ein schöneres und leichteres Leben. Und man spürt es in der Bühnenpräsenz. Ich habe es immer als Privileg empfunden, das zu haben. So habe ich eine abstrakte Dankbarkeit – ich weiss zwar nicht, wem gegenüber, aber ich empfinde sie. Dann muss man sich nicht dauernd auf Sinnsuche begeben. Zumal man das sowieso muss. ¶

Der österreichische Bassist Uli Fussenegger (*1966) begann seine Karriere als Bassist u.a. beim Concentus Musicus Wien und beim Freiburger Barockorchester, ehe er ab 1987 Mitglied des Klangforum Wien wurde. Er ist Dozent bei der Ensembleakademie Impuls Graz, den Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt sowie bei der Lucerne Festival Academy und an der Hochschule Luzern – Musik. Zuletzt erschien von ihm die Aufnahme San Teodoro 8 mit Bearbeitungen von Material von Giacinto Scelsi (Kairos, 2018). Seit Herbst 2018 ist Uli Fussenegger Leiter und Koordinator der zeitgenössischen Musik an der Hochschule für Musik Basel.