Den Titel leih’ ich mir bei dem Dichter Jean Paul. Ich hatte den Tag zuvor viel lesend verbracht, und vielleicht waren es die hirnöffnenden Gedanken-Papillons dieses merkwürdigen Schriftstellers, die mir später in den Kopf setzten, was mir beim Aufwachen als ein unbedingt festzuhaltender Glückstraum erschienen war, nämlich der Besuch eines sehr speziellen Museums; von außen eine verglaste Schachtel, drin eine verzweigte Raumlandschaft, bei der gar keine »Objekte« an Wänden oder sonstwie platziert waren. Durch große Fenster-Rahmen sah man in allen Richtungen ins Freie, über weite Felder mit Unmengen von Tulpen hier, Sonnenblumen da. Dazwischen Menschen in kleinen Kreisen, drinnen und draußen. Dass dies ein spezieller Ort sein musste, wurde mir klar nach einer fantastischen Rutschpartie über eine breite Rampe, vom obersten Stock weit runter ins Basement, wie eine Superrutsche im Schwimmbad, aber ohne Röhre; jedenfalls mit dem gleichen Effekt bei mir, eine Art Rebirthing-Lachanfall.
So landete ich vor einer gepolsterten Barriere, dahinter ein Set-up von Sitz- und Liegemöglichkeiten, und vor allem: eine ruhige Zone, um Musik in der genau richtigen Lautstärke zu hören. Es erklang etwas Jazziges mit viel Bass, und ich verstand: Das hatte jemand mitgebracht zum Zuhören in dieser Zufallsgruppe, und dachte: Was für eine genial einfache Idee, um über Musik ins Gespräch zu kommen, solche oder andere, ohne Expertenhabitus, nicht als Nachweis des besseren Geschmacks oder zur Vorlage eines Kontoauszugs des eigenen kulturellen Kapitals, jedenfalls ziemlich barrierefrei. Zum Traum gehört, dass ich etwas hektisch auf mein Telefon tippte auf der Suche nach dem genau richtigen Track, klappte irgendwie nicht, egal. Was für eine friedliche Society of Music, dachte ich schon im Schlaf, die sich – random – vorspielt, was sie oder er schön oder bedeutsam findet. In die Entspanntheit des Traumgeschehens spielte vielleicht noch die des vorigen Herbstnachmittags am Meer, mit Bier in der Hand den Wellen und den sandburgenbauenden Kindern zuschauend. Es könnte schön sein.
Klingt jetzt naiv, ebenso wie das reflexhafte »geht aber bestimmt nicht«, weil die Verhältnisse nicht so sind, nicht die der Welt und auch nicht der Musik. Was die Wissenschaft so nett »Offenohrigkeit« nennt, kommt uns ja spätestens mit der Pubertät abhanden, danach ist Musik entweder wichtig als Identitätsvehikel – meins ungleich deins –, oder nicht wichtig, oder bloß Tapete. Fürs einfach mal Hören, wie den Wellen zuschauen, gibt es, so der Nachgedanke zu diesem Traum, traurig wenig Gelegenheit, auch für so freundliche Begegnungen über Musik. Wär’ doch aber schön, und so produzierte mein Glückstraum dieses Museum der ästhetischen Erfahrungs-Teilung, nicht nur über Musik. Oder gibt es das längst?
Zurück aus dem Urlaub in der Wach-Welt der realen Verhältnisse, der Rutschbahn-Regulierungen und der Datenschutz-Grundverordnungen, fällt mir ein, dass noch etwas über das Projekt der Bayerischen Staatsoper zu schreiben ist, die ihre kronleuchterilluminierten Foyers der Restwelt ohne Abo bald als Dritter Ort öffnen will. Und dann kommt wie aus dem Nichts eine Einladung vom slow listening club nach Köln-Ehrenfeld. Mal sehen, wie das wird. Verrückt! ¶

