Die Tanzmusiken des Jahres

Text · Titelbild Water Will (In Melody) im HAU · Foto © Studio Julien Barbe S · Datum 19.12.2018

Was welche Musik über die Themen und Diskurse der (Berliner) Tanzszene aussagt, fragt sich Astrid Kaminski.

Come as you are

Der Nirvana-Hit lag 2018 als performative Antwort auf »Wir schaffen das (nicht)« in der Luft. Der israelische Choreograph Nir de Volff, seit 2015 in der deutschen Willkommenskultur aktiv, hatte den Titel im Sommer 2017 für sein Stück mit geflüchteten Tänzern aus Syrien verwendet (Dock 11). Anders als viele Off-Produktionen war das Stück nicht nach vier Vorstellungen abgespielt, sondern erzielte 2018 deutschlandweit viel Aufmerksamkeit. Inzwischen teilt sich die israelisch-arabische Combo sogar ein Studio. Mehr Zeichen kann man gar nicht setzen. Doch!, denkt sich die Brennnessel.

YEW: Schubot/Gradinger lassen im Botanischen Volkspark Pflanzen singen. Produktion HAU • Foto © Rachel de Joode
YEW: Schubot/Gradinger lassen im Botanischen Volkspark Pflanzen singen. Produktion HAU • Foto © Rachel de Joode

In Yew (HAU/Botanischer Volkspark Pankow), ihrer posthumanistischen »co-creation with nature«, haben Angela Schubot und Jared Gradinger die Biodaten von Pflanzen per App in Musik übertragen, und die Brennnessel hat eindeutig ein paar Takte Come as you are gesungen.

Une jeune fillette

Angeliki Anargirou, im Hintergrund der Komponist Antonios Palaskas im Eisbärenkostüm, Mitbegründer der griechischen Elektro-Pionier-Band Stereo Nova • Foto © Giovanni Lo Curto/ LUNA PARK
Angeliki Anargirou, im Hintergrund der Komponist Antonios Palaskas im EisbärenkostümMitbegründer der griechischen Elektro-Pionier-Band Stereo Nova • Foto © Giovanni Lo Curto/ LUNA PARK

Dieses Renaissancelied in der Notation/Komposition von Jehan Chardavoine (1576) über ein Mädchen, das zwangsweise ins Kloster eingeliefert wird und nichts mehr als den Tod erwartet, kam dieses Jahr gleich mehrmals vor. In Kosmas Kosmopoulos’ Atemnotstück Mountains of Desires (Uferstudios) singt ihn die Athener Tänzerin Angeliki Anargirou in Sopranlage. Zunächst – während des Aufrichtens nach schweren, unabgefederten Körperwürfen – veratmet, verschluckt und kaum lokalisierbar, dann immer klarer. Der Strophen-Text verharrt dabei im Loop – vielleicht, weil es im Lied, ähnlich wie für die Sehnsüchte der Tänzerinnen, keine Auflösung, keine Zukunftsoption gibt. In Yui Kawaguchis und Julia Kursawes Suite Transkription (Dock 11) scheint sich diese Perspektive dagegen vielleicht in Virtuosität zu erfüllen. Mit der Barockcello-Version von Une jeune fillette wird Kawaguchi hinter einem beschlagenen Fenster hervorgelockt. Es folgt eine rhythmisch erstaunlich konkrete Interpretation der Tanzsätze aus Bachs Dritter Cellosuite in C-Dur, BWV 1009.

Bach in C-Dur

Invisible Piece #2: Youness Khoukhou und Mikael Marklund in As if there were no end im HAU • Foto © Eva Würdinger
Invisible Piece #2: Youness Khoukhou und Mikael Marklund in As if there were no end im HAU • Foto © Eva Würdinger

Weniger für die Erlösung durch Tanzen als für ein Verdämmern steht Bachs Dritte Sonate für Violine solo in C-Dur, gespielt in verhaltener Studierkammer-Intonation von Artiom Shishkov, in Laurent Chétouanes Invisible Piece #2 / As if there were no end (HAU). Die Musik trifft, wie auch das indirekte Licht, teils von einer geöffneten Bühnenseite her auf die zwei Tänzer, die eine Fortbewegung aller Instabilitäten zum Trotz versuchen. »Leise, betreten«, würde als Dynamik-Angabe vielleicht über dieser Choreografie stehen, die das »Ende der Repräsentation« tanzen will. Musikalisch ist alles und tänzerisch fast alles gebunden. Wie in einer sehr langen Phrase, die nicht zum Ende kommen kann, weil es keinen Anschluss gibt und die darum im Schwebezustand eines Celan’schen »Nicht mehr/ immer noch« verharrt.

Debussy für das Ende der Zeit

Harumi Terayama, eine der zwei Clons in Stellar Fauna im HAU • Foto © Dorothea Tuch
Harumi Terayama, eine der zwei Clons in Stellar Fauna im HAU • Foto © Dorothea Tuch

Dass das Ende der Zeit auch herbeigesehnt werden kann, diesen Schluss lässt Kat Válasturs Stellar Fauna (HAU) zu. In einer Welt, in der Eigenmotivationen zum Erliegen kommen, weil alles Algorithmen und Berechnungen unterliegt, und Funktionieren heißt, sich diesem Output zu unterwerfen, scheint ein nahendes Ende ein willkommener Action Thriller. Irgendwann stößt das live gesteuerte Sound-System in Stellar Fauna ein paar Takte von Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune aus, während die zwei Klon-Variationen auf der Bühne versimpelte, kulturelle Artefakte im Stil einer Daumen-hoch-und-Daumen-runter-Sprache reproduzieren. Diese Reduzierung lässt bei Válastur eine seltsam ambivalente Nähe von der sexistischen und exotistischen Aufladung der Moderne über den Fetischcharakter von populären Kunstwerken hin zu Phänomenen wie »digital tribalism« entstehen.

Les Indes galantes, Flavio und Spem im Alium

Water Will (in Melody) im HAU: Titilayo Adebayo, Dani Brown, Ligia Lewis, Susanne Sachsse • Foto © Dorothea Tuch
Water Will (in Melody) im HAU: Titilayo Adebayo, Dani Brown, Ligia Lewis, Susanne Sachsse • Foto © Dorothea Tuch

Noch weiter zurück reicht die Aufarbeitung der Moderne oftmals in Werken von Choreograf*innen, die aus postkolonialen, posthumanistischen und/oder Schwarzen Perspektiven arbeiten. Sie setzen an den Exklusionsdefinitionen der Renaissance und der Aufklärung an. Die Renaissance stellte den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und ordnete ihm dadurch alle anderen Spezies unter; die Aufklärung unterschied in jene, die zur Vernunft fähig waren und solche, denen es nicht zugetraut wurde. Gerade in Werken, die sich mit Schwarzen Themen beschäftigen, kommen daher wiederholt Referenzwerke aus Renaissance und Barock zum Einsatz. Ungeschlagener Hit aus dem Jahr 2017 ist der Youtube-Clip zur Inszenierung Les Indes galantes von Clément Cogitore an der Pariser Oper. Statt Friedenspfeife rauchender »Indianer« tanzen dort Experten des in Los Angeles entstandenen rauen urban-dance-Stil Krumping im Kreis. Diese ironische Distanz und die Überblendung von Glaubenspathos, Affekt und Travestie mit Techniken und Ästhetiken, die für bürgerlich-europäische Referenzsysteme schwer einzuordnen sind, ist typisch für die Herangehensweise.

So lieferte Bishop Black in Your Devices (Ballhaus Naunynstraße) eine Playbackversion von Händels Contralto-Arie Rompo i lacci aus Flavio, die nach Anleihen aus dem queeren Laufstegtanz Voguing und minstrelshow-artigem Übergrimassieren wirkte. Ursprünglich wurde sie von Händels »Kastratensänger« Senesino gesungen. Noch deutlicher an die weiße Blackfacing-Praktik der US-amerikanischen Minstrelshows und deren pantomimische Anteile scheint die Choreografin Ligia Lewis anzuknüpfen. In Water Will (in Melody), einer der denkwürdigsten Choreografien von 2018, lässt sie 10 Minuten aus Thomas Tallis’ Renaissance-Vorzeige-Mottete Spem in Alium vom Band laufen, während die Performerin Titilayo Adebayo ein stummes Spektakel liefert, das irgendwo zwischen Clowning (dem urban-dance-Vorläufer des Krumping) und Minstrel angesiedelt sein könnte. Ohne, dass die Kippmomente sichtbar wären, liegt ein Sarkasmus in der Luft, der sich, als schließlich das Grimm’sche Züchtigungsmärchen Das eigensinnige Kind zweimal rezitiert wird, stumm kreischend erfüllt. Klar ist: Die Erziehung des Menschengeschlechts muss noch durch einige Korrekturschlaufen.

Feelings

Auch Morris Alberts Dauerschlager von 1975 steht für ziemlich viel ironische Distanz. Er kam 2018 gleich viermal zum Einsatz. Dreimal beim Fokusfestival »Save your soul« (Sophiensæle), wo, unter anderem im Fahrwasser der Bestseller-Soziologin Eva Illouz, die Mechanismen der Wohlfühlindustrie auseinandergenommen wurden. Und einmal, als die Choreografin Meg Stuart meine Frage, ob sie bereit für ein Interview über Gefühle sei, mit einer Gesangseinlage antwortete. Anlass des Gesprächs war die Verleihung des Goldenen Löwen der Tanzbiennale von Venedig.

Julius Eastman

Jahra ‚Rager’ Wasasala ist eine der zwei queeren Jeanne d’Arcs in Christoph Winklers Eastman-Projekt „Speak Boldly” Foto © Oliver Look
Jahra ‚Rager’ Wasasala ist eine der zwei queeren Jeanne d’Arcs in Christoph Winklers Eastman-Projekt „Speak Boldly” Foto © Oliver Look

Dass zeitgenössische Choreograf*innen Kompositionen explizit in den Mittelpunkt eines Werks stellen, kommt eher selten vor. Schuld daran ist auch eine Art »Ödipuskomplex« des Tanzes gegenüber der Musik. Sie wird schließlich schon seit Jahrhunderten als eigenständige Kunst anerkannt, während er bis zu seiner Emanzipation vom Ballett Anfang des 20. Jahrhunderts eher als Beiwerk galt. Daher wird Musik oft eher benutzt, zerstückelt oder per se in Frage gestellt. Anders bei Christoph Winklers The Julius Eastman Dance Project (Sophiensaele), das zu Eastman-Arrangements des Zafraan-Ensembles den Versuch unternahm, ein tänzerisches Vokabular für den afro-amerikanischen Minimal-Music-Vertreter zu finden. Dazu haben die Tänzer*innen das 20. und 21. Jahrhundert kräftig durchgeschüttelt und Bewegungsidiome aus bürgerlichen und urbanen Kulturen kombiniert. Heraus kamen anziehend abstrakte Hybridwesen, die wirkten wie computerdesignte Ethno-Aliens. Takt für Takt die Stilidentität zu wechseln und dabei noch im Takt bleiben, ist, mal abgesehen von der Frage, ob Heterogenität die neue Homogenität ist, hohe Kunst.

Space is the place

Eine junge Tänzerin auf einem Zukunftsgefährt aus den sozialen Werkstätten des Johannesburger Hillbrow-Theaters. • Foto © THEMBA
Eine junge Tänzerin auf einem Zukunftsgefährt aus den sozialen Werkstätten des Johannesburger Hillbrow-Theaters. Foto © THEMBA

Vielleicht steht es um die Welt doch nicht so schlimm wie es im Tanz den Anschein macht? Vielleicht hat das Finale des Erste-Weltkrieg-Gedenkens 2018 etwas zu sehr das historische Gespenst des nächsten Krieges an die Wand gemalt? Zumindest scheint Afrofuturismus die Escape-Option des Jahres zu sein. Am weitesten in die Zukunft öffnete Constanza Macras die Kanäle mit der Choreografie Hillbrowfication (Gorki Theater), in der südafrikanische Jugendliche sich aus der Zeit tanzen.

Sound- und Musikcollagen sind nach wie vor das größte Einsatzgebiet für Musiker*innen im Tanz. Wer das Prinzip dieses Textes auf die letzten 25 Jahre erweitern will, kann das bis zum 21.12.2018 im Radialsystem tun. Hanno Leichtmann hat dort ein Klangmosaik als musikalische Werkschau der Tanzmusik von Berlins zukünftiger Staatsballettintendantin Sasha Waltz installiert.