Am 31. Oktober beendeten die Berliner Philharmoniker ihr letztes Konzert vor dem neuerlichen Shutdown mit John Cages 4′33″. »Die essentielle Bedeutung von Stille besteht darin, dass man den Vorsatz aufgibt«, sagte Cage 1982 in einem Gespräch mit dem Musikkritiker Michael John White. Den Wunsch des Komponisten nach der Stille als einem absichtslosen Raum erfüllten die Berliner Philharmoniker an diesem Abend nicht. Stattdessen diente sie als Kulisse, die eigene Botschaft umso lauter vernehmbar zu machen. Cages Stück sei vor dem Hintergrund der neuen Beschlüsse zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergänzt worden, hieß es im Programmheft. Wie das Orchester zu diesen Beschlüssen steht, konnte man tags zuvor auf seiner Website erfahren: »Wir haben kein Verständnis für die erneute Schließung unseres Konzertbetriebs und sämtlicher kultureller Einrichtungen.« Die Kulturlandschaft habe die Situation ernst genommen – »jetzt bitten wir darum, ernst genommen zu werden.« Es lag Aufruhr in der Luft, in der eine Stimmung resonierte, die sich in den Tagen zuvor über die Kulturszene gelegt hatte.

Dass trotz funktionierender Hygienekonzepte und fehlender Evidenzen für den Zusammenhang zwischen Kulturveranstaltungen und dem Anstieg der Infektionen nun wieder alles schließen muss, sorgte für viel Frust und Kritik. In Petitionen, offenen Briefe und Stellungnahmen wurden zunehmend dramatische Töne angeschlagen. Der Vorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung, Karl-Heinz Paqué, sprach von einem »Corona-Krieg gegen die Kultur«. Kultur werde mittels »patriarchalischem ordre du mufti« »besinnungslos geopfert«, meinte Kathrin Mädler, die Intendantin des Landestheater Schwaben. Monika Grütters sei feige und habe der »Fokussierung der Entscheidungen auf ›die wenigen Führer‹ tatenlos zugestimmt«, so Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper. Fragende, balancierende Kommentare gerieten in den Sog der Lagerbildung: Entweder Du bist für die Kultur, oder für »die Wirtschaft«. Viele Künstler:innen, denen dies zu weit ging, zogen es vor, sich hinter vorgehaltener Hand zu äußern. Pragmatische Stimmen, wie die der Kampnagl-Intendantin Amelie Deuflhard oder von Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter, die Kritik und Verständnis gleichermaßen zum Ausdruck brachten, rückten zunehmend an den Rand.

Es war, als ob sich die angestaute Unzufriedenheit, Ungeduld und Unsicherheit nun plötzlich kommunikativ entluden – und in Bundes- und Landesregierung einen satisfaktionsfähigen Gegner entdeckten. Die forderte zur Opposition auch geradezu heraus, indem sie es schlicht unterließ, ausreichend zu erläutern, warum Schulen und Einzelhandel offen bleiben, Kultur- und Freizeiteinrichtungen aber nicht. Als sich obendrein herausstellte, dass ausgerechnet die Kirchen nicht geschlossen werden – anscheinend eine Implikation der besonderen verfassungsrechtlichen Stellung der Religionsfreiheit – war dies ein Steilpass für Vergleiche jeglicher Couleur (Gottesdienst vs. Theater, Kaufhäuser vs. Museen).     

Foto RAEng_Publications / Pixabay (Public Domain)
Foto RAEng_Publications / Pixabay (Public Domain)

Damit rissen auch alte Wunden aus dem März wieder auf. In der ersten Phase der Pandemie wurde unter dem Adjektiv »systemrelevant« plötzlich der Stellenwert von gesellschaftlichen Teilsystemen und Berufsgruppen neu verhandelt. Schon damals arbeiteten sich viele an Leser:innen-Kommentaren ab, in denen Künstler:innen in der Zeit des Auftrittsverbots eine Tätigkeit als Spargelstecher:innen empfohlen wurde. Das Gefühl der Kränkung wurde jetzt dadurch verstärkt, dass Kultur unter die Freizeiteinrichtungen subsumiert und in einer Reihe mit Sport, Spielkasinos und Bordellen genannt wurde, oder in Umfragen eine große Mehrheit die Einschränkungen für angemessen hält oder noch strengere Auflagen fordert.

Für viele Künstler:innen verfestigte sich dadurch der Eindruck, dass die Kulturbranche ein willfähriges Opfer ist, weil sie – im Gegensatz zu anderen Branchen – keine Lobby habe und zu heterogen sei, um an einem Strang zu ziehen. Das Gefühl, zu lange zu ruhig gewesen zu sein, machte sich breit. »Wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise, weil wir keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben. Und das rächt sich jetzt!«, meinte der Trompeter Till Brönner in einem viel geteilten Video-Statement. Was man bisher verpasst zu haben glaubte, wurde nun mit eifrigen Lobby-Versuchen nachgeholt, bei denen einige den kommunikativen Vorschlaghammer auspackten. Die Ambiguitätstoleranz wurde dieser verbalen Aufrüstung geopfert, offenbar in der Annahme, nur so dringe man mit den eigenen Anliegen durch.

Vielleicht brach sich in dieser Zuspitzung auch die zunehmende Überforderung mit der Komplexität der Pandemie Bahn, die sich einer klaren Täter-Opfer-Beschreibung kontinuierlich entzieht. Für viele Künstler:innen bedeutete der Wartezustand neben materieller Bedrohung auch ein Gefühl des Ausgeliefert-Seins und eine Sinn- und Identitätskrise: Wer bin ich, wenn mir die Möglichkeiten zur Interaktion mit einem Publikum, zum Selbstausdruck, zur Vermittlung genommen werden?

Aus diesen Bestandteilen setzt sich das Gemisch zusammen, das dieser Tage die öffentliche Kommunikation befeuert. Und das durchaus druck- und wirkungsvoll. Kulturschaffende mögen keine gemeinsame Gewerkschaft haben, aber sie genießen einen privilegierten Zugang zu Öffentlichkeit. Till Brönner saß wenige Tage nach seinem Videostatement bei Anne Will auf der Couch, die Situation Kulturschaffender wurde in Fernsehbeiträgen zur Prime Time und in den klassischen Medien ausführlich besprochen, die Aktion #sangundklanglos erzeugte große Sichtbarkeit in den Sozialen Netzwerken.

»Ich freue mich über das Resultat meines einfachen Vorschlags. Ich denke, gute Ideen sind immer hilfreich.« Helge Schneider

Lautstärke verschafft Gehör, aber noch keine Orientierung. Und die ist nötig, um die mobilisierte Energie auf konkrete Anliegen zu lenken und um zu vermeiden, im inhaltsleeren Alarmismus stecken zu bleiben. Wie gut das funktionieren kann, hat Helge Schneider gezeigt, dessen »öffentlicher Brief« an Olaf Scholz direkt mit der Anpassung der Berechnungsgrundlage der Corona-Hilfe durch das Finanzministerium beantwortet wurde. Politik hat im Auf-Sicht-Fahren während der Pandemie oft auch eine ungekannte Fähigkeit zur Korrektur von Fehlern und zum kurzfristigen Umsteuern bewiesen, ist vom »traurigen Hausmeister zum entschlossenen Manager geworden«. Dass die Strategie dabei eher im Vorwärtsstolpern entsteht, ist angesichts der Umstände und der konstanten Überforderung nicht weiter verwunderlich. Mit Blick auf die sehr heterogene Kulturlandschaft ist jetzt zu fragen, wer besonders bedroht ist und wer prioritär welche Form der Unterstützung braucht. Dieser Tage kann leicht der Eindruck entstehen, die Politik habe plötzlich das Füllhorn entdeckt. Aber öffentliche Mittel sind weiterhin begrenzt. Was heute ausgegeben wird, wird morgen Gegenstand von Kürzungsdebatten sein. Schon letzte Woche hatte die Stadt Bamberg verkündet, angesichts geringerer Steuereinnahmen den Kulturetat um 25 Prozent zusammenzustreichen.

Als der Kulturbetrieb in den letzten Monaten langsam wieder hochfuhr, ging es erst einmal darum, wer wann wieder spielen darf und wie viele Besucher:innen in die Säle können. Die Marschrichtung war: zurück zum Status Quo. Dabei drohte vergessen zu werden, dass dieser für viele kein guter war. »Unser Kulturleben war schon vor der Pandemie nicht in bestem Zustand«, so der Cembalist Andreas Staier in unserer Umfrage zum Stimmungsbild in der Klassikbranche. »Ich fürchte, dass ihre Langzeitfolgen uns noch nicht im mindesten klar sind. Die große, für mich völlig uninteressante Event-Kultur wird wieder auferstehen. Aber was wird aus allen spezifischeren, weniger im Mainstream schwimmenden Initiativen, Veranstaltungsorten, Künstler:innen?« Musiker:innen berichten von einer ambivalenten Gefühlslage: Während das Auftrittsverbot sowohl in materieller wie emotionaler Hinsicht eine existentielle Verlusterfahrung war, erzählen viele von einem Durchatmen, für eine Zeit dem Hamsterrad des globalen Wettbewerb- und Konkurrenzdrucks entkommen zu können. »Ist weniger produzieren (für alle (Musik-)Theaterschaffende) nicht sinnvoll und nötig, wenn wir dafür mehr Qualität ›nach innen‹, in den menschlichen Vorgang des Produzierens stecken?«, fragt der Künstlerische Leiter der Neuköllner Oper, Bernhard Glocksin. Auch der Kunst-, Musik- und Theaterbetrieb müsse endlich seinen Anteil an der Lösung der großen ökologischen Fragen leisten, anstatt nur zu reden oder Stücke darüber zu machen.

Gerade zu Beginn der Pandemie, während des ersten Lockdowns im März, wurde die gesamtgesellschaftliche Solidarität nicht nur medial beschworen, sondern war ein geteiltes Gefühl. Das Warten wurde geduldig ertragen, Toilettenpapier-Hamsterkäufe konsensual geächtet. Im Wahrnehmungstunnel der Selbstbehauptung gehen jedoch gesamtgesellschaftliche Perspektive und Solidarität zunehmend verloren. Altbekannte Muster treten wieder hervor, die Idee, nur über die Abwertung des Anderen den Wert des Eigenen behaupten zu können, gewinnt an Raum. Dies führt in der Kulturszene bisweilen zu nebulösen Sinnsprüchen der Selbstüberhöhung, wie der von der »Kultur als Säule der Demokratie«. In medialen Betrachtungen erlebte dabei ein antiquiertes Kulturverständnis Renaissance: Hier die disziplinierte E-Kultur, die sich an Regeln hält, dort die Pop- und Clubkultur, oder »die Jugend«, die es nicht tut. Unter der Oberfläche breitet sich so das Bild von der elitären Hochkultur weiter aus. Zum Selbstanspruch muss aber gehören, die Differenzierung gerade dann aufrecht zu erhalten, wenn es schwierig wird. Bei aller berechtigter Kritik und eigenen Existenznöten den Blick auf die Gesellschaft als Ganzes nicht zu verlieren und dem Lagerdenken, dem anderen großen Virus unserer Zeit, nicht willentlich Vorschub zu leisten. Sich im Perspektivwechsel zu üben, und Menschen »gleichwürdig« (Jesper Juul) zu begegnen.

Eine offene, echte Demonstration von Solidarität verleiht auch den eigenen Interessen mehr Rückhalt, Kraft und Sichtbarkeit und steht diesen nicht im Wege. Es gibt nichts Gutes außer: man tut es, so wie die vielen Orchester, die in Krankenhäusern oder vor Seniorenheimen spielten, oder der Vorschlag von Christina Végh, der Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, die geschlossenen Museen jetzt für Schulen zu öffnen. Auch hier bedeutet das eine tun nicht, das andere zu lassen. So wäre es möglich gewesen, mit dem stillen Protest sowohl auf die eigene Lage aufmerksam zu machen, als auch an die Patient:innen auf den Intensivstationen zu denken, die Menschen in Pflegeheimen, die gesellschaftlichen Gräben, die das Virus zu verstärken droht, zwischen arm und reich, privilegiert und weniger privilegiert.

Verbale Aufrüstung schlägt nötige Differenzierung: @vanmusik zur Kritik der Kulturbranche am zweiten Shutdown.

Die Krise wird dann zur Zerreißprobe, wenn eine Koexistenz verschiedener Assoziationen, Interessen und Deutungen nicht mehr zugelassen wird. Es könnte die Aufgabe von Kunst sein, diesen Raum und Ausdruck zu geben. Der größte pandemische Schaden für die Kultur wäre ihr Rückzug ins elitistische Wolkenkuckucksheim. Die Berliner Philharmoniker spielten bei ihrem letzten Konzert vor dem Shutdown auch Richard Strauss’ Metamorphosen. Strauss komponierte das Werk in den letzten Kriegswochen, zwischen dem 13. März und 12. April 1945 in Garmisch-Partenkirchen, im Angesicht einer in Trümmern liegenden Welt, Völkermord, Millionen von Kriegstoten, Flüchtlingsströmen, verantwortet von einem Terrorregime, in das er auf vielfältige Weise verstrickt war. An seinen Librettisten Joseph Gregor schrieb er am 2. März 1945: »Das Goethehaus, der Welt größtes Heiligtum, zerstört! Mein schönes Dresden, Weimar, München: alles dahin!« ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.