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Acht Gedanken über Aufmerksamkeitsfaktoren für Oper, Plattenbranche, Fußgängerzone

Text · Titelbild Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg; Foto © LUDWIG OLAH  · Datum 4.1.2017

1.

Wenn ein Opernregisseur heute nackte Menschen zum Altar schickt – sagen wir mal als FKK-Prozession zum »Te Deum« in Puccinis Tosca – oder wenn er sich, vielleicht im Cameo-Auftritt der Hochzeitsszene einer Mozart-Oper, sogar selbst bis auf die Haut auszieht, dann juckt das niemanden mehr. Wenn’s gut geht und der Regisseur gewöhnliche Schock-Klischees meidet, bekommt er vielleicht sogar etwas Aufmerksamkeit. Wenn’s schiefgeht, sind die Menschen gelangweilt. Ist er äußerst brutal, schreiben wenigstens die Zeitungen darüber. Immerhin: Es ist völlig normal heute, dass sich Regisseure in der Oper exhibieren.

2.

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL, Regie: Rodrigo Garcia, Premiere 17. Juni 2016 Deutsche Oper Berlin • Foto © Thomas Aurin
DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL, Regie: Rodrigo Garcia, Premiere 17. Juni 2016 Deutsche Oper Berlin • Foto © Thomas Aurin

Wenn ein Künstler sich auf einer Konzertbühne nackt ausziehen würde, so wie Friedrich Gulda es schon einmal getan hat, wäre der Seltenheitswert größer, aber wundern würde sich auch niemand. Man verlangt heute geradezu, dass sich Künstler ihrem Narzissmus stellen; und wenn sie unter irgendeinem Zwang leiden, sei er körperlich oder geistig, sollten sie sich wenigstens auf der Bühne freien Lauf lassen. Barfußspielen kommt groß in Mode, das sagt uns viel über die wahnsinnig engen Verbindungen zwischen Musik, Natur und Mutter Erde. Auch schnurdünne Bikinis nach der Art von Khatia Buniatishvili oder Yuja Wang liegen voll im Trend. Ein User, erkennbar männlich und hetero, kommentierte Buniatishvilis bebilderte Version der h-moll-Sonate von Liszt auf YouTube knapp und ehrlich: »Ich kann gar nichts hören«.

3.

Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg • Foto © LUDWIG OLAH 
Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg • Foto © LUDWIG OLAH 

Würde sich aber ein Passant in einem CD-Laden (noch gibt es welche) nackt ausziehen – man riefe sofort die Polizei. Dabei ist schwer zu übersehen, dass CD Cover, besonders bei Alter Musik und Weihnachtsplatten, häufig mit Darstellungen von Christus, den Heiligen oder anderen religiösen Gemälden versehen sind. Die dürftigen Marketing-Mittel, die der heutige Live-Konzertbetrieb für Ego-Shooter noch zu bieten hat, würden gegen die Regale voller Christus-Bilder kaum etwas ausrichten können. Wer es trotzdem auf einen live act, ganz nackt, ankommen ließe, landete sofort hinter schwedischen Gardinen oder in der geschlossenen Abteilung der klinischen Psychiatrie.

4.

Als Andrea Moses vor einem Jahr in der Potsdamer Friedenskirche Cain und Abel von Alessandro Scarlatti inszenierte, fanden einige im Publikum die Regie langweilig: Sie hielt keinen der handelsüblichen Schocks parat, mit denen berufsrebellische Künstler der Kirche zeigen, wo der Hammer hängt, sondern lief ab wie eine Oper der alten Zeit, voller Respekt für die Religion und den Kirchenraum rundherum. Als jedoch jetzt der RIAS Kammerchor und die Akademie für Alte Musik Berlin mit Händels Oratorium Theodora ins neue Jahr gingen, war von dieser Langeweile nichts mehr zu spüren. Warum? Cain und Abel war keineswegs schlecht inszeniert. Theodora demonstrierte nicht einfach nur die Überlegenheit der konzertanten Aufführung über die Bühne. Aber bei Theodora, einem Oratorium über die Verfolgung und Ermordung von Christen, schien auch dem Publikum klar zu sein: Es geht um uns. Diese Klarheit hat nicht allein mit der Qualität der Aufführung, sie hat auch mit deren Zeitpunkt und der gesellschaftlichen Erfahrung zu tun. Cain und Abel wurde nur wenige Wochen nach dem Massaker von Bataclan gespielt. Für viele Menschen außerhalb Frankreichs war das weit weg. Zu weit, um abseits der pubertären Pose, dass schon das Champagnertrinken ein Akt des Widerstands sei, wirklich über unser Leben und unsere Kunst nachzudenken, Theodora aber folgte auf Brüssel, München, Ansbach, Berlin. Plötzlich spüren wir am eigenen Leib, dass der Staat uns nicht schützen kann. Und wir haben regelrecht Angst.

5.

Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg • Foto © LUDWIG OLAH 
Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg • Foto © LUDWIG OLAH 

Angst ist eine Urkraft. Sie kann uns warnen, sie kann uns paralysieren. Wo sie konstruktiv wirkt, ist sie gut. Angst vor Verlust kann uns sehend machen und einen Wandel motivieren, im Gegensatz zum Flirt mit der Gefahr in Ruhezeiten. Als ich selbst noch in Finnland wohnte, während der großen Finanzkrise in den Neunzigern, war eine gewisse Vertiefung des kulturellen Lebens zu beobachten, wenn auch nur kurz. Wo zum Beispiel Kinobesuche immer schwieriger wurden, wuchs das gesellschaftliche Interesse an ernsthaften Filmen; wo die Konzertveranstalter mit Verlust rechneten, nahm plötzlich das Interesse an klassischer Musik zu. Allerdings: Der Mensch lernt nicht – sobald die Krise erfolgreich überwunden ist, verfällt er wieder in die alten Muster.

6.

Die Geschichte einer Verdrängung des Christentums aus der Kultur oder dem Musiktheater ist schon etwas älter. Sie hat ihre Wurzeln in der Aufklärung und ist mit emsigen Komponisten wie Richard Wagner weit vorangekommen. Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal allerdings folgen in ihren Opern oft christlichen Vorbildern, ohne dass man gleich mit der Nase darauf gestoßen wird. Denn natürlich schimmert durch den Rosenkavalier die Form eines mittelalterlichen Mysterienspiels hindurch. Der Tannhäuser aber, auch der Parsifal, gelten als ein Kampf von David gegen Goliath, von einem kleinen Komponisten gegen das allmächtige, sinnenfeindliche, triebbändigende Christentum. Tatsächlich hat – das muss man zugeben, wenn man die Folgen überblickt – der kleine Komponist (einen »sächsischen Gnom« hat man ihn oft genannt) den Sieg davongetragen.

7.

Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg • Foto © LUDWIG OLAH 
Jean-Philippe Rameau Les Indes galantes; Inszenierung von Laura Scozzi am Staatstheater Nürnberg • Foto © LUDWIG OLAH 

Die Gegensätze, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs das Musikgeschäft prägen, sind ebenso aufregend wie absurd: Einerseits gibt es den Bedarf, sich vom Christentum zu reinigen, das unter modernen Menschen als uncool gilt, während die neu entstehende Phono-Kultur mit Nostalgie und Konformität rechnet. Dabei finden auch mehrere Komponisten, die in Wagners Riesenschatten stehen, ein neues Zuhause: Es gab wahrscheinlich nie zuvor in unserer Kultur eine Zeit, die sich so stark auf die Sehnsucht nach dem Vergangenen gründete. Sie ernährt ganze Generationen von Komponisten, Interpreten, von großen und kleinen Männern wie Frauen.

8.

Nun aber stellt sich die Frage. Wozu das alles, wenn uns die Welt um die Ohren fliegt? In den muslimischen Ländern gehören Religion und Glaube zum natürlichen Lebensalltag. Terror folgt daraus nur in wenigen Fällen. Dort wie bei uns, im sogenannten Westen, gibt es ein positives Verhältnis zum Fundamentalismus nur am äußersten Rand der Gesellschaft. Zu glauben, der muslimische Terror sei rein religiös, ist genau so vernünftig wie zu glauben, die USA haben den Irak angegriffen um Christi willen. Nach den neuesten Erfahrungen sieht die Welt für uns anders aus, und wenn es etwas Gutes dabei gibt, dann vielleicht eine neue Ehrlichkeit gegen uns selbst – als Ansporn, unsere gesellschaftliche Pubertät endlich hinter uns zu lassen. Wahrscheinlich gewinnt im Kampf David gegen Goliath zwischen der Theaterindustrie und der Phonoindustrie die letztere, falls die Regiekultur es nicht schafft, sich von dem Krampf zu befreien, mit alten Stücken eine neue Ideologie zu predigen. Bis dahin bleiben Polaritäten bestehen: Der CD-Markt spielt mit den Gefühlen von Menschen, die auf eine schwindende Kultur schauen wie auf ein ablegendes Schiff. Die Regisseure hingegen betrachten das Operntheater als besondere Form von Twitter-Cruising, bei dem sie versuchen, mit richtigen Hashtags die passende Crowd für einen gemeinsamen Abend einzuladen. ¶