1.
Wenn ein Opernregisseur heute nackte Menschen zum Altar schickt – sagen wir mal als FKK-Prozession zum »Te Deum« in Puccinis Tosca – oder wenn er sich, vielleicht im Cameo-Auftritt der Hochzeitsszene einer Mozart-Oper, sogar selbst bis auf die Haut auszieht, dann juckt das niemanden mehr. Wenn’s gut geht und der Regisseur gewöhnliche Schock-Klischees meidet, bekommt er vielleicht sogar etwas Aufmerksamkeit. Wenn’s schiefgeht, sind die Menschen gelangweilt. Ist er äußerst brutal, schreiben wenigstens die Zeitungen darüber. Immerhin: Es ist völlig normal heute, dass sich Regisseure in der Oper exhibieren.
2.

Wenn ein Künstler sich auf einer Konzertbühne nackt ausziehen würde, so wie Friedrich Gulda es schon einmal getan hat, wäre der Seltenheitswert größer, aber wundern würde sich auch niemand. Man verlangt heute geradezu, dass sich Künstler ihrem Narzissmus stellen; und wenn sie unter irgendeinem Zwang leiden, sei er körperlich oder geistig, sollten sie sich wenigstens auf der Bühne freien Lauf lassen. Barfußspielen kommt groß in Mode, das sagt uns viel über die wahnsinnig engen Verbindungen zwischen Musik, Natur und Mutter Erde. Auch schnurdünne Bikinis nach der Art von Khatia Buniatishvili oder Yuja Wang liegen voll im Trend. Ein User, erkennbar männlich und hetero, kommentierte Buniatishvilis bebilderte Version der h-moll-Sonate von Liszt auf YouTube knapp und ehrlich: »Ich kann gar nichts hören«.

