Archaisch, fahl, kunst- und machtvoll, grandios-schlicht, bekifft, mit der Kraft des Diesseits und des Jenseits, kernig- aber völlig gewaltfrei. Macht es euch bequem, setzt die Kopfhörer auf und erhebet die Herzen. Eine VAN-Playlist von Reinhard Mawick.

Text Reinhard Mawick · Datum 5.4.2017

1. Martin Luther, Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

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Was steht am Anfang einer Reformationsjubiläums-Playlist? Natürlich Martin Luther, der Reformator. Als Dichter und als Kompositeur der Melodie. Aber diesmal nicht mit dem Lied, das alle kennen, also nicht Eine feste Burg ist unser Gott, sondern Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort. Die Melodie: archaisch anmutend, fahl im Aufzug, tiefgründig im Abgang – großartig.

Aber der Text! Ursprünglich hieß die erste Strophe so: »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, / und steur’ des Papsts und Türken Mord, / Die Jesum Christum, deinen Sohn, / stürzen wollen von seinem Thron.« Erschienen 1541 als »Ein Kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen, den Bapst und Türcken«. Ich mochte das Lied schon als Kind sehr, auch wenn es nur selten im Gottesdienst gesungen wurde und ich kannte es natürlich nur mit der »neutralen« Zeile: »… und steure deiner Feinde Mord«, der sich in dieser Aufnahme auch das fabelhafte Athesinus Consort in dem Satz von Bachs Kantorenfreund Johann Walter befleißigt.

Vor Jahren hörte ich dann die gleichnamige Bachkantate (BWV 126) und damit zum ersten Mal bewusst die »Originalzeile«. Schock! »Papsts und Türken Mord« – geht natürlich gar nicht. Andererseits: Luthers Welt mit päpstlichem Bann und den Türken vor Wien war eine andere. Später lernte ich, dass das Lied ab der Gegenreformation zu den meistverfolgten evangelischen Gesängen in katholischen Territorien wurde – wen wundert’s? Und das Imperium schlug zurück. Es sind katholische Parodien überliefert, zum Beispiel: »Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst / Sechs Maß, die löschen ein’m den Durst«. Das alles, zum Glück dead and gone … aber dieses Lied bleibt für mich weiterhin archaisch, fahl, großartig …

2. Michael Praetorius, Meine Seele erhebt den Herren

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Michael Praetorius ist ein Wunder. Selbst wenn er nur den vierstimmigen Kultsatz von Es ist ein Ros entsprungen vermacht hätte, hätte er alle Ehren verdient, aber er hat uns viel mehr Wunderbares hinterlassen! Zum Beispiel diese prachtvolle 19-stimmige Vertonung des Magnificats, des Lobgesangs der Maria aus seiner grandiosen Sammlung Polyhymnia Caduceatrix & Panegyrica von 1619. Der deutsche Text stammt natürlich aus Martin Luthers Bibelübersetzung, die der deutschen Musik ab dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts Flügel verlieh.

Ich selbst verdanke diesem Magnificat ein machtvolles barockes Urerlebnis: Kurz nach der Wende 1989 führten wir dieses Werk zum ersten Mal auf und waren überwältigt von der Vielfalt, von den absolut kunstvollen Melismen und vom machtvollen Tutti – das hatten wir Praetorius gar nicht zugetraut, und dabei konnten wir uns damals noch nicht mal Blechbläser leisten, wie natürlich der RIAS-Kammerchor und die Capella de la Torre in der neuen Einspielung zum Jubiläumsjahr!

3. Heinrich Schütz, Verleih uns Frieden / Gib unsern Fürsten

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Es war sicher nicht immer lustig in der Kantorei – damals in Wilhelmshaven an der Nordsee Mitte/Ende der Siebzigerjahre, wahrlich nicht. Aber wir sangen dort die Motetten von Heinrich Schütz. Wir sangen sie schon damals recht gut und dann später, ab Mitte/Ende der Achtzigerjahre in den »besseren« überregionalen Kammerchören, sangen wir sie noch besser und immer besser. Ja, Schütz macht süchtig. Viele verstehen das nicht, weil sie das Pech hatten, Schütz nicht oder schlecht zu lernen. Mir erging es anders. Danke, Frau Sturm! Danke, Rainer Munz! Und natürlich tausend Dank, Ralf Popken! Es ist eine Gnade in diesem einmaligen Miteinander von Ton und Wort, in diesem grandios-schlichten Höhepunkt barocker Musikrhetorik groß werden zu dürfen.

Eigentlich ist alles von Schütz gut, in dieser Reformationsjubiläums-Playlist gibt es aber nur Platz für seine wunderbare Zwillingsmotette Verleih uns Frieden – Text natürlich von Martin Luther – und Gib unseren Fürsten und aller Obrigkeit Fried und gut‘ Regiment – Text überliefert bei Johann Walter. Wir sangen es meist Silvester. Man sollte es öfter singen …

4. Johann Michael Bach, Unser Leben währet siebenzig Jahr

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Im Zentrum meiner Playlist zum Reformationsjubiläum steht Bach und zwar gleich dreimal:

Als ersten Bach gibt es eine Verbeugung vor Johann Sebastians Vorfahren, hier vor Johann Michael Bach (1648-1694), einem Onkel zweiten Grades und seinem ersten Schwiegervater. Die »Familie vor Johann Sebastian« mit Reinhard Goebel und Musica Köln war 1986 meine erste CD überhaupt, ich habe sie wieder und wieder gehört, weil sich in dieser Musik das manifestierte, was wir damals, gerade Zwanzig und Alte-Musik-verrückt, als »bekifft« wahrnahmen. Eine wunderbare Musik, der Volker Hagedorn in seinem Buch »Bachs Welt: Die Familiengeschichte eines Genies« ein Denkmal gesetzt hat! (In VAN gibt es ein Gespräch mit Volker Hagedorn über sein Buch zu lesen.)

Auf meiner CD von 1986 gab es nur die Kantaten, die Motetten der »Familie Bach vor Johann Sebastian« lernte ich erst später kennen. Unser Leben währet siebenzig Jahr ist ein Meisterwerk verinnerlichter Expression und Kontemplation (um »bekifft« mal seriöser zu fassen). Der Text ist aus Psalm 90 (natürlich in der Übersetzung Martin Luthers!) und diese Worte sind und bleiben wahr, auch wenn sich der Nennwert der »siebenzig und wenn es hochkömmt achtzig Jahr« heute zuweilen recht munter ausdehnt.

However, dieses Stück bietet in Reinkultur einen wunderbaren Kunstgriff christlicher Musik überhaupt dar: das Choralzitat. Hier ist es »Ach Herr, lass dein lieb Engelein, am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen … «. So korrespondiert die realistische Ansage unserer Begrenztheit mit der demütig-sehnsuchtsvollen Beschwörung unserer himmlischen Entgrenztheit. Fabelhaft verwirklich, danke JMB!

5. J.S. Bach, Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir (aus: BWV 19)

Reformation ist nicht nur Pracht, Klang und tschingderassabum und schon gar nicht beim großen Bach! Deshalb soll an dieser Stelle, genau in der Mitte der Reformationsjubiläums-Playlist, eine der schönsten, innig-expressiven Arien von Johann Sebastian stehen. Es ist die Tenorarie aus der Kantate Es erhub sich ein Streit (BWV 19) zum Michaelisfest. Bach knüpft an seinen eben gehörten Verwandten und Schwiegervater an: Auch JSB zitiert den Choral »Ach Herr, lass dein lieb Engelein« – in der Trompete, also ohne Text. Seine Zuhörer damals wussten aber, dass diese, nämlich die dritte Strophe, gemeint war. Das Leben damals war zu hart, um den Himmel einfach Himmel sein zu lassen. Ich hatte das Glück, diese Kantate 1987 mitsingen zu dürfen. Seitdem lässt mich dieses Stück nicht los, obwohl der Tenor damals so »mittel« war:

Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir! / Führet mich auf beiden Seiten, dass mein Fuß nicht möge gleiten!/ Aber lernt mich auch allhier Euer großes Heilig singen und dem Höchsten Dank zu bringen.

Es geht Bach und seinem Textdichter Christian Friedrich Henrici, genannt »Picander«, um unser reales Leben, um das »allhier«, aber auch um den Beistand aus der Höhe. Grandios vertont mit dieser Trompetenkantilene! Hier scheint im Klang verwirklicht, was der Religionsphilosoph Ernst Troeltsch (1865-1923) einmal so treffend wie prosaisch auf die Formel brachte: »Die Kraft des Jenseits ist die Kraft des Diesseits …«

6. J.S. Bach, Gott, der Herr ist Sonn‘ und Schild

(nur den Eingangschor bis Minute 4:57)

Natürlich gibt es den großen Bach auch strahlend, zum Beispiel: Gott, der Herr ist Sonn‘ und Schild (BWV 79). Das ist die erste Bachkantate überhaupt, die ich gesungen habe, meiner Erinnerung nach als Altknabe kurz vor dem Stimmbruch im Herbst 1979. Wir konnten es damals in Wilhelmshaven aufführen, weil es im Marinemusikkorps gerade zwei passable Hörner gab, denn die braucht man für diesen Eingangschor.

Das Stück ist mir häufig begegnet, zum Beispiel mit Gardiner auf der Bach-Cantata-Pilgrimage im Jahre 2000 in der Schlosskirche zu Wittenberg: Die Klänge halfen mir damals darüber hinweg, dass mir an diesem Reformationstag die ganze Lutherstadt von dem Gruftietreffen zu Halloween geprägt schien: Lauter schwarzgewandete, bleichgeschminkte Menschen, und selbst im Lutherhotel stand ein Kürbis mit Kerze. Kommt dieses Jahr bestimmt nicht vor…

Übrigens: Bach selbst gefiel sein Stück so gut, dass er es – wenn auch ohne Hörner – zum Gloriasatz seiner kleine F-Dur-Messe (BWV 233) ummodelte. Kurz: Es ist ein wunderbares, hymnisches Stück – kernig, aber völlig gewaltfrei – JS Bach at it’s best!

7. G.A. Homilius, Siehe, siehe: das ist Gottes Lamm

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Herzlich willkommen zum »ganz Anderen«, zur empfindsamen Musik des Protestantismus! Irgendwann, nachdem wir Schütz und Bach in den Achtzigern genügend historisch-hysterisch traktiert hatten, kam der galante Stil in Mode – spätestens 1988 zum Carl-Philipp-Emanuel-Bachjahr, als an den zweihundertsten Todestag des »Hamburger Bachs« gedacht wurde. Monströs gut damals die Konzerte für zwei Cembali und Streichorchester mit Andreas Staier, Robert Hill und Reinhard Goebels Musica Antiqua, aber das nur nebenbei.

Die Motetten von Gottfried August Homilius (1714-1785), dem Bachschüler, sind protestantisch empfindsam par excellence! Die erste Einspielung, die von sich hören machte, war die mit Frieder Bernius und dem Kammerchor Stuttgart. Sie erschien erst 2004. Es hört sich unschuldig und einfach an, ist aber sauschwer gut zu singen, weil es ziemlich hoch ist und alles offen liegt. Wenn es aber gelingt, dann ist einem, als wenn die Engel singen, auch wenn man nach zu viel Genuss den Seelenzucker messen sollte. Mich beeindruckten dieses Stück und die ganze CD damals sehr als eine Art akustischer Kommentar zur gerade wiedererrichteten Dresdner Frauenkirche. Das ist nämlich haargenau die Musik, die zu diesem Bau passt. Würde man aus Dresden doch mehr Homilius hören und nicht so viel andere volkstümliche Töne …

8. Max Reger, O Tod, wie bitter bist Du

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Reger gehörte auch – seltener zwar als Bach & Schütz – aber trotzdem kontinuierlich zur chorischen Kindheit an der Nordsee. Wir sangen in der Kantorei im Advent Und unser lieben Frauen Traum aus den Acht Geistlichen Gesängen Opus 138 und zu Ostern aus seinen kleineren Kirchenstücken, den Responsorien, zum Beispiel Christ von den Toten erweckt.

Ich liebte Reger von Anfang an. Schon damals berührte mich seine eigentümliche, ja paradoxe Spannung zwischen Schwermut und Zartheit, die etwas Magisches hat – bis heute. Ich liebte die Schlussfloskeln mit ihren Quartdurchgängen, aber ich merkte damals noch nicht, dass Reger wirklich anstrengend ist, denn in der Kantorei sangen wir letztlich alle Epochen gleich und atmeten, wie uns der Schnabel gewachsen war.

In meinen »guten Kammerchören« ab Mitte der Achtzigerjahre wurde das anders: chorisch atmen, legato singen – das war anstrengend, aber es lohnte sich, weil Reger so noch viel schöner wurde. Irgendwann sangen wir dann auch O Tod. Ich kenne wenige Stücke, die eine so existentielle Tiefe atmen und dabei doch so einfach scheinen.

9. Felix Mendelssohn, Verleih uns Frieden

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Mendelssohn kannten wir nicht in der Kantorei hoch im Norden. Bis ich zwanzig Jahre alt war dachte ich, dieser Mendelssohn hätte nur »Lieder ohne Worte« geschrieben, denn die lagen bei meiner Großmutter auf dem Klavier.  Warum haben wir in der Kantorei niemals Mendelssohn gesungen? Lieber nicht fragen, unsere Kantorin war Kurt-Thomas-Studentin …

Dann aber, Rainer Munz sei Dank, im ersten »guten Kammerchor« Mitte der Achtzigerjahre, kam Mendelssohn en masse über mich, und ich liebe ihn so sehr. Ja, Mendelssohn hat etwas Leichtes, aber dabei auch immer einen tiefen Zauber. Ja, »die Engel«, also »Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir« aus dem Elias oder den »Hunni«, also den 100. Psalm »Jauchzet dem Herrn alle Welt« singt man sehr oft, man singt es auf Taufen, Hochzeiten und auch auf Todesfällen, aber es beseelt, erfreut und tröstet wieder und wieder.

Eines meiner Lieblingsstücke von Mendelssohn aber – die Motette Verleih uns Frieden gnädiglich – habe ich paradoxerweise in gut 40 Jahren Chorleben noch nie selbst gesungen, aber häufig gehört, besonders im letzten Jahrzehnt bei staatstragenden Anlässen und Begräbnissen in Berlin. Eine meisterhafte musikalische Friedensbitte, die selbst Frieden ins Herz legt, jedenfalls mir. Der Text übrigens – das sei zum Ende dieser Reformationsjubiläums-Playlist ausdrücklich vermerkt – ist … von Martin Luther. ¶

Reinhard Mawick

... geboren 1966, ist evangelischer Theologe und Journalist. Seit 2014 ist er Chefredakteur des Monatsmagazins zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft in Berlin. www.zeitzeichen.net