Konzertdramaturg Patrick Hahn spürt eine innere Unruhe, wenn von »Konzertdesign« die Rede ist. Eine spannende Begriffsgeschichte und ein Vorschlag zur Versöhnung

Text · Grafiken nach einem Foto von Helen Carruthers (CC) · Datum 19.10.2016

Ausgesetzt auf dem Berg Balnibarbi, begibt sich Gulliver in die Hauptstadt Lagado, wo er von der sagenhaften Akademie von Laputa hört, an der Professoren und Projektemacher daran arbeiten, die Welt zu verbessern. Sämtliche Wörter abzuschaffen und durch Dinge zu ersetzen, ist einer der faszinierendsten Vorschläge, denen Gulliver begegnet: »Da Wörter nur Bezeichnungen für Dinge sind, sei es zweckdienlicher, wenn alle Menschen die Dinge bei sich führten, die zur Beschreibung der besonderen Angelegenheit, über die sie sich unterhalten wollen, notwendig seien.« Trotz aller Beschwerlichkeit, denn für eine eingehende Unterhaltung hatte ein gebildeter Mann ein recht großes Bündel von Dingen zu tragen, fand die Idee unter den Gelehrten zahlreiche Anhänger. Angenommen, zwei von ihnen wären sich begegnet, um über ihre Profession als Gestalter von Konzerten zu reden – hätten sie wohl zwei verschiedene Dinge bei sich geführt?

Andere Begriffe bezeichnen andere Dinge. Wahrscheinlich muss man diese Annahme teilen, um die innere Unruhe zu verstehen, die mich neulich gepackt hat, als der Begriff »Konzertdesign« meiner gefühlten Wahrnehmung zufolge sich anheischig machte, dem Begriff »Konzertdramaturgie« den Rang abzulaufen (es geschah auf Facebook, hier die Diskussion).

Für die zunehmende diskursive Infektion durch das »Konzertdesign« gibt es einen vornehmen Grund: Einer der spannendsten Konzertgestalter derzeit, der Mitbegründer des Radialsystem V und Intendant der Köthener Bachfesttage, Folkert Uhde, verwendet diesen Begriff seit einiger Zeit für seine Arbeit und meint damit die »umfassende Neugestaltung von Konzertinhalten und Konzertabläufen als Reaktion auf die sich rasant verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen«. Dennoch löste der Ausdruck »Konzertdesign« eine kognitive und emotionale Dissonanz in mir aus, die ich bei aller Liebe für ungewohnte Zusammenklänge nur schwer aushalten konnte. Intuitiv begriff ich auf Anhieb die Attraktivität des Begriffs. Denn während die Frage an den Dramaturg nach seinem Beruf schon so manches Partygespräch einerseits unerwartet verlängert, andererseits unerwünscht verkürzt hat, weckt der Begriff »Design« wohl in jedem unmittelbar Assoziationen. Man denkt an wertige Materialien, fein aufeinander abgestimmt, hervorragende Verarbeitung, schmeichelndes Äußeres, Verzicht auf Überflüssiges, beste Bedienbarkeit, Funktionalität: »Design« ist der Wechsel auf die Hoffnung, dass ein besseres Leben in dieser Welt möglich ist. Ja, dass »Welt« überhaupt gestaltbar sei.

»Designerware« kann in einem abschätzigen Wortgebrauch jedoch auch das Gegenteil davon meinen: Keine strukturelle Verbesserung, sondern Dekoration, Verpackung, Aufhübschung, Anpassung an aktuelle Moden. Schließlich ist der Designbegriff selbst en vogue – und das schon seit vielen Jahren. Die Inflation des »Design« erreichte vielleicht einen ersten Höhepunkt, als 1991 das ‚Kursbuch 106’ unter dem Titel »Alles Design« erschien. Die Karriere des Begriffes ist, wie das Wort »Konzertdesign« andeutet, bis heute noch nicht am Ende angelangt und man kann an fast jedes Wort »Design« anhängen (oder fast jedem Wort voranstellen), um es wichtig zu machen: Transformationsdesign, Lebensdesign, Environmental Design, Emergency Design.

Der häufig englischsprachige Gebrauch verschleiert, dass die Wurzel des Design-Begriffs in den romanischen Sprachen liegt: Ab dem 15. Jahrhundert bezeichnet das »disegno« zunehmend einen Entwurf, eine Vorlage für ein später Herzustellendes. 1563 schließlich wird in Florenz die Accademia delle Arti del Disegno gegründet, mit der sich die entwerfenden Künstler von den ausführenden Handwerkern institutionell absetzen. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert kommt es zu einer Gegenbewegung und Adolf Loos – bekannt durch Ornament und Verbrechen – lässt einen Sattlermeister zum Kunstgewerbler sagen: »Wenn ich so wenig vom pferd, vom reiten und vom leder verstünde wie sie, hätte ich auch ihre phantasie.« Die Erfindung soll wieder an die Funktion gekoppelt werden, sich aus dieser ableiten. Radikalisiert werden diese Fragestellungen durch die zunehmende industrielle Fertigung – ein Thema, das vor allem im Werkbund reflektiert wird. Ein entscheidender Unterschied jedoch bleibt bestehen: Der Designer schafft einen Entwurf, an dessen Ende ein Produkt steht, oder, wenn es um wissenschaftliche Design-Prozesse geht, eine Lösung. Der Designer schafft ein Layout, innerhalb dessen Dritte agieren.

Die Aufgabe des Dramaturgen ist demgegenüber tendenziell eine andere. Dem griechischen Wortursprung nach ist der Dramaturg derjenige, der das »Werk schafft«, was im alten Griechenland so viel hieß, wie: den Mythos für die jeweilige Aufführung einzurichten, in ein sprachliches Gewand zu kleiden. In diesem schöpferischen Sinne wird die Berufsbezeichnung noch sowohl im romanischen, als auch im slawischen Sprachraum verwendet. Im deutschsprachigen Raum hat der Beruf des Dramaturgen noch andere Konturen gewonnen. Seit der Veröffentlichung von Lessings »Hamburgischer Dramaturgie« 1769 haben die Dramaturgen an deutschen Theatern und Orchestern sich eine Vielfalt von Tätigkeitsfeldern angeeignet, die Schnittstellen in verschiedene Richtungen bilden. Sie reichen von der Spielplanung, über die philologische und archäologische Arbeit an einem Werk bis hin zur Vermittlung innerhalb komplexer künstlerischer Prozesse – nach innen wie nach außen. Wo die Aufgabe des Dramaturgen sich in einer dieser Teilaufgaben erschöpft, verfehlt sie einen Kern des Berufs. (In der letzten Ausgabe von VAN, sagte der Regisseur Benedikt von Peter: »Oft hört zum Beispiel der Bereich des Dramaturgen da auf, wo er die Einführung macht. Ich finde, dass sie bei den beschränkten Möglichkeiten, die wir haben, projektleiterische Fähigkeiten übernehmen sollen«, d. Red.) Klaus Zehelein, der, zum Intendanten berufen doch stets Dramaturg als Beruf angegeben hat, bezeichnete vor einigen Jahren noch als die Hauptaufgabe des Dramaturgen, »Anwalt des Textes« zu sein und leitete daraus die Verpflichtung ab, gegebenenfalls sogar »die institutionelle Pragmatik auf die Notwendigkeiten des Werkes zu befragen und sie gegebenenfalls anders, neu zu definieren.« Heute, da die Institutionen selbst auf dem Spiel stehen, gilt die Integrität des Textes immer weniger. Die Notwendigkeiten der Institution wenden sich gegen die Pragmatiken des Textes.

Zeheleins von der Arbeit im Musiktheater geprägte Auffassung ist nicht ohne Weiteres auf die Konzertdramaturgie zu übertragen. Besteht die Aufgabe des Konzertdramaturgen doch zunächst auch darin, im Dialog mit Dirigenten und Musikern eine Konstellation von Werken zu schaffen, die ihrerseits selbst einen neuen »Text« darstellt, der seine eigenen Aufführungsbedingungen kreiert. Diese Aufführungsbedingungen mit zu reflektieren, sie wo möglich anzupassen und zu verändern, sie, wo nötig, auch zu »re-designen« ist eine Aufgabe, der sich die Konzertdramaturgie in Zukunft verstärkt widmen muss. Anders als der Designer wird der Dramaturg jedoch niemals einen fertigen Entwurf abgeben, der umgesetzt wird, sondern er wird seine Hypothesen und Ideen im Dialog mit Dirigenten, Musikern, Regisseuren, Beleuchtern und Bühnenbildnern, Technikern, Inspizienten und Einlassdamen formulieren und revidieren, er wird drinnen sein im Prozess und draußen. Er wird Akteur bleiben im eigenen Layout – selbst wenn er schließlich die Ausführung niemals in der Hand haben wird. Der Dramaturg wird seinen Erfolg nicht vom Gelingen abhängig machen, sondern davon, ob es möglich war, die Ambivalenzen offen zu halten; nicht davon, ob eine Lösung gefunden worden ist, sondern davon, ob die Probleme sichtbar geworden sind.

Design kann der Dramaturg nur so verstehen, wie die Memphis Group »Design« definiert hat: »The design is no longer a solution but a hypothesis. It is not a definitive declaration, but a stage, a transitory moment, a container of possibilities.« In dieser Definition begegnen sich Dramaturgie und Design. Sie bringen Dinge in Bewegung und halten sie darin. Konzerte nicht als Reaktion auf »rasant sich ändernde Rahmenbedingungen«, sondern als Anlass, diese Rahmenbedingungen selbst wieder einmal in Frage zu stellen. ¶