Kurz vor der Pause macht sich Wut breit – die Wut von Patricia Kopatchinskaja. Ganz in Schwarz steht die Geigerin auf dem Podium, drückt den Bogen auf die Saite. Grell, qualvoll klingt der Ton in hoher Lage, er scheint zu fliehen, getrieben von Streichern, die der Solostimme zusetzen.

Gezupfte Unerbittlichkeit in dreifachem Forte.

Die Wut heißt das Stück für Streicher. Patricia Kopatchinskaja hat es eigens für die Camerata Bern geschrieben, das Vorzeigeensemble der Schweizer Bundesstadt, in der sie seit Jahren wohnt. Es ist eine Musik der Heimsuchung, der Obsession gar. »Es geht um A und B, zwei Töne, die mir seit längerem keine Ruhe lassen«, sagt sie bei der Uraufführung. »Irgendwann war ich wütend auf die Töne, sie zerschnitten mir die Seele. Ich hörte sie in jedem Künstlerzimmer, vor jedem Einschlafen, beim Aufwachen. Ich konnte nicht anders, als sie aus dem inneren Ohr nach außen zu werfen, um ihnen ein Eigenleben zu geben.«

»Du stehst da, schwitzt wie ein Schwein und wirst von 1.000 Personen angestarrt …«

Was da alles mitklingt. Patricia Kopatchinskaja, 37, ist längst Teil eines globalen Klassikbetriebs geworden, der die allerbesten adelt und zugleich zu Spielmaschinen degradiert. »Mein erster Gedanke am Morgen ist: Was muss ich heute spielen? Der zweite: Wo bin ich eigentlich? Dann beginne ich, die Finger zu spüren, nehme die Noten hervor – es ist wie Schlafwandeln«, erzählt sie 2012, an einem Frühlingsnachmittag zu Hause in Bern. »Man kann sich gar nicht vorstellen, was so ein Solistenleben bedeutet, wenn man es nicht erlebt. Auch der Druck auf der Bühne: Du stehst da, schwitzt wie ein Schwein und wirst von 1.000 Personen angestarrt, während du versuchst, nicht nur die Töne zu spielen, sondern auch das, was hinter diesen Tönen steht, die ganze Philosophie.« Patricia Kopatchinskaja klingt verzweifelt. Und lacht. Eben habe sie einen Nähkurs besucht, zusammen mit ihrer Tochter, erzählt sie. »Das war für mich eine seltsame Welt. Im normalen Leben bewege ich mich wie auf dem Mond.«

Mutter Erde liegt in Moldawien. Dort kommt sie her. Dort ist sie wieder hingegangen, für einen Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens.

Ein Maisfeld ist darin zu sehen. Patricia Kopatchinskaja tastet sich barfuß über den Ackerboden, streicht mit den Händen über Blätter und Rispen. Dazu erklingt Musik. Ihre Musik. Sie setzt sich, fein gewandet und geschminkt, neben geerntete Kolben und erzählt die Geschichte ihres Vaters: Wie ihn der Wind von hier einst in die Hauptstadt Chișinău wehte, wo er zum Musiker wurde.

Viktor Kopatchinsky bringt es vom Bauernsohn zum berühmtesten Zymbalvirtuosen der Sowjetunion. Selbst die Parteibonzen beklatschen ihn, obwohl er mit dem Kommunismus nichts am Hut hat. Dann aber kommt der große Bruch, die Emigration nach Wien 1989. »Du kommst mit dem Zug aus Moldawien, einem chaotischen Land mit Feldern voller Kot und Müll. Dann, nach der österreichischen Grenze wird die Welt immer quadratischer und gepflegter, klarer. Die Leute lächeln auch, aber es bedeutet etwas anderes als in der Heimat.« Mit dreizehn, sagt Kopatchinskaja, »war ich älter als irgendein alter Mensch. Ich glaube ohnehin, dass ich eine alte Seele habe.«

In Wien muss sich die Familie mit 100 Schilling pro Tag durchschlagen, das sind sieben Euro, für vier Personen. Der Vater wird Kranführer, die Tochter erhält ein Stipendium, kommt nach Bern, wird entdeckt und gefördert, als ungeschliffener Diamant aus einer Welt, die niemand kennt.

»Ich liebe die Töne, die danebengehen. Das sind die interessantesten«

Was sie mitbringt: den Geist der Improvisation, den Geist der Volksmusik. Sie schöpft daraus, ob sie nun Mozart oder Béla Bartók spielt. Und sie spielt wie sie spricht, unverblümt, schillernd zwischen wunderlicher Weisheit und entwaffnender Banalität. »Ich liebe die Töne, die danebengehen. Das sind die interessantesten«, meint sie. Musik sei schließlich nicht da, um schön zu sein, sondern um das Leben zu reflektieren, mitsamt allen Hässlichkeiten, allen Fehlern und Unwägbarkeiten.

Doch das Ungehobelte, das Widerborstige auch, hat in der neuen Welt eine seltsam paradoxe Wirkung. Kopatchinskaja taucht auf als Gegenthese zum Klassikbetrieb, der auf Hochglanz abonniert ist. Und läuft sogleich Gefahr, vereinnahmt zu werden von ebendiesem, der Stars mit Alleinstellungsmerkmal produziert. Kopatchinskajas Mut zur Hässlichkeit, das kratzbürstige Spiel wird als unique selling point erkannt. Und sie selbst medial zur »geigenden Wildsau« (Spiegel) gekürt, die stets barfuß auf der Bühne steht. Was spielt es da für eine Rolle, dass Beethovens Violinkonzert bei ihr zärtlicher und zerbrechlicher klingt als bei allen andern?

Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61, 2. Satz Larghetto – attaca, Patricia Kopatchinskaja (Geige), Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe (Dirigent)

Lange weigert sie sich, CDs einzuspielen, sperrt sich gegen die »mechanischen Reproduktionen, welche die Plattenindustrie als Musik verkaufen will«. Nur im Konzertsaal lebe die Musik, sagt sie, als Erlebnis im Moment. Dann, 2008, spielt sie doch noch ihr erstes Album ein, mit dem türkischen Pianisten Fazil Say, ein Strauß voller Sonaten, ausgeschmückt mit rumänischen Volkstänzen von Bartók. Kopatchinskaja verrät sich selber und bleibt sich zugleich treu. Beethovens Kreutzer-Sonate ist nichts weniger als ein Schock. So zart manche Stellen anmuten, sie schlagen immer wieder um in nackte Gewalt. Aufgewühlt klingt das Klavier, schneidend und schmutzig die Geige, selbst im heiteren Überschwang des Schlusssatzes. Am Ende ahnt man, weshalb ein Zeitgenosse Beethovens das Werk mit »artistischem Terrorismus« in Verbindung brachte.

Immer wieder treten Kopatchinskaja und Say gemeinsam auf, die Presse sieht ein Traumduo am Werk. Kopatchinskaja indes kann darüber nur Seufzen. »Es ist nicht einfach. Ich glaube nicht, dass sich je zwei Musiker so in die Haare geraten sind wie wir.« Mozart geht gar nicht. Und auch bei einer Prokofjew-Sonate gibt es Streit. Über zwei Töne. Kopatchinskaja hört darin das Klopfen des sowjetischen Geheimdienstes, Fazil Say verwahrt sich entschieden dagegen. Ein weiteres Album mit ihm gibt es nicht.

CD-Aufnahmen von Kopatchinskaja aber kommen seit dem produktiven Selbstverrat in schöner Regelmäßigkeit auf den Markt. Sperrige Einspielungen vor allem, unverkäufliche Musik abseits des Mainstreams. Zuletzt eine Hommage an Galina Ustwolskaja (1919–2006), die zurückgezogen in  St. Petersburg lebte. Gerade einmal 25 Werke hat die Russin komponiert, Werke von einer existenziellen Direktheit, die alle Wunden offenlegt. »Ihre Musik ist stärker und aussagekräftiger als das meiste, was ich kenne, und sie lässt mich nicht mehr los, seit ich sie das erste Mal gehört habe«, sagt Kopatchinskaja. Diese Musik zu spielen, sei »nicht ungefährlich für die Seele«. Man spürt es in jedem Moment dieser Aufnahme.

Schreien, schimpfen, flüstern, husten: Ihre Geige kennt keine Tabus. Ein »super Kamerad« sei sie, findet Kopatchinskaja. Bei einem Sommerfestival in den Berner Bergen spielt sie  Vivaldis Violinkonzert »La tempesta di mare«, zeigt mit entwaffnender Unverfrorenheit, wie man der Interpretation eines Klassikers die Aura einer Uraufführung verleiht. Kopatchinskaja tauscht die Ecksätze kurzerhand aus. Der fröhliche Wellentanz des Finalsatzes wird zum Auftakt des Werks, der Kopfsatz zum Final-Orkan von fast apokalyptischer Wucht. Man fragt sich, weshalb der Komponist nicht selber darauf gekommen ist. Am Ende des Mittelsatzes produziert sie Töne, die fast mehr an Katzenjammer, an arabische Volksmusik oder ätherische Klänge aus dem All als an Vivaldi erinnern.

Manchmal schrammt der Spielwitz die Grenze zur Clownerie. So wie bei Mozarts D-Dur-Violinkonzert KV 218, das Kopatchinskaja an diesem Abend mit der Camerata Bern aufführt. Kein Wunder. »Ich höre hier Oper, Kindertrompeten, Späße, betrunkene Dudelsackspieler, rutschige Parkette, schlecht tanzende Aristokraten, aber auch Engel und Verliebte«, erzählt sie.

Kaum weniger theatralisch wirkt das d-Moll-Klavierkonzert KV 466 im Konzert. Kopatchinskaja ist jetzt die »Anführerin« der Camerata Bern, treibt das Ensemble an, verleiht diesem Mozart eine geradezu explosive, dreckige Dramatik.

»Die meisten Musiker bringen einen schönen Kuchen mit auf die Bühne … Ich nehme bloß die Zutaten mit und backe den Kuchen auf der Bühne!«

Das also kommt raus, wenn Kopatchinskaja, die »passionierte Hausfrau« (O-Ton), auf der Bühne bäckt.»Die meisten Musiker bringen einen schönen Kuchen mit auf die Bühne, fertig gebacken, alles korrekt nach Rezept«, sagt Kopatchinskaja. »Ich nehme bloß die Zutaten mit und backe den Kuchen auf der Bühne! Der Ofen sieht immer anders aus, und auch die Zutaten wechseln. Manchmal misslingt der Kuchen. Und manchmal kommt ein ganz anderer Kuchen heraus, als im Rezept stand. Das ist meine Art, zu backen. Und meine Art, Musik zu machen.« ¶

Oliver Meier

... ist Journalist und Publizistischer Planer bei SRF Kultur.