… trotzdem, habt ihr schon dieses Bild von Bach mit Umhängekeyboard gesehen?

Text · Übersetzung Jonas Löffler · Collagen VAN · Datum 22.2.2017

Hey, wusstest du, dass klassische Musik eigentlich echt cool ist? Die Komponisten waren krasse Rockstars, haben sich total danebenbenommen und hatten wahnsinnig viel Sex! Franz Liszt war der erste Rockstar der Welt! … oder war es Beethoven? Vielleicht auch Mozart. Jedenfalls haben sie sich wie Rockstars verhalten und das macht sie relevant für junge Leute. Die Uraufführung von Sacre du Printemps war so heftig, dass sie einen Aufstand auslöste! Der erste Moshpit der Weltgeschichte. So geil. Du bist nicht überzeugt? Hier ist Bach mit einem Umhängekeyboard.

Falls du klassische Musik magst und viel Zeit im Internet verbringst, stehen die Chancen nicht schlecht, dass du diesen oder ähnlichen Aussagen schon einmal begegnet bist. Man findet sie meistens auf Webseiten, deren Kerngeschäft nicht unbedingt die klassische Musik ist, sondern die sich an Leute richten, die gerne über Dinge Bescheid wissen. Die Beispiele aus der Einleitung kommen von NPR – National Public Radio, von Mental Floss, Nerdist, The Verge, Metal Sucks und Cracked. Man kann dieselbe Marketingstrategie aber auch bei etablierten Klassiklabels beobachten, auf Albumcovern und Werbebroschüren. Alle Versuche eint, dass sie junge Leute von der Coolness klassischer Musik überzeugen wollen. Nichts auf dieser Welt ist uncooler als etwas, das von offizieller Seite für ›cool‹ erklärt wird.

Der vermehrte Trend zur Coolnesserklärung geht gegen die gängige Meinung an, klassische Musik sei langweilig. Wenn du VAN liest, stehen die Chancen gut, dass du schon vom Gegenteil überzeugt bist. Aber … ist das Gegenteil von ›langweilig‹ notwendigerweise ›cool‹? Die konstruierte Polarität führt dazu, dass klassische Musik auf einen Platz gedrängt wird, den sie nicht wirklich gut ausfüllen kann.

Ein Problem mit ›coolen‹ Sachen ist, dass sie sich ständig verändern. Das ist eine der Schwächen von Argumentationen nach dem Muster: ›Die Musik hat das Publikum damals verrückt gemacht, du solltest heute also genau gleich darauf reagieren!‹ ›Popularität‹ wird zum Ausgangspunkt, um einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen. Alles, was heute gerade cool ist, wird dann in Vergangenem gesucht und oft auch gefunden. Wenn man einen Aspekt klassischer Musik auf diese Weise mit einem Aspekt der Gegenwartskultur verknüpft, riskiert man allerdings, dass genau dieser Aspekt schon nach kurzer Zeit wieder altmodisch daherkommt. Die Versuche werden schnell der Lächerlichkeit preisgegeben, wie im Fall dieses Musikvideos und dieser alten Albumcover (klar, einige davon waren von Anfang an humorvoll gemeint, bei anderen war es den Machern aber durchaus ernst).

Eine Gemeinsamkeit all dieser Bemühungen, klassische Musik ›cool‹ erscheinen zu lassen, ist der Fokus auf all das, was nicht Musik ist: zum Beispiel auf ausgefallene Komponistenpersönlichkeiten oder extreme Publikumsreaktionen. In der klassischen Musik gibt es eine lange und kontroverse Tradition der Fixierung auf Komponistenfiguren. Wenn man nun diese Komponisten, meistens sind sie ja männlich, in einen aktuellen Kontext stellt, werden aus den alten Marmorfiguren Menschen wie du und ich, die wir gerne einmal kennen lernen würden.

Miloš Formans Film Amadeus aus dem Jahr 1984 schafft es, beide Strategien zu verknüpfen. Er führt ein neues Publikum an die Musik Mozarts heran und ersetzt gleichzeitig das vorherrschende Bild des Komponisten mit makelloser Perücke und geschniegeltem Samtjäckchen durch das einer lachenden und furzenden Knalltüte, die für ihr Leben gern Party macht. Das passte natürlich gut zum Zeitgeist der 1980er Jahre. Rock Me Amadeus, Falcos Reaktion auf den Film, hatte auch nichts mit Mozarts Musik zu tun, dafür aber ziemlich viel mit seinen Eskapaden.

Funktioniert es also? Schafft man es, junge Leute für klassische Musik zu begeistern, wenn man Komponisten für ›cool‹ erklärt? Wohl eher nicht. Noch einmal: Nichts ist weniger cool als etwas, von dem man zunächst einmal überzeugt werden muss, dass es cool ist. Da kann man niemandem etwas vormachen. Der Effekt ist der gleiche, wenn man ein Stück Brokkoli mit Schokoladensauce serviert: Die Aufmerksamkeit wird dann vor allem darauf gerichtet, dass Brokkoli definitiv keine Schokolade ist.

Was aber funktioniert dann? Wenn ich Leute frage, was sie zu klassischer Musik gebracht hat, kreisen die Antworten meistens um Zeichentrickserien, Filme, Fernsehshows, Werbung, den Besuch einer Aufführung und das Lernen eines Instruments. All diese Antworten eint, dass in ihrem Zentrum die direkte Erfahrung klassischer Musik steht. Andere Leute haben mir gesagt, dass ihr Interesse durch Musik geweckt wurde, die klassischer Musik ähnlich ist, etwa durch manche Passagen bei den Beatles, Film- oder Computerspielmusik – wobei die Trennung von Filmmusik und ›klassischer Musik‹ schon immer etwas unklar war – immerhin haben auch Schostakowitsch und Copland Filmmusik geschrieben. Außerdem widmet sich mittlerweile eine ganze akademische Disziplin, die Ludomusikologie, der Erforschung von Videospielmusik. Jedenfalls war es immer das Hören der Musik selbst, das die Leute zur klassischen Musik geführt hat, nicht jemand anderes, der ihnen gesagt hat, dass sie die Musik mögen sollen.

Kehren wir zurück zum Beispiel von Amadeus. Ja, der Film hat tatsächlich in den 1980er Jahren so etwas wie eine Mozartrenaissance ausgelöst. Er hat aber auch viel mehr geleistet als Mozart zu einem Proto-Rockstar zu machen. Viele Zuschauer kamen durch ihn zum ersten Mal mit der Musik Mozarts in Berührung, angefangen von Salieris euphorischer Beschreibung der Divertimenti und Serenade für Blasinstrumente bis zu den bedeutungsschwangeren Fragmenten aus dem Requiem auf dem Höhepunkt des Films. Amadeus hat nicht nur gezeigt, wie populär Mozarts Musik in ihrer eigenen Zeit war – er hat neue Kontexte geschaffen, seine Musik heute nicht als langweiliges Relikt, sondern als spannend wahrzunehmen. Natürlich ist Musikgeschichte wichtig, immerhin schreibe ich einen Blog darüber, wie man die Fakten der Musikgeschichte richtig zusammenbekommen kann – das Ganze ist also ein großes Anliegen von mir. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass historische Fakten nicht dafür da sind, um ein neues Publikum zu gewinnen. Die ästhetische Erfahrung der Musik ist sicher intensiver, wenn man mehr über die Geschichte weiß. Der zündende Funke, sich zum ersten Mal mit klassischer Musik zu beschäftigen, springt aber immer bei der ästhetischen Erfahrung selbst und nicht bei der intellektuellen Beschäftigung über.

Als Musikwissenschaftlerin bemerke ich, dass Bemühungen, klassische Musik als cool erscheinen zu lassen, oft historische Tatsachen verdrehen. 1784 ist eben nicht 1984 und erst recht nicht 2017. Vielleicht gibt es Ähnlichkeiten – wenn man aus diesen aber zwanghaft das Gleiche herauslesen will, verfälscht man die Vergangenheit. Wie L. P. Hartley einmal feststellte: »Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, in dem die Menschen anders ticken.« Ein Teil der Faszination, die die Geschichte ausmacht, ist dieser Anklang von Fremdheit.

Interessanterweise sieht man in anderen Kunstsparten wesentlich seltener Versuche, Coolness zu erzeugen – wenigstens nicht mit dem Hauch von Verzweiflung, der solche Bemühungen in der klassischen Musik oft umweht. Man trifft Michelangelo selten mit Sonnenbrille an oder sieht Mark Twain beim Breakdance. Es scheint allgemeiner Konsens zu sein, dass man bildende Kunst versteht, wenn man sich ihr mit Blicken nähert. Literatur spricht unsere Sprache und wir können unsere eigenen Argumente für ihr Verständnis liefern. Die bemerkenswerteste Ausnahme ist hier vielleicht William Shakespeare, dessen archaische Sprache immer wieder ein Hindernis für Shakespeare-Neulinge darstellt. Klassische Musik erscheint oft in ähnlicher Weise nur den Eingeweihten vorbehalten. Es wird angenommen, dass sie schwierig ist und nach Erklärung und Übersetzung verlangt. Sie als ›cool‹ darzustellen, ist eine Möglichkeit, ihre Relevanz zu unterstreichen und die größere Mühe, sie schließlich zu verstehen, zu rechtfertigen.

Wenn man das Publikum für klassische Musik erweitern will (und das sollte ein Anliegen sein), macht es wenig Sinn, den Leuten zu sagen, warum genau sie klassische Musik mögen sollten. Vielmehr muss man ihnen die Möglichkeit zum Hören und zur Interaktion mit der Musik geben. Die eigenen Lieblingsstücke vorführen, Konzerte in einem Umfeld organisieren, das sonst nicht mit der Musik in Berührung kommt – das wären Möglichkeiten. Wichtig dabei ist, dass man keine vorgefertigten Interpretationen serviert, sondern den Meinungen der Hörer Raum lässt. Wenn sie denken, dass die Musik ›cool‹ ist – gut. Wenn sie das nicht denken – auch okay. Das Gegenteil von ›langweilig‹ ist am Ende nämlich nicht cool, sondern aufregend. ¶