»Die in der Zeitung abgedruckte Schmutzwelt ist die unsrige«, schreibt Thomas Bernhard in seinem letzten Roman Auslöschung. Ein Zerfall. Dasselbe könnte man sagen über Norman Lebrechts Blog »Slipped Disc«, die vielleicht einzige Plattform, die über klassische Musik so schreibt, wie innerhalb der Szene untereinander über sie gesprochen wird. Die Seite wurde schon als Breitbart der Klassik bezeichnet, allerdings scheint mir der Vergleich zum nicht mehr existierenden Blog »Gawker« passender. Zuweilen ist Slipped Disc sensationsgeil, gehässig oder behauptet schlichtweg falsche Dinge, und trotzdem lohnt sich die Lektüre oft. Vor ein paar Wochen traf ich Lebrecht nahe der Berliner Philharmonie auf einen Kaffee. Er kam gerade von einem Termin mit dem Orchester, trug einen blauen Anzug und ein gepunktetes Shirt. Auch wenn ich Lebrechts Ansichten nicht immer teilte, empfand ich ihn als herzlichen und anregenden Gesprächspartner.

VAN: Welche Rolle spielt Slipped Disc für das, was vom Klassik-Journalismus übrig geblieben ist?

Norman Lebrecht: Ich hatte vor Slipped Disc eine Zeit lang als Fernsehproduzent und danach als Redakteur bei einer großen Londoner Zeitung gearbeitet. Ich empfand das zunehmend als unbefriedigend: Ich hatte keinen richtigen Kontakt zur Leserschaft, musste permanent Dinge vereinfachen oder Offensichtliches immer wieder erklären. Das hat meine Texte ziemlich stumpf werden lassen. Ich dachte, es könnte interessant sein, einen direkteren Draht zu Leuten zu kriegen, denen ich nicht erst vorkauen muss, wer Gustav Mahler war.

Ich weiß nicht, wie groß unser Einfluss auf andere ist. Im Moment schaue ich eher, wie Slipped Disc seine eigene Dynamik, seinen eigenen Stil entwickelt. Meine Verbindungen mit dem Klassik-Business sind ambivalent. Ich kenne so ziemlich jeden, und alle gehen etwas argwöhnisch mit mir um, weil ich sie ab und zu dabei erwische, dass sie etwas tun, was sie nicht tun sollten. Und das ist eine gute Position für einen Journalisten. Es ist wahrscheinlich die einzig richtige.

Interessierst du dich persönlich für den Klatsch und Tratsch der Branche? Oder würdest du eigentlich lieber über Mahler schreiben, musst aber auch den Gossip bringen, um Leute auf deine Seite zu kriegen?

Beides macht mir Spaß. Von Mahler bin ich den Großteil meines Lebens besessen gewesen und es gibt diese Menschen, mit denen ich unglaublich nerdige Mahler-Diskussionen führe – über ein möglicherweise falsch gesetztes Kreuz oder B. Und ich liebe dieses tiefe Eintauchen. Klatsch ist menschliche Komödie, das mag ich daran. Ich habe angefangen, mich mit Musik zu beschäftigen, weil niemand so über sie geschrieben hat, wie ich es interessant finde. Die Musikwissenschaft widmete sich obskuren und abstrusen Fragen, die nichts damit zu tun hatten, wer die Komponistinnen oder Komponisten waren, wo sie zu bestimmten Zeitpunkten standen. Sie lieferte keine Antworten auf Fragen wie: Warum bedeutet mir dieses Stück etwas, was bedeutet diese Phrase für mich? So, wie man ansonsten auf all das guckt, was Menschen so machen, sei es im Restaurant oder im Schlafzimmer. Deswegen habe ich angefangen, diese Fragen zu stellen.

Was interessiert jemanden, der gerade aufgestanden ist, geduscht hat, sich angezogen hat und jetzt seinen ersten Kaffee trinkt? Sicher nicht Sibelius’ Vierte. Eher: Was hat dieser eine Dirigent gestern Nacht gemacht?

Warum ist die Berichterstattung von Slipped Disc oft – wenn ich so ehrlich sein darf – fehlerhaft?

Ich mache Fehler. Alle Journalist*innen machen Fehler. In Zeitungsredaktionen gibt es Mitarbeiter*innen, die deine Texte gegenchecken, zumindest gab es die mal. Dabei werden die meisten Fehler herausgefischt. Ich habe solche Leute nicht. Slipped Disc ist schnell, oft sind wir die Ersten. Wenn wir nicht die Ersten sind, bringe ich die Story nicht. Ich verlasse mich auf Quellen, denen ich traue, die ich, wenn immer möglich, prüfe. Aber von Zeit zu Zeit passieren Fehler.

Wenn ich mir eine*n Mitarbeiter*in leisten könnte, würde das nicht passieren. Irgendwann werde ich dazu in der Lage sein. Sollte ich mir bis dahin über die Fehler tagein tagaus den Kopf zerbrechen, so wie es manche nörglerische Slipped-Disc-Kritiker*innen, die zum Teil ihre eigenen Interessen verfolgen oder neidisch sind, vorgeben zu tun? Sollte ich wegen einer bestimmten Falschmeldung in Panik verfallen? Nein, denn ich korrigiere die Fehler, sobald mich jemand auf sie hinweist. Dann sind sie passé. Schnee von gestern. Kümmert euch um wichtigere Dinge!

Es braucht 4 Tage, dann korrigiert sich die Seite von selbst. Ich kann es mir nicht leisten, schwerwiegende Fehler zu machen, weil ich sonst verklagt werden würde. Diese … Legende, dass Slipped Disc vor Fehlern nur so strotzt, bringt mich nicht um den Schlaf. Auf lange Sicht stimmt das einfach nicht, und auf kurze Sicht werden die Fehler eben korrigiert.

2007 verklagte der Naxos-Vorstand Klaus Heymann deinen Verlag, weil eine Passage deines Buches Maestros, Masterpieces and Madness: The Secret Life and Shameful Death of the Classical Record Industry für ihn eine Verleumdung darstellte. Im Independent schrieb Andrew Johnson, dass du »Angst, Abscheu und Respekt« bei denen weckst, deren Karriere du »mit ein paar scharfen Worten beenden« könntest. War das jemals so?

Oh, wie unglaublich schmeichelhaft! [lacht] Wenn ich denken würde, dass ich Menschen ruiniere, würde ich es nicht wagen, auch nur einen Finger auf die Tastatur zu legen. Ich bin kein Killer. Ich habe ein Gewissen. Ethisches Feingefühl spielt eine große Rolle bei vielem, was ich tue. Es hat etwas von einem Mythos, dass ich [Darth Vader-Stimme]: Leute zerstören könnte.

Was außerdem nicht stimmt: Ich habe den Verleumdungsfall nicht verloren. Der Verlag hat sich über meinen Kopf hinweg für einen Vergleich entschieden, anstatt vor Gericht zu gehen.

Du stehst also zu dem, was du geschrieben hast?

Im Wesentlichen ja. Der britische Verlag hat das bereinigt. Ich glaube, weniger als 50 Exemplare wurden vernichtet. Im Taschenbuch haben wir etwas geändert – ich erinnere mich nicht mehr genau, aber es waren nicht mehr als fünf Fehler auf einer einzigen Seite.

Du warst einer der Ersten, die vom Vorwurf der sexuellen Gewalt gegenüber Levine wussten. In Who Killed Classical Music? hast du auf diesen Vorwurf angespielt und für Levine ein Pseudonym verwendet, du hast aber nie stichhaltige Beweise gefunden. War es für dich als Journalist hart, diese Story so lange mit dir herumzutragen?

Man tut, was man kann. Wenn du nicht genug Beweise findest, die auch vor Gericht verwendbar wären, kannst du die Story nicht veröffentlichen. Ich bin nie Zeuge dieser Handlungen geworden. Ich hatte Briefe und andere Dokumente von Leuten, die mir erzählten, was ihnen passiert ist. Aber Levine äußerte sich nicht, genau wie seine Leute. Als ich einmal mitbekam, dass er in London verhaftet worden war, kontaktierte ich die Metropolitan Police. Die sagten mir, er würde nicht angeklagt, also hatten wir keinen Beweis.

Deswegen konnte ich nichts machen, das war frustrierend. Ich habe Machtmissbrauch in der Klassikwelt immer verurteilt, in jeder Form. In diesem Fall äußerte sich der Machtmissbrauch in sexueller Gewalt, was besonders abscheulich ist.

Mich interessiert aber vor allem auch, wer Levine wie gedeckt hat. Wer war inwieweit involviert? Wie können diese Leute noch in den Spiegel schauen? Was auch immer die Met über ihre Anwält*innen verlauten lässt, es wussten mehr Leute davon. Einige sind bereits auf mich zugekommen. Aber Jeff, was tun wir als Journalisten? Wir sitzen hier und versuchen, die Welt ein kleines bisschen weniger schlecht zu machen. Mehr können wir nicht tun.

Auf Slipped Disc hast du den Klappentext des Buches Just Vibrations: The Purpose of Sounding Good (2016) des Musikwissenschaftlers William Cheng geteilt und sarkastisch geschrieben: ›Du dachtest, der Musikwissenschaft ginge es darum, die Geschichte und Bedeutung von Musik zu verstehen? Wie süß!‹ Woher kommt dieses Misstrauen gegenüber der Musikwissenschaft?

›Misstrauen‹? Ich befinde mich im Krieg mit der Musikwissenschaft, ok? Ich bin nicht der Erste, der das sagt, aber an der gesamten Disziplin Musikwissenschaft ist etwas faul.

Was?

Sie funktioniert wie Parapsychologie. Eine kultische Verehrung, die ihre eigenen Parameter en passant erfindet. Die Musikwissenschaft begann als Quasi-Wissenschaft. Im späten 19. Jahrhundert hatte der Begriff »Wissenschaft« Konjunktur, die Leute nannten alles eine Wissenschaft, und so wurde daraus »Musikwissenschaft«. Der erste wirklich glaubwürdige Musikwissenschaftler war wahrscheinlich Guido Adler, ein Freund Mahlers, der eigentlich ein Pionier der Erforschung des Gregorianischen Gesangs und der frühen Kirchenmusik war.

Daraufhin durchlief die Disziplin zwei Phasen. Die erste war die Akademisierung, im Zuge derer die Musikwissenschaft zu einer Art forensischem Notenstudium wurde. Das interessiert weder Musiker*innen, die spielen, was auf dem Papier steht, noch Leute, die Musik lieben. Und dann kam die nächste Phase, in der es bei Musik plötzlich überhaupt nicht mehr um Musik ging, sondern um Werte. Um soziale Gleichheit, Inklusivität und dass alle Musiken gleich viel wert sind.

Woran du nicht glaubst?

Nein. Nenn mich ruhig einen Ketzer.

Sprichst du da von der Musik aller Komponist*innen oder von der Musik aller Kulturen?

Alle Musik unterschiedlicher Kulturen. Ich denke nicht, dass alle Musiken gleichwertig sind. Du etwa?

Ja. Ich glaube definitiv nicht, dass klassische Musik besser ist als zum Beispiel Gamelan Musik.

Ich bin vielen Arten von Musik gegenüber sehr offen. Ich liebe Gamelan, arabische Musik, Pop- und Rockmusik, klassische Musik und alles, was wir für gewöhnlich ›leichte Musik‹ nennen. Ich bin absolut nicht wählerisch, was meinen Musikgeschmack angeht.

Aber ich kenne den Unterschied zwischen der Raffinesse eines Stücks von Richard Strauss oder Pierre Boulez und einer improvisierten, partiturlosen Musik für Percussion-Instrumente. Und wenn du mir weismachen willst, dass das Aneinanderhauen von Mülleimerdeckeln den gleichen kulturellen Wert hat wie eine Brahms-Sinfonie, würde ich sagen: ›Ok, ich bin raus.‹ Es ist nicht hip sowas zu sagen. Das ist mir egal. Ich stehe zu meiner Meinung.

Aber das funktioniert ja auch andersrum. Ich finde zum Beispiel Madlib raffinierter als Telemann.

Was soll mir Hip-Hop geben, abgesehen vom Text? Ich tu mich damit schwer.

Die Musik kann extrem ausgeklügelt sein.

Ja?

Ja.

Wirklich? Kannst du mir ein paar Beispiele schicken?

Sicher.

Wenn das stimmt, werde ich meinen Standpunkt ändern. Wir hören eine Menge Scheiß. Und viel davon ist klassischer Scheiß.


Mein Kollege Zack Ferriday und ich wählten drei Hip-Hop-Tracks aus und schickten sie per Mail an Lebrecht: Musik von The Cinematic Orchestra, Quasimoto (mit Madlib) und Edgar The Beatmaker. Bis Redaktionsschluss hatten wir noch nicht gehört, ob er seine Meinung revidiert hat. »Ich bin noch dran, was den Hip-Hop angeht«, schrieb er uns in einer Mail.


Das stimmt.

Wir entsorgen den Scheiß einfach. Wir sagen: ›Gib dir das nicht, das ist Müll.‹ Und vielleicht stimmt das nicht immer.  

Es gibt gute und schlechte Musik. Lasst uns einfach versuchen, den guten Kram zu finden. Aber ich finde es falsch, zu sagen, dass einfache musikalische Formen gleich viel wert sind wie komplexe. Das wäre als ob ich sagen würde: Der Wunderheiler ist genauso gut wie mein Hausarzt.

Ist die Wirkung von Musik auf die Hörenden nicht wichtiger als die Komplexität? Ich höre zum Beispiel gern Techno, weil ich es mag, wie diese Musik mich in Trance versetzt.

Sie bedienen unterschiedliche Bedürfnisse. Es kann auch sein, dass du mal an einem Restaurant mit Michelin-Stern vorbeigehst und dich in den McDonalds nebenan setzt und dich vollstopfst, weil du so einen riesigen Hunger hast. Ein andermal buchst du dann wieder den Tisch im Sterne-Restaurant, machst dir eine gute Zeit und genießt den Unterschied. So ist das für mich auch mit Musik.

Können wir behaupten, dass das, was in der europäischen klassischen Musik über Jahrhunderte hinweg entwickelt und verfeinert wurde, mit der ständigen Ausdifferenzierung der Instrumente und Techniken, von einer Qualität oder einem Wert ist, die die sagen wir mal – ich spreche jetzt von etwas, von dem ich gar keine Ahnung habe – Entwicklung der Didgeridoo-Musik in Australien übersteigt?

Ich denke, das können wir vielleicht. Ich möchte damit Didgeridoo-Musik nicht schlechtmachen, aber wenn du beides in Hinblick darauf vergleichst, wie ausgereift sie sind, ist es, als ob du das Restaurant mit Michelin-Stern mit McDonalds vergleichst.

Was mich an klassischer Musik interessiert, ist, wie wir von A nach B kommen. Hoffentlich ist es ein Fortschritt. Vielleicht entwickelt sich Hip-Hop rasant und du kannst mich davon überzeugen, dass es heute, 2018, ausgehend von seinen rauen Wurzeln eine vergleichbare Reise hingelegt hat. In diesem Falle: Hut ab.

Kommt es mir nur so vor oder sind die Kommentare auf Slipped Disc besonders gehässig?

[lacht] Weißt du, wir moderieren das. Die wirklich fiesen Kommentare nehmen wir nicht mit rein. Was ich aber allen Musikerinnen und Musikern sage, die sich verletzt fühlen von Kommentaren auf Slipped Disc: Es gibt da draußen Leute, die sowas über dich verbreiten und es ist besser für dich, das zu wissen. Komm damit klar.

Unter den Menschen, die sich für klassische Musik interessieren, gibt es viele, die mit ihrem Leben extrem unzufrieden sind. Vielleicht sind sie als Musiker*innen gescheitert oder haben Beziehungsprobleme oder sind unzufrieden mit ihrer Arbeit. Und sie ertragen es einfach nicht, jemanden zu sehen, der Erfolg hat und dem es gut geht. Diese Leute brauchen ein Ventil. Und manche – und das ist sehr schön – ändern ihre Meinung auch, wenn andere Kommentator*innen auf sie eingehen und schreiben: ›Begründe genauer, was du mit deinem Kommentar meinst.‹ Dann gibt es eine Debatte. Ich lese das nicht alles, aber manche Auseinandersetzungen sind sehr lebhaft. Im Sinne des Rechts auf freie Meinungsäußerung und einer offenen Gesellschaft nehmen wir nur wenige Kommentare raus: verleumderische Sachen, Niederträchtiges, und alles, was sich am Unglück anderer ergötzt [macht ein angeekeltes Gesicht].

»Es gibt da draußen Leute, die sowas über dich verbreiten. Es ist besser für dich, das zu wissen. Komm damit klar.« Norman Lebrecht, Gründer von Slipped Disc im Interview in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Wann kommt das Slipped-Disc-Redesign?

[lacht] Oh Mist. Es ist sowas von allerhöchste Zeit, oder? ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin. jeff@van-verlag.com