»Die in der Zeitung abgedruckte Schmutzwelt ist die unsrige«, schreibt Thomas Bernhard in seinem letzten Roman Auslöschung. Ein Zerfall. Dasselbe könnte man sagen über Norman Lebrechts Blog »Slipped Disc«, die vielleicht einzige Plattform, die über klassische Musik so schreibt, wie innerhalb der Szene untereinander über sie gesprochen wird. Die Seite wurde schon als Breitbart der Klassik bezeichnet, allerdings scheint mir der Vergleich zum nicht mehr existierenden Blog »Gawker« passender. Zuweilen ist Slipped Disc sensationsgeil, gehässig oder behauptet schlichtweg falsche Dinge, und trotzdem lohnt sich die Lektüre oft. Vor ein paar Wochen traf ich Lebrecht nahe der Berliner Philharmonie auf einen Kaffee. Er kam gerade von einem Termin mit dem Orchester, trug einen blauen Anzug und ein gepunktetes Shirt. Auch wenn ich Lebrechts Ansichten nicht immer teilte, empfand ich ihn als herzlichen und anregenden Gesprächspartner.

VAN: Welche Rolle spielt Slipped Disc für das, was vom Klassik-Journalismus übrig geblieben ist?

Norman Lebrecht: Ich hatte vor Slipped Disc eine Zeit lang als Fernsehproduzent und danach als Redakteur bei einer großen Londoner Zeitung gearbeitet. Ich empfand das zunehmend als unbefriedigend: Ich hatte keinen richtigen Kontakt zur Leserschaft, musste permanent Dinge vereinfachen oder Offensichtliches immer wieder erklären. Das hat meine Texte ziemlich stumpf werden lassen. Ich dachte, es könnte interessant sein, einen direkteren Draht zu Leuten zu kriegen, denen ich nicht erst vorkauen muss, wer Gustav Mahler war.


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.