Es ist ein Ziegel von einem Buch, ein Monument der Belesenheit, vielströmige Quelle der Inspiration, und der dritte Band der Textsammlungen von Norbert Abels, der lange Dramaturg der Frankfurter Oper war. Noch einmal 978 Seiten, über die Oper als solche, über Wagner und Verdi und viele andere. Allein das Format hat was Einschüchterndes; man kann damit Dinge beschweren oder dünnere Bücher abstützen oder Blütenblättchen pressen. Zum Lesen im Liegen ist es wegen seines eckigen Schwergewichts eher weniger geeignet. Auch nicht unbedingt für die Rezeption von vorn nach hinten. Ich empfehle, es wie nach dem ehrwürdigen Verfahren der Bibel-Lektüre an einer zufälligen Stelle aufzuschlagen: Du liest dich sofort fest, es funktioniert fast überall. Weil der Mann so immens viel weiß, neigt er syntaktisch zur Abschweifung, zu Einschüben und Gedankenstrichen. Wer ihm folgen will, muss geistig gut zu Fuß sein und darf Umwege nicht scheuen.

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In Abels Welt geht es um die weitreichende Frage, was »gute Musik« sei, es geht um »Bildung«, die Künstler- und die Fernseh-Oper, um Italien und Risorgimento, um Verdis Schiller, Hugo und Shakespeare und Wagners ästhetische Schriften, da ist Norbert Abels ein kundig-freundlicher Gedankenreiseführer. So wird Wagners meist mühsam zu lesende Theorie plausibel als Instrument der Durchsetzung einer Kunst, die den Rahmen des Opernbetriebs sprengen musste. Während Verdis Meisterschaft immer das real existierende Theater im Visier hatte  Überhaupt geht es, im dicken Mittelteil, um die beiden Opern-Champions des 19. Jahrhunderts, immer wieder um Wagner, dem Abels mit kritisch differenzierendem Respekt begegnet, und Verdi, wenn er etwa im historisch-dramaturgischen Gestrüpp des Simon Boccanegra für Ordnung sorgt.

Bei Verdi kommt zu Respekt und Sachkenntnis wohl noch ein Quäntchen mehr Liebe dazu. Das kann ich gut verstehen, mir gings bei meinem Verdi/Wagner-Buch 2013 am Ende ebenso: Verdi gewinnt. Es wird übrigens nicht zitiert, mein Buch, was aber kein Grund zum Schmollen sein muss, denn Abels zitiert ganz überwiegend nur die großen Alten: Hegel, Nietzsche, Schopenhauer, Schelling, Bloch und vielleicht noch Bie – darunter macht er’s nicht. Abels ist seine eigene Frankfurter Schule, durchaus im Schlagschatten Adornos.

Die dritte Abteilung des gelehrten Ziegels versammelt schließlich Aufsätze und Notizen zu verstreuten Werken und Sujets, von Offenbachs Rheinnixen über Wolf-Ferraris Vier Grobiane zu so verschiedenen Spätwerk-Spezialitäten wie Janáčeks Totenhaus und Straussens Capriccio. Ein lustig verpuzzelter Opernführer, aber immer mit Idee (nimm das, KI!) und zusammengehalten von der Sinnfrage, was uns das musikalische Theater von gestern denn noch zu sagen hätte. Und so kommt, bei aller Freude am gelehrten Detail und einer sensiblen ästhetischen Antenne, immer auch das Drumherum der Bubble in den Blick, The Society of Music. Wie hier einer, der so knietief im Text steckt, sich einen freien Blick auf den größeren Zusammenhang von »Europas originärer Kunstform« in global prekären Zeiten bewahrt hat, ist bemerkenswert; ja, hier schreibt ein Nerd, aber einer mit Übersicht. Er fragt beherzt nach der »Operngegenwart« und diagnostiziert (mit Fragezeichen) die »Abstinenz vom Hier und Jetzt« des immer unmöglicher werdenden Kunstwerks Oper. »Die Versuche der großen Opernhäuser, dem digitalen Kosmos der virtuellen Simulacrenwelt mit all seinen illusionistischen Instrumentarien Paroli zu bieten», findet er, als effekthaschende Anbiederei, nicht mehr als »erbarmungswürdig«. Das könnten Ausgangspunkte einer scharfen Analyse der Operngegenwart sein. Doch auf der Suche nach einem »fruchtbaren Boden, um das musikalische Spiel wieder auferstehen zu lassen« landet er dann doch wieder im Märchen, und das ist eine typisch Abels’sche Pointe: »‹Ei was, du Rotkopf‹, sagte der Esel, ›zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so wäre dies wohl fantastisch.‹« – Bestimmt. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹