Der kanadisch-amerikanischen Geigerin Leila Josefowicz gelingt es in ihrer internationalen Solistenkarriere, auf dem Grat zwischen dem erwartbaren Standardrepertoire für Violine und kühneren, neuen Stücken zu wandern. Sie hat unter anderem die Violinkonzerte von Esa-Pekka Salonen, Thomas Adès und Luca Francesconi uraufgeführt, John Adams schrieb für sie seine dramatische Sinfonie Scheherazade No. 2 (2015) für Solo-Violine und Orchester, ein Stück, das sie mit unermüdlichem Eifer und mit den großen Orchestern dieser Welt ins Repertoire spielt. Josefowicz hat aus erster Hand die dunkleren Seiten der Klassikwelt kennengelernt. Ihre Karriere begann bereits vor ihrer Teenagerzeit, als sie in den 1980er Jahren als »Wunderkind« vermarktet wurde – eine Erfahrung, die sie später im Leben nicht los ließ und die sie auch als Mutter immer wieder beschäftigt.Ich erreiche sie telefonisch in ihrem Haus in Scarsdale, New York. Wir reden über den praktischen Nutzen von Kompositionsaufträgen für Violinkonzerte, darüber, was interessante neue Musik für Violine ausmacht und über das Aufwachsen als Wunderkind in einer Musikkultur, die jugendlichem Können oft größere Bedeutung zuspricht als einer ethisch angemessenen Behandlung von Kindern.

VAN: Du hast im Jahr 2008 ein MacArthur Fellowship erhalten, unter anderem für deinen Einsatz für zeitgenössische Komponisten und deren Werke. Was bedeutet es für dich, dich für neue Musik einzusetzen und warum hast du dich dazu entschlossen, diesem Einsatz so große Bedeutung in deiner Arbeit als Musikerin beizumessen?
Leila Josefowicz: Ich hatte von klein auf eine sehr strenge Ausbildung. Meine ganze Kindheit war davon geprägt, dass ich lernen musste, richtig Geige zu spielen, eine korrekte Technik zu entwickeln, zu lernen wie man richtig übt, richtig zuhört. Nebenher baute ich langsam ein Repertoire auf: Etüden, Solostücke, verschiedene Konzerte. Das Standardrepertoire eben. Mir gelang das alles sehr gut und ich machte schnell Fortschritte. Ich war aber nie diejenige, die entschieden hat, was ich genau spielte, wann ich es spielte oder warum überhaupt. [lacht] Ich habe dann am Curtis Institute studiert, wo ich weiter die Stücke aus dem Standardrepertoire gelernt, geübt und aufgeführt habe, die wir alle so gerne mögen und die viele meiner Kollegen eine ganze Konzertsaison lang spielen. Mitten im Studium, etwa gegen Ende meiner Teeniezeit, gab es einen Moment, an den ich mich bis heute sehr genau erinnere: Ich saß in einem Hotelzimmer, schaute auf die Wand und dachte mir: »Okay, wird das jetzt für den gesamten Rest meiner Karriere so weitergehen? Tschaikowski, Mendelssohn, Beethoven, Brahms und Sibelius? War’s das etwa?« [lacht] Wenn ich damals rundum glücklich gewesen wäre, hätte es sich anders entwickelt. Ich hatte den Gedanken: »Ich bin zwar von dieser Musik nicht wirklich gelangweilt, weil sie großartig ist, kann mir aber einfach nicht vorstellen, dass es immer so weiterläuft. Das ist nicht innovativ, nicht spannend genug.« Und vielleicht sagte die Stimme des Wunderkinds in mir auch: »Verdammt, das ist einfach nicht rebellisch genug.« All das kam irgendwie zusammen und führte mich in die Richtung, spontanere Sachen zu machen, unerwartete Dinge, das Publikum dazu zu bringen, auf eine andere Weise zuzuhören.

