Ich treffe Leif Ove Andsnes im Dirigentenzimmer der Grieghalle. Andsnes wurde auf Karmøy geboren, einer Insel an der Westküste Norwegens zwischen Stavanger und Haugesund. Mit 16 kam er nach Bergen, um am Musikkonservatorium bei Jiří Hlinka zu studieren. Er wohnt nach wie vor in der Stadt (aus logistischen Gründen hat er auch noch eine Wohnung in Kopenhagen), seine Frau ist Hornistin im Bergen Filharmoniske Orkester. Früher hat er bis zu 110 Konzerte im Jahr gespielt und war 240 Tage unterwegs, erzählt er im Gespräch. Als im Juni 2010 sein erstes Kind zur Welt kam (im Mai 2013 folgten Zwillinge) hat er sein Pensum umgestellt: Er wollte nicht zu jemandem werden, »für den on-the-road zu einer Obsession wird, und der nicht mehr zu Hause sein kann.« Heute folgt er bestimmten Regeln: etwa 70 Konzerte im Jahr, nicht länger als ein halbes Jahr auf Tour, nie mehr als zwei Wochen am Stück, einen echten Sommerurlaub, eine Reduktion des Repertoires. »Ich glaube selbst Musiker, die keine Familie haben, sollten so planen, als hätten sie eine.«
Eine Repertoirefokussierung der leicht wahnhaften Art steht gerade kurz vor ihrem Abschluss: seine vierjährige Beethoven-Journey. Mit den fünf Klavierkonzerten und der Chorfantasie im Gepäck gab er 144 Konzerte in 22 Ländern, darunter 70 mit dem Mahler Chamber Orchestra (MCO). Was zunächst nach Superlativ klingt, erweist sich beim Hören der dabei mit dem MCO entstandenen Gesamteinspielung als gute Wahl – und fast wie eine Wiederbelebung dieser Werke; eine Navigation durch eine Meerenge bisheriger Aufnahmen und darüber hinaus. Vorbei an Flügelgrollen und Streicherwänden auf der einen, vorbei an der leicht blässlichen Sammlung historischer Informationen und Instrumente (Hammerklavier, Cembalo) auf der anderen Seite. Fast wie beim langsamen Formen einer Skulptur scheinen Andsnes und das MCO bei der gemeinsamen Arbeit (ohne Dirigent) jeden formentstellenden Überschuss, jeden unnötigen Schnörkel und bremsenden Ballast entfernt zu haben, um am Ende zu einer organisch gewachsenen Freiheit, einer flüssigen Transparenz und einem endlosen Farbenspektrum zu gelangen.

