»Leben mit einem Idioten« klingt für mich wie eine Untertreibung in der gegenwärtigen Lage, wo verschiedene Formen des Psychopathentums Voraussetzung für weltmächtigste Ämter zu sein scheinen. Und so scheint mir Alfred Schnittkes Oper Leben mit einem Idioten von 1992, deren Neuinszenierung, als Koproduktion mit Nancy, jetzt Premiere in Magdeburg feierte, gerade sehr fern und sehr zeitgemäß zugleich. Fern, da die Schockelemente des seltsamen Gleichnisses (da wird in Treppenhäuser geschissen und mit der Gartenschere ein Kopf abgeschnitten) fast schon öde nostalgisch wirken: Bürgerschreck-Attitüde der 1980er Jahre, oder sowjetisch gesprochen Arbeiter-und-Bauern-Schreck, besser Funktionärsschreck; der Regisseur der Amsterdamer Uraufführung, Boris Pokrowski, nannte vor einem Dritteljahrhundert Leben mit einem Idioten etwas kryptisch »die erste – und letzte – sowjetische Oper«. Und zeitgemäß, da das disruptorische Element der Fabel nun leider arg in unsere Kettensägen-Gegenwart passt, wo eigene Gesellschaften und fremde Länder wieder überfallen werden, von innen und von außen, in einer Unverblümtheit, die naiven Menschen längst passé schien.
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