Welche Rolle spielt Klimaschutz für deutsche Konzerthäuser und Orchester?

Text Merle Krafeld · Datum 7.3.2019

Fredrik Österling, der Intendant des Helsingborger Konserthus und Symphonieorchesters, fragte jüngst in VAN nach dem Sinn von internationalen Orchester-Tourneen: »Warum macht man sowas? Bringt das was für uns und unsere Kunst? Brauchen wir Bestätigung und Prestige, die wir auf Touren bekommen, wirklich?« Seine Antwort lautete: nein. Darum werden ab sofort für das Orchester keine Touren mehr geplant, deren Routen sich nicht mit Bahn, Bus oder Schiff zurücklegen lassen. Und es werden nur noch Dirigent*innen und Solist*innen eingeladen, die bei der Anreise den Luftweg ausschließen.In Sachen Klimaschutz ist in Schweden einiges in Bewegung geraten – und manches schwappt nach Deutschland über, wie der Klima-Schulstreik, den die Schülerin Greta Thunberg im August in Stockholm initiierte und an dem mittlerweile jeden Freitag in zahlreichen deutschen Städten tausende Schüler*innen teilnehmen. Für deutsche Spitzenorchester gehört das Reisen und, zumindest alle paar Jahre, Tourneen nach Übersee zum Standardprogramm, große Opern- und Konzerthäuser fliegen wöchentlich internationale Stars ein. Wie reagiert man hier auf die neuen Töne aus Helsingborg?

»Wir sind davon überzeugt, dass der klassische Markt ein globaler Markt ist«, meint Christian Beuke von den Münchner Philharmonikern, die zuletzt Ende 2018 auf Asien-Tour waren. »Wenn Orchester den Anspruch haben, zur Weltspitze zu gehören, dann ist diesem Anspruch impliziert, dass man sich beispielsweise auch jedes Jahr in Wien im Musikvereinssaal blicken lässt, dass man alle zwei, drei Jahre am amerikanischen Markt präsent ist.« Internationale Konzerttourneen beeinflussten das Prestige eines Klangkörpers stark, und damit zumindest mittelbar die finanzielle Situation. »Es ist so, dass es Interdependenzen gibt zwischen dem Prestige und der finanziellen Ausstattung von Orchestern. Das eine beeinflusst da das andere.« Beukes Résumé lautet darum: »So, wie ich den deutschen Konzertorchestermarkt einschätze, wäre mein Eindruck, dass die Anzahl der [Helsingborg]-Nachahmer eher gering ist.« Wie die Anzahl derer, die sich zu dieser Thematik überhaupt äußern wollen, könnte man hinzufügen. Erstaunlich viele Pressestellen, die sonst innerhalb von Stunden antworten, haben scheinbar die per Mail geschickte Anfrage nicht gelesen oder stecken zu tief im Saisonbroschüren- oder Produktionsendspurt für eine Antwort.

Vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin kommt auch auf telefonische Nachfrage »kein Kommentar«. Alexander Steinbeis, Orchesterdirektor des DSO, erklärte anlässlich der Asien-Tour des Orchesters 2015/16 im VAN-Interview: »Es geht darum, neben Berlin auch in anderen musikalischen Umgebungen präsent zu sein. In den großen Sälen der Welt aufzutreten, im Wiener Musikverein, in London bei den Proms und eben in der Suntory Hall hier in Tokio, das wirkt sich auch auf die Stellung des Orchesters zuhause aus. Unser Publikum, unsere Abonnenten in Berlin – die interessieren sich sehr für unsere Auslandsgastspiele und freuen sich, wenn ›ihr‹ Orchester unterwegs ist.« Im Zentrum steht also in erster Linie der Ruf der Klangkörper, nicht (mehr) die zumindest unmittelbare Aufbesserung der Kassen (viele Orchester sind heute froh, wenn ihre Tourneen kein Minusgeschäft sind), auch nicht primär die Bereicherung des Kulturlebens an den Tourneeorten – häufig große Städte, die ohnehin schon über ein vielfältiges Konzertleben verfügen, und an denen oft eher die lokalen Solisten-Größen, die sich tourende Orchester dazubuchen, für halbwegs volle Hallen sorgen. Die Nachfrage scheint also meist weniger auf Seiten des Publikums im Ausland als auf Seiten der Klangkörper (und deren Social Media-Content-Manager*innen) zu liegen.

Auf internationale Künstler*innen möchte Leander Hotaki, der Leiter der Albert Konzerte in Freiburg, in seiner Konzertreihe nicht verzichten. Er hat trotzdem Wege gefunden, seine Konzerte klimafreundlich zu gestalten. Ende November 2018 fand auf seine Initiative hin das erste klimaneutrale Konzert mit Thomas Hengelbrock, Klaus Maria Brandauer und dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble im Konzerthaus Freiburg statt. In Zusammenarbeit mit dem Klimaschutz-Unternehmen ARKTIK wurde im Vorhinein ermittelt, dass dieses Konzert in etwa einen CO2-Fußabdruck von 38,27 Tonnen verursacht. Entscheidend sind bei der Klimabilanz von Konzerten drei Faktoren: die Anfahrt des Publikums, die Anreise der Künstler*innen und die Energiebilanz des Hauses. Hotaki versucht, bei allen drei Faktoren CO2 einzusparen: »Bei den Locations überprüfen wir, inwieweit Emissionen reduziert werden können.« Die neue Saisonbroschüre enthält außerdem eine Umfrage über das Interesse an einem Nahverkehrs-Kombiticket ab der Saison 2020/21. »Ich habe das fest vor, aber es muss auch gewollt sein, zumal es mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist«, so Hotaki. Er überlegt auch, in Zukunft Konzerte eher anfangen zu lassen, damit anreisende Besucher von weiter außerhalb nach dem Konzert noch mit dem öffentlichen Nahverkehr nach Hause kommen.

Ganz so konsequent wie in Helsingborg mag man in Freiburg nicht sein. »Bei den Orchestern versuchen wir, soweit es geht Einfluss zu nehmen auf das Routing. Das heißt, wir versuchen gemeinsam mit der Agentur den Konzerttermin so zu setzen, dass ein Orchester, das ohnehin in Süddeutschland unterwegs ist, auch dann ein Konzert hier spielt und nicht erst noch einmal vorher nach Norddeutschland fliegt und für ein Konzert zurückkommen muss.« Die Klimafreundlichkeit im Hinterkopf wirkt sich aber auch auf die Frage aus, wer eingeladen wird: »Man muss sich schon überlegen, ob man noch alle Orchester durch den ganzen Querschnitt einlädt. Es gibt auf der Welt eine ganze Reihe von Orchestern, die sind in ihrer Orchesterpersönlichkeit, ihrem Klang unverwechselbar und einzigartig. Die Wiener Philharmoniker, die Berliner Philharmoniker, die Sächsische Staatskapelle Dresden, das Gewandhausorchester und etliche andere. Die Spitzenprojekte jedoch werden bei uns auch gegenfinanziert durch Konzerte mit Orchestern auf sehr gutem, aber letztlich oberem Mittelfeld-Niveau, die dennoch von weither mit dem Flugzeug anreisen, geadelt zum Beispiel durch einen zugkräftigen Solisten. Bei diesen Orchestern werde ich mittelfristig immer kritischer abwägen, ob die ökologische Belastung durch die Orchester-Reisen in Relation zum künstlerischen Ertrag des Gastspiels steht – falls ja, dann sollte das Konzert wenigstens klimaneutral stattfinden! In Zukunft werde ich versuchen, Starsolisten auch noch stärker mit vorzüglichen lokalen Orchestern zusammenzubringen.«

Wo Emissionen anfallen – denn völlig klimaneutral kann niemand, weder Künstler*innen noch Publikum anreisen – wird der CO2-Ausstoß in Freiburg mittels finanzieller Unterstützung von Klimaschutzprojekten »kompensiert«. Die Finanzierung der Kompensation erfolgt über Spenden von sogenannten »Klimapat*innen«. Die Bereitschaft, Klimapatenschaften zu übernehmen, ist beim Freiburger Publikum nach den ersten klimaneutralen Konzerten hoch, aber: »Es geht nicht darum, zu sagen: Wir machen genauso weiter wie bisher und kaufen uns dann mit einem Klimaschutzprojekt irgendwo am anderen Ende der Welt frei. Das Grundprinzip ist das Verursacherprinzip: Man versucht, die Emissionen vor Ort zu reduzieren.«

Dass Konzerthäuser versuchen, ihre Energiebilanz zu verbessern, ist in Provinz wie Metropolen mittlerweile mehr oder weniger Mainstream: Auf Energieeinsparung durch die Verwendung von LEDs bei der Beleuchtung setzen zum Beispiel die Kölner Philharmonie, das Konzerthaus Berlin, das Theater Bielefeld, das Konzerthaus Dortmund, die Musik- und Kongresshalle Lübeck (muk), die Deutsche Oper Berlin und die Hamburger Staatsoper. Fast alle genannten haben mittlerweile auch auf umweltfreundliche Klima-, Lüftungs- und Heizungsanlagen umgerüstet. Die muk in Lübeck hat auf diese Weise – verbunden mit einer Vielzahl weiterer Maßnahmen – ihren Energieverbrauch in den letzten 10 Jahren um 60% gesenkt. Bei Print-Publikationen wird an vielen Häusern auf ökologisches Material und lokale Produktion geachtet. Einige, wie die muk oder die Hamburger Staatsoper, beziehen zudem ausschließlich Ökostrom. Auch auf den ersten Blick kurios anmutende Nachhaltigkeits-Maßnahmen findet man im Norden: So beheimatet das Dach der muk mehrere Bienenvölker (in Lübeck hat man das Thema ohnehin schon seit 10 Jahren auf dem Schirm).

Den Faktor Publikumsmobilität nachhaltig zu denken spielt hingegen eine sehr viel kleinere Rolle.

Einfluss auf die Anreise von eingeladenen Solist*innen oder Dirigent*innen zu nehmen, kommt für die meisten Häuser nicht infrage. Der Pressesprecher der Bühnen Frankfurt gibt recht freimütig zu, sich über dieses Thema noch überhaupt keine Gedanken gemacht zu haben. »Kulturprojekte leben vom Austausch und der Begegnung. Eine No-Fly-Policy ist die wirkungsvollste Strategie zur Vermeidung von CO2-Emissionen, allerdings bei einem internationalen Haus wie unserem schwer umzusetzen«, so Elena Kountidou vom Konzerthaus Berlin. Die Kölner Philharmonie, die Philharmonie Essen, die Deutsche Oper Berlin und die Hamburger Staatsoper sehen das ähnlich. Auch von einer Kompensation der Flugreisen sehen diese Häuser ab. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) versucht, wann immer möglich in Deutschland und Europa mit der Bahn zu touren. Unvermeidbare Flugreisen sollen zukünftig über die Moor Futures-Initiative kompensiert werden. Auch die Münchner Philharmoniker reisen innerdeutsch mit der Bahn (die DB ist Sponsor des Orchesters) und kompensieren ausnahmslos alle Flugreisen über atmosfair – das hat die Stadt München vorgeschrieben (übrigens für alle ihre Angestellten).

Michael Becker, der Intendant der Tonhalle Düsseldorf, schlägt außerdem eine »ökologisch begründete Tourneeführung« vor: »Ein Mix aus regional(ansässig)en Künstlern und internationalen, die aber für mehrere Wochen nur die Region bereisen. Beispiel: Rheinschiene oder Benelux.« Inwieweit das an seinem Haus schon an Agenturen herangetragen wird, lässt er aber offen.

Immer wieder zeigt sich: Wo Klimaschutz eine größere Rolle spielt, haben meist überzeugte Einzelpersonen den Anstoß gegeben. In Freiburg Leander Hotaki, In Lübeck die muk-Geschäftsführerin Ilona Jarabek, beim RSB Chefdirigent Vladimir Jurowski – der nebenbei bemerkt sehr unzufrieden mit dem eigenen Jetset und in kommenden Saisons auf eine Reduktion bedacht ist. Jurowski war außerdem schon vor der großen medialen Aufmerksamkeit Fan von Greta Thunberg, von deren Engagement er über die Zusammenarbeit mit ihrer Mutter, der Opernsängerin Malena Ernmann, erfahren hatte.

Durch die Fixierung auf internationale Stars wird das Line-up der großen Konzerthäuser zunehmend austauschbar: dieselben Namen mit denselben Programmen. Alle größeren Orchester touren regelmäßig weltweit. Zahlt das alles wirklich noch ein auf den Markenkern? Oder ist das in Zeiten, in denen Städte wie München schon seit gut 7 Jahren versuchen, den CO2-Ausstoß wo es geht zu reduzieren und die Kompensation unvermeidbarer Flugreisen für alle Angestellten zur Auflage machen und London, Vancouver, Los Angeles und Basel den Klimanotstand ausrufen, wo nach Aussage von Fridays for Future mittlerweile freitags in 50 deutschen Städten fast 20.000 Schüler*innen, Auszubildende und Studierende für einen sofortigen Kohleausstieg und eine faire Klimapolitik demonstrierten, nicht eine antiquierte Annahme? Ein Festhalten an etwas, an das man sich die letzten 50 Jahre gewöhnt hat, was aber heute nicht mehr gilt?

Hier sind vielleicht auch die politischen Entscheider gefragt: Nicht nur um, wie im Falle Münchens, den Orchestern verbindliche Auflagen zur CO2-Kompensation zu machen. Auch der Eindruck, die finanzielle Ausstattung eines Orchesters durch die öffentliche Hand hänge direkt zusammen mit deren internationaler Sichtbarkeit und Gastspielen, fördert nicht unbedingt die Bereitschaft, die eigene Klimabilanz zu verbessern.

Welche Rolle spielt Klimaschutz für deutsche Konzerthäuser und Orchester?, fragt Merle Krafeld in @vanmusik.

Eine klimabewusstere Ausrichtung könnte hingegen auch neue Hörer*innen erreichen. »Jeder buhlt um das Klassikpublikum der Zukunft«, so Leander Hotaki. »Gerade die jungen Leute, die jetzt auf die Straße gehen – wenn wir die als Klassikfans und, ganz handfest gedacht, als Ticketkäufer gewinnen wollen, müssen wir Nachhaltigkeit positiv in unsere Marke einbauen.« So hat es auch Christina Gembaczka vom RSB erlebt: Den vom RSB und dem WWF veranstalteten »Meeresklängen« am 27. Januar 2019 lauschten so auch einige, die sich zwar viel mit Umweltschutz beschäftigt, aber noch nie in einem klassischen Konzert gesessen haben. ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.