Tatsächlich eine Form von Oper, entstanden sogar 250 Jahre, bevor die Europäer die Gattung »erfanden«: Das ist nicht falsch. Und doch wirkt dieses Etikett wie ein Notbehelf des westlichen Menschen, der versucht, sich dem Mysterium japanisches Nō-Theater anzunähern. Gewiss ist das »ein Gesamtkunstwerk mit Orchester, Chor, Rezitativ, Arie, Szene und Tanz«, wie Professor Glen Wilson in seiner Einführung anlässlich der Europatournee des Kanze Nō-Theaters schreibt. Der amerikanisch-niederländische Cembalist Wilson, Kenner japanischer Kultur, begreift das Genre naheliegenderweise zunächst einmal mittels der alten europäischen Musik.

Jeder Hörer, der nicht der japanischen Kultur entstammt, wird seinen eigenen Pfad des Begreifens wählen. Der könnte, vielleicht auch nicht abwegiger, ebenfalls über das klassische Kino von Ozu Yasujirō führen. Jedoch nicht, weil der große Ozu »Nō-Filme« gedreht hätte, sondern über die tragende Bedeutung von Reduktion, Langsamkeit und Stille, formaler Strenge, tragendem Bewusstsein der Vergänglichkeit. Es ist eine Zeit-Erfahrung, die den Betrachter in einen anderen Seinsmodus versetzen kann. Dem fremden Gast einer Nō-Aufführung mag es ergehen wie dem Kinogänger beim ersten Sehen eines Ozu-Films (ein Erlebnis, das niemand je vergisst): zuerst gewisse Ratlosigkeit, woran man hier ist – nach einer Weile dann schiere Überwältigung.


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?

… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com