Wenn ich an meine »Jugend musiziert« Jahre zurückdenke, bekomme ich stets ein flaues Gefühl in der Magengegend, und zwar nicht nur, wenn ich an meine Zeit als Teilnehmer denke, sondern auch dann, wenn ich mich an meine Zeit als Juror erinnere. Das Vorspielen war für mich immer ein Gräuel, weil mir das Gefühl gegeben wurde, nur dann erfolgreich sein zu können, wenn ich möglichst fehlerfrei spiele. In der Jury zu sitzen war für mich ebenfalls unangenehm, weil ich viele Teilnehmende erlebt habe, deren Hauptaugenmerk ebenso wie bei mir darauf lag, alles richtig zu machen. Dies ging oft so weit, dass Kandidat*innen mit massiven Angstsymptomen vor mir standen. Ich fand das sehr bedauerlich. Weil Musik nicht mit Angst ausgeübt werden sollte, habe ich meine Tätigkeit als Juror mittlerweile aufgegeben.

Ulrich Haider
Ulrich Haider

Ich kenne die Argumente derjenigen, die diesen Wettbewerb verteidigen, und natürlich können Motivation und Vorbereitung der Teilnehmenden einen Fortschritt am Instrument mit sich bringen. Ebenso kenne ich die Bemühungen der Organisatoren, auf die Juror*innen einzuwirken, eine freundliche Atmosphäre zu schaffen und grundsätzlich wohlwollend mit den Teilnehmenden umzugehen. Trotz allem ist und bleibt dieser Wettbewerb nach meiner Meinung ein sinnloses Bewerten und Vergleichen, mit wenigen Gewinner*innen und vielen Verlierer*innen. Eine derart leistungsorientierte Sichtweise von Musik erzeugt Konkurrenz, Druck, Stress und eine problematische Fehlerkultur. Darüber hinaus werden alle diejenigen von vornherein ausgeschlossen, die mit Problemen zu kämpfen haben oder in irgendeiner Weise eingeschränkt sind. Sie nehmen erst gar nicht teil oder werden zwangsläufig mit wenigen Punkten bewertet. Dies impliziert, dass sie »weniger wert« sind – bedauerlicherweise unabhängig davon, wie gewissenhaft sie an sich gearbeitet oder sich vorbereitet haben. Da helfen auch keine Jurygespräche.


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Ulrich Haider ist stellvertretender Solohornist bei den Münchner Philharmonikern und Vorstand des Vereins Orchester des Wandels e.V. Außerdem macht er Kampfsport und schreibt Kommentare für VAN.