Die Konzerte, Inszenierungen und Festivals, auf die die VAN-Autor*innen sich 2020 am meisten freuen.

Text VAN Redaktion und Autor*innen · Titelbild EdgarJa (CC BY-SA 2.0) · Datum 8.1.2020

Auch 2020 haben wir unsere Autor*innen wieder nach besonders vielversprechenden Veranstaltungsankündigungen für die nächsten 12 Monate gefragt. Und sie ein bisschen träumen lassen. Damit das Ganze nicht völlig aus dem Ruder läuft, bilden die folgenden Kategorien die Wegmarken:Talk of the town: Was wird das Event, das man nicht verpassen darf, über das alle zu Recht reden werden?Into the unknown: Was ist der heißeste Scheiß, den zu Unrecht niemand kennt?Wish You Were Here: Unendlich viel Zeit, Geld und Möglichkeiten: Wen ich wohin einladen würde, wenn ich Intendant*in wäre.

Jeffrey Arlo Brown

Talk of the Town

Im Mai 2019 spielte das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Vladimir Jurowski die Berliner Uraufführung von Griseys Zyklus Les espaces acoustiques. Jurowski verglich das Stück mit Wagners Ring und Strawinskis Sacre du Printemps und sagte, es sei »das erste Meisterwerk des 21. Jahrhunderts«. Die Skepsis beim RSB-Abopublikum schien jedoch groß. Im ersten Satz Prologue erkundet Grisey unglaublich raffiniert die Grenze zwischen Tonhöhe und Geräusch unter Verwendung schöner mikrotonaler Intervalle. »Dit is verstimmt«, sagte mein Sitznachbar. Im dritten Satz Partiels berichtete er seiner Frau laut und stolz, dass der Kontrabass jetzt spiele. Und trotzdem verstummte er irgendwann zwischen Modulations und Transitoires. Ich denke an einen schwierigen Schüler, dem die Witze ausgehen, wenn er das erste Mal durch ein Mikroskop oder Teleskop guckt. Schön, dass wir Berliner dieses Stück so bald wieder hören dürfen: am 31. März mit dem Ensemble Modern, der Jungen Deutsche Philharmonie, Megumi Kasakawa (Bratsche) und Sylvain Cambreling (Dirigent).

Into the Unknown 



Mir gehen langsam die Eigenschaftswörter aus um zu beschreiben, wie gut ich die Musik von Jay Schwartz finde. Man kann sich seine Orchesterstücke wie eine kleinere Dosis MDMA vorstellen, sie sind klangliche Ausschüttungen von Serotonin. Sein Music for Orchestra VII wird am 9. Juni 2020 vom Orchestra Filarmonica di Torino uraufgeführt. Von wegen Clubs: Die amerikanische Komponistin Ashley Fure bringt am 28. Januar eine Performance ins Berghain. Ich habe eine vielversprechende frühe Fassung des Stücks im Sommer gesehen, ein Spiel mit Geräusch, Stasis, Einsamkeit und Nähe.  



Wish You Were Here 



Diese Rubrik bestärkt mich auf gefährliche Art und Weise in meinem Größenwahn. Die Gesamtwerke von Jürg Frey gespielt vom JACK Quartet in einem Airbus A380 über dem Pazifik. Scelsis Anahit im verlassenen, zerstörten Haus neben der Autobahn außerhalb von Biesdorf, oder Georg Friedrich HaasLimited Approximations für sechs mikrotonal gestimmte Klaviere und großes Orchester im Theater der ehemaligen sowjetischen Armeestation in Vogelsang. Oder eine gute neue Inszenierung vom Ring in Bayreuth. Träumen darf man ja.

Katharina Thalmann

Talk of the Town

Mit Michael Sanderling verpflichtete das Luzerner Sinfonieorchester im November einen neuen Chefdirigenten, der »Seniorität verkörpert«. Bevor aber Maestro Sanderling seine Stelle 2021 antritt, freut man sich am Vierwaldstättersee auf einen Frühlingsboten der besonderen Art: Im Mai dirigiert kein Geringerer als Herbert Grönemeyer zwei Konzerte im KKL. Richtig gelesen, 2017 gab er sein Debüt am Pult der Bochumer Symphoniker mit Mozarts Jupitersinfonie mit einem »Dirigierstil, den man Freestyle nennen könnte«, wie die Ruhr Nachrichten damals schrieben. In Luzern wagt er sich an Schumanns Frühlingssinfonie, Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert (mit Martin Helmchen am Flügel) sowie an ein selbst komponiertes Medley für Orchester – Weltpremiere! Besonders zu Robert Schumann dürfte er eine innige Beziehung pflegen, mimte er ihn doch 1983 im Biopic Frühlingssinfonie an der Seite von Nastassja Kinski als Clara.

Into the Unknown

Spaß beiseite: In der Schweiz blühen seit einigen Jahren mehr und mehr kleine, aber sehr feine Festivals. Bemerkenswert ist beispielsweise das Musikfestival Bern, dem es seit 2017 gelingt, Konzerte, Installationen und Diskussionsrunden zu einem sorgfältig kuratierten Ganzen zu verdichten.

Das Festival ist als Verein organisiert, dessen Mitglieder von Konzert Theater Bern über das Konservatorium bis hin zum Zentrum Paul Klee oder der Berner Volkshochschule reichen. Es ist breit vernetzt und abgestützt, fördert das lokale freie Kunst- und Musikschaffen und besticht durch Innovation und Leichtigkeit.

Die vierte Ausgabe im September 2020 steht unter dem Motto »Tektonik«. Das Programm wird zwar erst im März veröffentlicht, aber bis dahin erinnern wir uns gerne an die Ausgabe 2019 zum Thema »rauschen«. Mit dem Künstler Zimoun als »Rauscher In Residence« und einem extrem kurzen Konzert mit extrem vielen Performern: Mauricio Kagels Eine Brise – Flüchtige Aktion für 111 Radfahrer dauerte gerade mal anderthalb Minuten.

Wish You Were Here

Zur Wiedereröffnung der Zürcher Tonhalle dirigiert Teodor Currentzis im März 2021 Mozarts Zauberflöte mit Herbert Grönemeyer als Papageno und Patricia Kopatchinskaja als Pamina. Die Proben beginnen schon im März 2020, denn die Inszenierung von Christoph Marthaler versetzt die Handlung in eine echte Westschweizer Fonduestube. Statt durch Feuer und Wasser wandeln Tamino und Pamina durch den Röstigraben und erklettern die Eigernordwand. Nach der Aufführung erwarten die Gäste im Foyer Raclette und ein Glas Féchy. Dazu spielt die ad-hoc-Band »Drei Knaben« (Heinz Holliger, Wolfgang Rihm, Helmut Lachenmann) ein Unplugged-Set mit Live-Visuals von Pipilotti Rist.

Volker Hagedorn

Talk of the Town

Nicht nur talk of the town, eher top act der Theaterwelt wird Richard Strauss´ Elektra in Salzburg. Neben Salome ist Elektra (1909) die heftigste, kühnste Oper von Strauss – und nicht nur in Salzburg zu erleben. Aber nur dort mit Asmik Grigorian, der Bahnbrecher-Salome von 2018, als Chrysothemis, und der ebenfalls litauischen Aušrinė Stundytė als Elektra – auch eine, die für ihre Figuren brennt. Mit Franz Welser-Möst am Pult, einem der sensibelsten Strauss-Versteher, und inszeniert von Krzysztof Warlikowski. Dieser cineastische Psychologe ist zwar reichlich oft im Einsatz, aber was ich zuletzt von ihm sah, Hoffmanns Erzählungen in Brüssel, war extrem inspirierend. Das wird also eher kein Bluträuschlein für Adabeis (Obergrenze: 445 Euro), sondern ein Abenteuer auf der Höhe der Zeit. Übrigens sind auch noch 20-Euro-Tickets zu haben.

Into the Unknown

Halten wir uns mal nicht auf damit, was »Spektralismus« ist und ob diese Kategorie uns nicht genauso beengt wie »Impressionismus«. Wichtiger schon, dass einer der visionärsten Komponisten, Gérard Grisey, für viele immer noch »unknown« ist, selbst nach der deutschen Erstaufführung seiner Espaces acoustiques voriges Jahr in Berlin. Grisey, 1946 in Frankreich geboren, wurde mit 52 Jahren aus dem Leben gerissen, an seinem großen Zyklus hat er elf Jahre lang gearbeitet. Wer alle sechs Werke, vom Bratschensolo bis zum großen Epilog, an einem Abend hört, macht eine transzendale Erfahrung. Sagen die, die es schon erlebten. Weitere Erlebnisse ermöglicht das Ensemble Modern, 40 Jahre jung: am 31. März in Berlin, am 29. April in Hamburg und am 1. Mai in Köln – jeweils in den örtlich verfügbaren, weithin bekannten Philharmonien.    

Wish You Were Here

Gern mehr von dem, was ich selbst gern mache, nämlich Text und Musik zu kombinieren, besser gesagt, zu komponieren, ohne den Gedanken der »Vermittlung« im Kopf, der die Zuhörer zu Nachhilfeschülern degradiert und die Texte zu Ködern macht. Für Ludwig v.B., dem das schrecklichste Jahr seines Nachlebens bevorsteht, käme eine Verbindung mit Rolf Dieter Brinkmanns Lyrik als Gegengift zu den Huldigungungsorgien in Frage. »Ich bin überhaupt nicht verpflichtet, jetzt hier das große Licht / anzumachen.« Davon ausgehen, und von allen vier Teilen des Gedichts drumherum. Irgendwo andocken nur mit dem gelbdämmerigen Anfang des Es-Dur-Klaviertrios, dann mal weitersehen… Es gibt nicht viele gute Musiker, die da mitmachen würden. Aber es gibt sie. Und der Sprecher müsste ein gut geerdeter Typ wie Peter Kaempfe sein.

Arno Lücker

Talk of the Town

Im Sprechtheater erlebe ich viel häufiger gute Abende als in Opernhäusern. Hier folgt keine Analyse, woran das liegen könnte. Fest steht: Mein krassestes und bestes Theatererlebnis 2019 war Max und Moritz von dem seit Jahren von mir (und nicht nur von mir) geliebten Regisseur Antú Romero Nunes. Das fulminante Stück, bei dem ich gelacht und geweint habe, läuft noch am 23. Februar im Berliner Ensemble. Und, ja, Musik spielt dort eine wichtige Rolle. Was 2020 betrifft, bleibe ich tatsächlich im Theater am Schiffbauerdamm, das ich auch immer wieder gähnend verlassen habe. Aber Frank Castorf, der mich ärgert, langweilt und begeistert, inszeniert dort Erich Kästners Roman Fabian, einem Werk aus dem Jahr 1931, der an einem der fatalen »Vorabende« der deutschen Geschichte spielt. Castorf wird zwei, drei Bedeutungsebenen, die einem erst total fremd erscheinen werden, dazumischen, wird Worte penetrieren, Situationen durch gemeine Längen unmöglich machen, Sachen vom Band spielen und so weiter. Dauern wird das Ganze bestimmt mehr als sechs Stunden. Und darauf freue mich. Premiere ist am 28. März.

Into the Unknown

Apropos »Dazumischen«. Ich bin letztes Jahr vierzig Jahre alt geworden. Dementsprechend freue ich mich über jeden Tag, den ich noch auf diesem Planeten, von dem es angeblich keine B-Version gibt, verbringen darf. Denn es könnte jeden Moment zu Ende sein. Daraus folgt für mich zum Beispiel die Offenheit für alles, was nicht vorher feststeht, was nicht marketingseitig als Totgeburt angeblicher Kreativität einer »möglichst breiten Öffentlichkeit« vermittelt werden soll. Ich mag Überraschungen. Und so weiß ich nicht, was am 19. Februar im Hamburger »bunkersalon« passieren wird. Dort werde ich mit der Komponistin Sarah Nemtsov und dem Philosophen Thomas Macho sitzen und über »Mögliche Zukünfte« sprechen. Angeblich soll es auch um die Symphonien Mozarts gehen. Tim-Erik Winzer wird Nötiges unterbrechend dazumischen, sollten wir uns verfransen.

Wish You Were Here

Wo ich gerade gerne wäre? Auf Sizilien. Aber natürlich nicht als normaler Tourist. Weil ich normalen Tourismus verabscheue, reise ich seit Jahren als Teammitglied des Unternehmens Eßkultur Berlin an vier verschiedene Orte in Italien. Ein Schauspieler und Regisseur (Paul Sonderegger) wandert mit uns zu den Stellen, wo berühmte Schriftsteller*innen einst wandelten – und liest uns aus den jeweiligen Werken vor. Abends gibt es dann immer das Essen, das die entsprechenden Künstler*innen wohl einst aßen… Fast wissenschaftlich anmoderiert, aber sehr amüsant. Dauert eine Woche, kostet nicht viel, ist alternativ und anti-touristisch. Vom 26. April bis 3. Mai geht es nach Sizilien. Und es gibt noch Plätze. Solche Reisen würde ich selbst veranstalten, an die verrücktesten und schönsten Orte reisen, um dort authentisch in Kultur und Landschaft einzutauchen. Und natürlich würde ich versuchen, überall auch Musiker*innen mitzunehmen, damit die mir an den kleinsten und schönsten Kirchen Italiens italienische Madrigalen aus dem 15. Jahrhundert vorsingen. Oder halt die Musik, die von jeweils dort kommt, wo ich gerade stehe.

Merle Krafeld

Talk of the Town

Ich beginne 2020 etwas nostalgisch: 2019 waren alle im Clara-Schumann-Wahn, mit, neben zahlreichen C.-S.-Konzerten, kuriosen Auswüchsen wie einer Clara-Schumann-Blumenmischung oder einer eigens für die Berliner Philharmoniker komponierten Kammeroper über die viel zu oft bemühte Geschichte des angeblichen Robert-Clara-Johannes-Lovetriangles. Wenn sich nun aber der Geburtstag der Komponistin nicht gerade zum 200. Mal jährt, scheint sich niemand für sie zu interessieren. 2020 müsste man nach Osaka reisen, um Danae Dörken mit dem Kansai Philharmonic Orchestra und Schumanns Klavierkonzert in a-Moll op. 7 live zu erleben.

Eine weitere 2019-Jubilarin ist Galina Ustvolskaya, die 1919 geboren wurde. Ihr Name zierte im letzten Jahr zwar nicht ganz so viele Konzertprogramme wie Claras (und erst recht keine Blumensamen), dafür bleibt sie zum Glück auch 2020 weiter präsent, zum Beispiel in drei Konzerten mit dem Ensemble Resonanz, Alexander Melnikov und Jeroen Berwaerts im Pierre Boulez Saal (27. Januar) und im kleinen Saal der Elbphilharmonie (28. und 29. Januar).

Into the Unknown

Ruth Crawford Seegers Andante for Strings würde ich gerne mal im Konzert hören. Ist aber so unknown, dass es 2020, zumindest meines Wissens nach, niemand in Europa spielt (immerhin aber Ende Januar in Los Angeles). In etwas erreichbarer Nähe: Das Ligeti Quartet bringt am 30. März in Frederiksborg ihr Streichquartett von 1931.

Wish You Were Here

Eine gute Freundin erzählte mir erst gestern von ihrem ersten klassischen Konzerterlebnis. Sie hatte das Bukarester Athenäum für Weihnachten dekoriert und dafür unter anderem eine Freikarte für ein Konzert mit Schubert, Brahms, Naidin, Bizet, Offenbach, Mozart, Ivanovici, Doga, Strauss, Kálmán und Verdi bekommen. Sie war hellauf begeistert (»SOO geil!«), aber: »Wäre es nicht gratis gewesen, wäre ich nicht hingegangen.« Jetzt planen wir den nächsten Konzertbesuch (diesmal auch bezahlt). Klassische Musik funktioniert, anders als Popmusik, zu Hause oder unterwegs mit Kopfhörer einfach nicht oder viel weniger – zumindest für mich. Um einfach mal ohne Klassik-Erfahrung Karten für die Philharmonie zu kaufen und zu schauen, was da so geht, sind die wahrscheinlich aber vielen zu teuer. »Es ist eben doch für viele eine Hemmschwelle, für etwas, das sie nicht kennen, Geld auszugeben«, sagt auch Boglárka Pecze vom großartigen Trio Catch, die für ihre Reihe ›Ohrknacker‹ aus demselben Grund die Eintrittskarten abgeschafft haben. Ich wünsche mir darum viel mehr Klassik-Freikarten für alle, oder zumindest für Geringverdienende und Klassik-Newbies. Nicht immer und für alle Aufführungen. Aber eben auch nicht nur für Groß-Events wie ›Staatsoper für alle‹, sondern für »normale« Konzerte in Sälen und Settings, die konzentriertes Hören oder auch Träumen oder Staunen ermöglichen.

Sebastian Solte

Talk of the Town

Mitten im Sommer, vom 14. bis 16. August, wird der Berliner Westhafen erstmalig zu einem Umschlagplatz Klang. Dieses Vorhaben von Daniel Ott und Enrico Stolzenburg will das Westhafen-Areal in Berlin-Moabit in einen riesigen, für das Publikum vielfältig erlebbaren Klangraum verwandeln. Möglich macht das unter der Leitung von Titus Engel ein echtes Berliner Ensemble-Kollektiv mit etwa 70 Mitwirkenden aus der freien Szene (u.a. von KNM, Zafraan, Mosaik, LUX:NM, Kaleidoskop, Sonar Quartett). Das Ganze wird übrigens vom Hauptstadtkulturfonds finanziert, der hierbei seine genuine Aufgabe wahrnimmt, besondere Kunstprojekte zu fördern, die nicht bereits durch Bundesmittel gepolstert werden. Ich bin begeistert, weiter so!

Into the Unknown

Wer war Christophe Bertrand (1981–2010)? Eine der bislang rar gesäten Gelegenheiten, die fantastische Musik dieses aus dem Elsass stammenden Komponisten kennenzulernen, bietet sich im Rahmen der Konzertreihe Rencontres am 28. Januar in der Musikbrauerei Berlin. Dann nämlich formen die Ensembles Zafraan und KNM Berlin gemeinsam einen 20-köpfigen Klangkörper, um unter der Leitung von Victor Aviat Bertrands erstes größer besetztes Stück Yet (2002) als deutsche Erstaufführung zu spielen. Dazu gibt es weitere entdeckenswerte Kompositionen von Johannes Schöllhorn (ebenfalls als deutsche Erstaufführung), Georges Aperghis und Stefan Keller zu hören, also nicht verpassen!

Wish You Were Here

Mein persönliches Motto für 2020 kann eigentlich nur »Fit for VAN« lauten. Daher würde ich mich dafür einsetzen, dass endlich einmal wieder Beethovens Neunte gespielt wird, die mit ihren immensen Anforderungen jeden Rahmen sprengt. Um einem derart wagemutigen Unterfangen finanziell unter die Arme zu greifen, müsste wahrscheinlich eigens eine hashtagtaugliche Projektgesellschaft gegründet werden. Außerdem wünschte ich mir, dass Klassik-Spitzenkräfte endlich besser bezahlt würden, damit die Schere zwischen ihnen und DAX-Vorständen nicht noch weiter aufgeht. Leistung muss sich wieder lohnen!

Was geht 2020? Worauf sich die Autor*innen von @vanmusik im kommenden Jahr am meisten freuen.

Elisa Erkelenz

Talk of the Town

»Vielleicht kann eine wirklich zeitgenössische Kunst einen Schritt näher zurück zu den Dingen treten«, erzählte mir der Performance-Künstler Ken Ueno 2019 im VAN-Interview inmitten der Proteste in Hongkong. Er konnte nach dem Erlebten zunächst nicht mehr komponieren, öffnete stattdessen seinen Blick für die zutiefst künstlerischen Szenen auf den Straßen. Statt einer Prognose daher mehr ein Wunsch: Dass sich die klassische Musikkultur ihrer Möglichkeiten für die Auseinandersetzung mit dem Gegenwärtigen auch hierzulande wieder bewusster wird.

Into the Unknown

Noch etwas geheim ist die Reihe »4fakultät« in Hamburg, die mit Intelligenz und Hingabe kuratiert wird und im Hinterhof Künstler*innen internationaler Improvisationskunst präsentiert. Jeder improvisiert mit jedem, der Reihe nach… Die Abende ellenlang, offenporig, hinreißend. Leider sind für 2020 noch keine Termine angekündigt, aber man munkelt, es geht weiter!

Wish You Were Here

Psst, das wird in 2020 tatsächlich Wirklichkeit: Im Radialsystem starten wir die Konzertreihe »Outernational«, die unseren Ohren beweist: Musik war immer eine Geschichte von Migration. Mit Keyvan und Bijan Chemirani, zwei fantastischen persischen Percussionisten, dem Lyra-Spieler Sokratis Sinopoulos, der arabischen Sängerin Kamilya Jubran, dem Trickster Orchestra und mehr von der Liste »Wish you were here«. In Kooperation mit VAN Outernational, wo ihr auch bald mehr darüber erfahrt!

Stefan Siegert

Talk of the Town

Den Empfehlungen meiner Kollegin Elisa Erkelenz, wohnhaft in derselben Stadt wie ich und näher an allem Nennenswerten, habe ich mit Freuden nichts hinzuzufügen.

Into the Unknown

Ich werde nie begreifen, wie es passieren konnte, dass stromlinienförmige Pedaltreter wie Justus Frantz vorzeiten eine Platte nach der anderen in den Treibsand der Vergänglichkeit setzten. Bis heute interessiert mich schätzungsweise achtzig Prozent dessen, was an solistischen Darbietungen auf den Markt kommt, unbeschadet der, verglichen mit Frantz durchweg beachtlichen technischen Meisterschaft justusfranzmäßig wenig. Dem Pianisten meiner Wahl hängt der Ruf eines Geheimtipps an. Dabei sieht er nicht viel schlechter aus als, sagen wir, Igor Levit und auf alle Fälle besser als Lang Lang. Sein Repertoire: bevorzugt das Unübliche auf gesucht unüblichen, wunderbar restaurierten alten Instrumenten, meist aus der eigenen Sammlung. Tobias Koch heißt er. Ein sensationell unverkrampfter, sein Können wie Zufall prima vista in seinen Vortrag einbauender Architekt der Plausibilität. So langsam kommt er ins Bild. Drei CDs mit sämtlichen Klavierstücken Beethovens liegen vor. Die Deutsche Grammophon hat sich anlässlich des Jubeljahrs mit den Stücken ohne Opuszahl, Hess, Kafka et al. endlich seiner Dienste versichert. Die zwölf Sonaten von Opus 13 bis 31, produziert von Andreas von Imhoffs Label Avi, kommen dieses Jahr hinzu. Am 1. und 2. Februar wird Koch, zusammen mit Gleichgestimmten wie Alexei Lubimov und Arthur Schoonderwoerd, in Antwerpen alle Sonaten des Tonsetzers aufführen. Am 5. Februar im Kölner Funkkonzert des WDR ein »jahreszeitlich-politisches Programm«, Lieder im Vormärz mit Musik von Beethoven, Spohr, Burgmüller, Kreutzer. Im Herbst des Jubeljahres wird man ihn im Süden des Landes und auf BR in der Glotze mit der Chorphantasie erleben können. Die Welt ist ungerecht, sagte meine Oma oft. Tobias Koch wird es ihr zeigen.

Wish You Were Here

Die Pianistin Annika Treutler bringt pünktlich zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz Ende Januar 2020 eine CD mit Werken des dort 1944 von den deutschen Faschisten umgebrachten tschechischen Komponisten Viktor Ullmann heraus.

Der das, in einer Zeit neoliberaler Geschichtsignoranz leider gar nicht selbstverständliche, durchaus verdienstvolle Projekt begleitende Film sagt auf Youtube dazu in bester Absicht das seit 75 Jahren Übliche: Wer aus der Vergangenheit nichts lernt, wird ihre Wiederkehr erleben et cetera. Eine Sprachregelung so alt wie der Staat, in dem wir leben. Sie hat weder brennende Flüchtlingsquartiere noch die erneute Beteiligung deutscher Soldaten an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verhindert. Das Menschheitsverbrechen, dem Viktor Ullmann 1944 zum Opfer fiel, begann 1929 mit einem Globalcrash des kapitalistischen Finanzsystems. Es handelte sich beim bis heute in keiner Weise bewältigten Bankencrash von 2008 um dieselbe Logik derselben Ökonomie. Mit denselben Folgen: durch massive Prekarisierung erzwungene Faschisierung, Rassismus, viele kleinere Kriege, am Ende der große Krieg. Es gehört zum Substrat der Weltkunst als eines geschichtlichen Phänomens, Ullmann inklusive, sich zur Geschichte zu verhalten. Wenige unrühmliche Ausnahmen beiseite, taten das die großen Künstler immer positiv. Der Jubilar Beethoven etwa, mit ihm die große Majorität seiner Kollegen, stand auf der Seite des Lebens, sie wandten sich – man höre das Dona nobis pacem der großen Messen von Bach bis Britten – gegen den Krieg. Ginge es nach mir, ich würde dafür sorgen, dass ARD und ZDF zeitgleich statt tagesschau und heute journal ein die Ullmann-CD begleitendes Konzert live übertrügen. Zur üppigen Finanzierung würde ich zwangsweise die einheimische Waffenindustrie heranziehen. Um geeignete Autorinnen für die kurze, deutliche Rede vorneweg würde ich mich kostenlos kümmern. ¶