Einer seiner letzten Texte in der F.A.Z. war der Nachruf auf den belgischen Bariton José van Dam. Es war einer dieser einlässlichen, genauen Texte, wie man sie von ihm kannte, und er eröffnete sie mit einer überraschend grundsätzlichen Frage: ob es sängerisches Genie gebe. Überraschend, weil er selbst ja vielfach und in einem langen Kritikerleben den Nachweis geführt hatte. Er wie kein anderer, wobei er seriös sparsam mit dem Begriff umging, den er dem Bariton van Dam zugestand, überhaupt Superlative mied, zumal er sich nicht nur den ganz großen Sängerinnen und Sängern, Caruso bis Callas, widmete, sondern auch den vielen anderen, den nicht ganz so großen, und auch hier, ernst und einlässlich, streng und differenziert, kritisch und liebend. Leidenschaftlich seine Suche nach dem treffenden Wort, um die so schwer beschreibbare Individualität einer Stimme zu erfassen, noch jenseits der technischen Gegebenheiten, mit denen er sich, der doch Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert hatte, bestens auskannte.
Jürgen Kesting hat, als Pressechef der Plattenfirma Electrola und als Redakteur und Reporter des ›Stern‹ eine Zeit erlebt, die einem heute als eine entfernte, womöglich »goldene« erscheint, als mit klassischer Musik und illustrierten Zeitungen noch Geld verdient wurde und in diesen illustrierten Zeitungen auch klassische Musik ein Thema sein konnte. Er hat den Strukturwandel der kulturaffinen Öffentlichkeit, den Bedeutungsverlust seiner Themen, früh erfahren und kritisch kommentiert, adressiert an Medien, Kulturbetrieb und Künstler. Noch in dem Text über van Dam fehlte der Seitenhieb auf die »Handelsreisenden« des Gesangs nicht, und dann fällt ein typischer Kesting-Satz, typisch in der phoniatrischen Genauigkeit wie in der kursivierten Referenz: »Auch war ihm Neigung vieler Fachkollegen, durch die Mischung der Vokale A und O einen big sound herzustellen, fremd.« Der big sound, die Posaune war auch Kestings Sache nicht, sein Instrument war das Florett.

