Freizeitwissenschaftlerin Renate Freericks im Interview.

Text · Titelbild lezumbalaberenjena (CC BY-NC-ND 2.0) · Datum 25.11.2020

›In meiner Freizeit gehe ich gerne Schwimmen oder ins Theater.‹ Hinter einem vor Corona unverdächtigen Satz trugen sich in den letzten Wochen heftige Grabenkämpfe aus. ›Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind, werden geschlossen‹, heißt es im Beschluss zum November-Shutdown. Dass Bund und Länder Kulturangebote als Freizeit und in einer Aufzählung neben Bordelle, Spielhallen und Fitnessstudios stellten, hat unter vielen Kulturschaffenden Empörung ausgelöst (Manch Cineast wiederum echauffierte sich darüber, dass die vermeintliche ›Hochkultur‹, Theater, Opern und Konzerthäuser, eine eigene Nummerierung bekamen, Kinos aber in zweiter Reihe mit Messen und Freizeitparks standen). ›Wer Kultur mit Freizeit gleichsetzt, zerstört die Fundamente der offenen Gesellschaft‹, sagt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda. ›Erst taucht man überhaupt nicht auf, dann steht man als Museum kurz vor dem Zoo‹, meint Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. ›Dabei sind wir weder ein Luxus noch ein Freizeitspaß. Wir sind Bildungseinrichtungen.‹ Im Freizeit-Shutdown und dem Ringen um ›Systemrelevanz‹ feierte bisweilen auch die Trennung zwischen anrüchigem U und heiligem E eine fröhliche Wiederauferstehung. Aber was ist eigentlich ›Freizeit‹, und warum ist sie nicht auch ›Kultur‹? Wir haben uns bei Renate Freericks erkundigt, Professorin für Pädagogische Freizeit- und Tourismuswissenschaft an der Hochschule Bremen und Leiterin des Internationalen Studiengangs Angewandte Freizeitwissenschaft.

Renate Freericks
Renate Freericks

VAN: Wie definieren Sie als Freizeitwissenschaftlerin Freizeit?

Renate Freericks: Wir definieren Freizeit zunächst einmal über Lebenszeit. Wir haben eine bestimmte Lebenszeit, in der es Zeiten gibt, die eher determiniert oder zweckbestimmt sind, und disponible Zeiten, freie Zeiten, die der Selbstbestimmung zur Verfügung stehen, die ich autonom gestalten kann.

Wann ist der Freizeitbegriff eigentlich entstanden?

Da streiten sich die Wissenschaftler ein bisschen. Einige sagen im 16. Jahrhundert, mit der Reformation, weil dort der Kapitalismus seinen Ursprung hat, die Absolutheit von Kirche und Religion sich verlor und die Verweltlichung einsetzte. Andere sagen, die Freizeit sei mit der Aufklärung entstanden, also im 17. Jahrhundert, im Kampf um Freiheit und Gleichheit, also dem Kampf des Bürgertums. Diejenigen, die eher einen sozialpolitischen Ansatz haben, sagen, sie ist mit der Industrialisierung entstanden.

›Freizeit‹ als Erfindung des Kapitalismus, um produktiver arbeiten zu können und die Arbeiterschaft bei Laune zu halten?

Soziologen wie Habermas haben das in den 1970er Jahren gerne so gesehen. Freizeit war negativ definiert als der ›Rest‹, der bleibt, wenn die Arbeit abgezogen wurde. Ende der 1970er, Anfang der 1980er, mit der Zunahme an freier Zeit, hat sie einen eigenen qualitativen Wert bekommen und wurde zunehmend positiv definiert: Freizeit als Zeit der Selbstbestimmung, für Emanzipation, für Selbstverwirklichung.

Hat sich der Dualismus von Arbeit und Freizeit mittlerweile aufgelöst, bzw. verschiebt er sich, weil aufgrund von Digitalisierung und KI in Zukunft immer weniger arbeiten, um Geld zu verdienen, und immer mehr freie Zeit mit Sinn gefüllt werden muss?

Er wird ein Stück weit noch aufrecht erhalten. Doch hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Wertewandel vollzogen. Durch die starke (Arbeits-)Zeitflexibilisierung seit Ende der 1990er verwischen zudem zunehmend die Grenzen. Digitalisierung und KI lassen Visionen einer Freizeitgesellschaft aufkommen, in der routinisierte, unangenehme Arbeiten wegfallen. Sie tragen wesentlich dazu bei, die gewonnene freie Zeit mit Lebenssinn zu füllen, sich Gedanken über eine erfüllte Zeit zu machen, mit Blick auf Verantwortung in der Gesellschaft.

Viele Kulturschaffende ärgern sich darüber, dass Kultur in der Beschlussfassung zum November-Shutdown unter Freizeitaktivitäten subsumiert wurde: Kultur sei keine Freizeit, sondern Bildung.

Für mich ist Freizeit insgesamt ein Lernort. Ich kann formale Abschlüsse erwerben, indem ich einen Schwimmkurs, einen Tanzkurs oder einen Trainerschein mache, oder ganz informell lernen, indem ich in ein Museum, ein Theaterstück oder ein Science Center gehe. Das erlebnisorientierte, außerschulische Lernen an informellen Lernorten in der Freizeit sollte eine stärkere Aufwertung bekommen. Bildung wird entgrenzt, sie findet nicht nur in der Schule statt, im Sinne von formalem Lernen, und auch nicht nur im Theater.

Verstehen Sie Kulturschaffende, die sagen: ›Wir sind keine Freizeit und wollen auch nicht als solche angesehen werden?‹

Ach, das gibt es schon so lange. Ich kann mich noch erinnern, wie Helmut Kohl in den 1980ern mal ganz empört meinte, Deutschland sei ein Freizeitpark, weil er eine Zunahme von Freizeit sah und die für ihn natürlich negativ konnotiert war. Diese Arbeitsethik, die Freizeit abwertet, sitzt noch tief in uns. Klar, Freizeit hat mehrere Funktionen. Sie hat eine kompensatorische Erholungsfunktion, als Ausgleich zur Arbeit. Man kann sich in seiner Freizeit in Mallorca an den Strand legen und alkoholische Getränke zu sich nehmen, um loszulassen und zu entspannen. Das ist auch wichtig. Aber sie hat auch eine Bildungsfunktion. Der Bildungsbegriff hat sich ja auch gewandelt. Ein kulturelles Erleben ist für mich nicht nur ›Bildung‹ im Sinne eines ›schweren Lernens‹. Wir leben in einer Gesellschaft des lebenslangen Lernens. Da geht es nicht darum zu sagen: ›Da ist der Ernst – die Arbeit und die Bildung – und dort die Freizeit – die Unterhaltung und der Spaß.‹ In einer erlebnisorientierten Gesellschaft geht es darum, das zusammen zu denken, weil es sich gegenseitig befruchtet. Wir hatten Ende der 1990er Jahre mal eine ähnliche Diskussion zu Museen, die sich unheimlich schwer damit taten, sich als einen erlebnisorientierten Lernort zu sehen oder Events einzubinden. Das hat sich auch total gewandelt. Es gab eine Tagung, die hieß ›Event zieht, Inhalt bindet‹. Da wurde vermittelt, dass der eigentliche Wert der Inhalt  ist, aber das Event die Leute anzieht. Dass Lernen Spaß machen und ich das ganz nebenbei mitnehmen kann.

Foto Robert Couse-Baker (CC BY 2.0)
Foto Robert Couse-Baker (CC BY 2.0)

So wie der Bildungsbegriff hat sich eigentlich auch der Kulturbegriff gewandelt und geöffnet. In der Debatte wird der jetzt oft wieder eng gefasst: als das, was in den öffentlichen Kulturinstitutionen stattfindet.

Den Kulturbegriff möchte ich als Freizeitwissenschaftlerin auf jeden Fall auch weiter fassen. Wir haben die ganzen letzten Jahre über Popular Culture gesprochen, wenn wir die Milieu- und Lebensstilforschung anschauen, dann sehen wir, wie viel unterschiedliche kulturelle Praktiken dort entstehen, die wir differenzieren müssen. Wenn ich aus prekären Milieus komme, interessiert mich doch die Hochkultur kaum. Aber dieses Freizeiterleben kann ich dann doch nicht abwerten.

›Wer Kultur mit Freizeit gleichsetzt, zerstört die Fundamente der offenen Gesellschaft‹, sagt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda. Er definiert Freizeit als ›Unterhaltung und Zerstreuung‹.

Puh, was soll ich jetzt dazu sagen? Ich glaube, dass es darum geht, die Entgrenzung von Bildung zu verstehen und als etwas Positives anzusehen. Selbst in einem Freizeitpark gibt es mittlerweile Lernmöglichkeiten, und das wird auch so kommuniziert. Ich kann dort physikalische Experimente machen oder Workshops zur Solarenergie. Und genauso denke ich: Es muss auch in der Kultur Freizeiterlebnisse geben, die ich nicht gleich abwerte als Unterhaltung. Wir leben in einer so pluralen, vielfältigen Gesellschaft, wir können das nicht in diese alten Schubladen packen. Die finde ich eher beängstigend.

Freizeitwissenschaftlerin Renate Freericks über das neue Unwort der Kulturbranche. In @vanmusik.

Wie hat sich Corona ausgewirkt auf das Freizeitverhalten? Und wird das Folgen haben?

Natürlich wird es erstmal ein ungemeines Bedürfnis geben, das soziale und kulturelle Erleben, das Reisen nachzuholen. Aber ich glaube schon, dass viele die Zeit jetzt nutzen, um darüber nachzudenken, wie ihr Freizeitverhalten bisher war und wie sie es ändern können. Dass manche gemerkt haben, was wichtig ist und was nicht. Vielleicht gehen manche dann bewusster damit um, wie oft sie in den Urlaub fliegen, ob nicht vielleicht auch eine große Reise alle zwei, drei Jahre reicht, und ob man nicht viele Wege auch mit dem Rad zurücklegen kann. Aktuell gibt es einen Wander- und Fahrrad-Boom und damit einen bewussteren Umgang mit Freizeit. Ich glaube schon, dass manche auch Hobbies wiederentdeckt haben, die sie weiter pflegen werden.

Welches Hobby haben Sie denn entdeckt?

Sudoku, das hat mich vorher nicht so interessiert. Da bin ich schon zu einer richtigen Expertin geworden. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.