Ob Jakob Lenz, Woyzeck, Macbeth oder Luigi Dallapiccolas Il prigioniero – der österreichische Bariton Georg Nigl kennt sie gut, die Außenseiter, Schmerzensmänner und Grenzgänger der Literatur. In vielen Inszenierungen hat er ihnen seine klare, charismatische Stimme geliehen, Licht in deren dunkle Welt gebracht und sie so nah an sein Publikum gerückt. Vom Feuilleton wird er dafür als Fachmann fürs Extreme gefeiert, als Tänzer »über dem Abgrund«, als »Meisterhedonist«. Doch im Moment ist auch Georg Nigl zum Schweigen verurteilt – jedenfalls auf der Bühne. Das vollständige Verstummen der klassischen Musikwelt will er allerdings nicht widerstandslos hinnehmen. Während er mit mir vom Balkon seiner Wohnung in Wien telefoniert, raucht er, sein Sohn übt im Nebenzimmer Klavier. Nigl spricht hastig, zuweilen wütend, mit viel Wiener Schmäh und warnt, ich würde es schwer haben, seinem Redefluss zu folgen. Auch ihn hat die Absagewelle kalt erwischt. Doch mehr als um die eigene Zukunft sorgt sich Nigl jetzt um die der gesamten Branche. Ob diese nach Corona wieder aufblühen wird, hänge vom Umgang mit den freischaffenden Künstlern ab.
VAN: Seit Mitte März ist es in den Konzert-und Opernhäusern nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt totenstill. Wo waren Sie als der Lockdown in Österreich verkündet wurde?
Georg Nigl: Ich war auf dem Weg nach Paris für Proben und Vorstellungen von Pascal Dusapins Macbeth an der Opéra Comique. Mein erster Flug wurde abgesagt, beim zweiten musste ich umsteigen, weil plötzlich nur noch 17 Leute nach Paris wollten – die Strecke ist sonst immer sehr gut ausgelastet. Da war mir schon mulmig zumute. Am nächsten Tag haben wir noch normal geprobt. Zu diesem Zeitpunkt erlaubte die französische Regierung Veranstaltungen bis zu 1.000 Leuten, die Oper arbeitete daran, die Zuschauerplätze auf die geforderte Zahl zu beschränken. Doch dann änderten sich die Informationen zu Maßnahmen und Infektionszahlen stündlich. Mir war klar, dass der Theaterbetrieb über die nächsten drei Wochen bis zu den Vorstellungen auch hier nicht aufrechterhalten würde. Ich bat um ein Gespräch mit dem Intendanten, fragte ihn, was ein Lockdown für uns Gäste bedeute, ob ich überhaupt noch aus Paris wegkommen würde…

